01. Woher bezog Rauschenberg eigentlich sein Wasser?

 

Wenn sich in früheren Jahrhunderten Menschen ansiedelten, war das Vorhandensein von Wasser als Lebenselixier stets eine entscheidende Bedingung. Wir wissen nicht, wie es im Detail im Mittelalter in unserer Stadt um die Wasserversorgung bestellt war. Dass die Menschen Brunnen bauten und nach Wasser gruben, kann mit ziemlicher Sicherheit gesagt werden. In noch heute lebendigen Sagen ist von geheimnisvollen rauschenden Wassern im Schlossberg die Rede. In der Realität ist anzunehmen, dass Rauschenberg tatsächlich Wasser aus Reserven im Schlossberg, aus der Wohra und den ihr zufließenden Bächen schöpfen konnte. 1. Wasserversorgung ganz früher: Es wird erzählt, dass in Rauschenberg das Wasser auch aus dem Schlossberg kam, zumal die erste Wohnansiedlung Rauschenbergs auf der Süd-Süd-West-Seite des Schlossbergs – zwischen dem heutigen Waldspielplatz und dem ehemaligen Rauschenberger Forstamt – lag. Aus dem durchlässigen, längs gerissenen Buntsandstein sei Wasser ausgetreten, das aufgefangen werden konnte und für den täglichen Gebrauch gereicht habe. Dass dies so in früheren Jahrhunderten gewesen sein kann, ist durchaus möglich, denn noch heute dringt bei starken Regenfällen vom Boden her Wasser in die Keller der Häuser unterhalb des Schlossbergs ein, z.B. im Haus Propfe, Kraftgasse 3, das mit seinen hinteren Gewölbekellerfunda-menten auf einer massiven Felszunge des Schlossberg-Sandsteinkegels gebaut ist. 2. Wasser für das Schloss ein interessantes Gebäude ist natürlich das Rauschenberger Schloss. Wir fanden einige Informationen zum Thema Wasser, insbesondere dass das Schloss eine eigene Wasserversorgung hatte. Der oldenburgische und bremische Rat Johann-Justus Winckelmann (1620-1699) bestätigt diese Angabe in seiner 1697 gedruckten „Hessischen Geschichte“, wenn er schreibt, dass es auf dem Schloss einen sehr tiefen durch die Stein-Felsen gehauenen, sehr nützlichen Brunnen gegeben habe, und er zitiert: „Wan man einen Stein hinein wirft, gibt es ein großes Geräusch von dem Anstossen.“ Und Bromm berichtet: „Nicht weit von dem Eingange in die Keller und vor demselben befand sich ein tiefer Brunnen, der wegen Gefahr der Kinder 1701 (mit ein paar Stein-platten) zugelegt wurde, 1788 aber ,mit Steinen und Erde fast gänzlich zugeworfen war.’“ (Bromm, S. 69). In einer Veröffentlichung der IG Schlossberg gibt es einen weiteren Hinweis auf den Brunnen. Dort heißt es: „Im Auftrag und Befehl der Hochfürstlichen Regierung wird bei Recherchen zur ‚Hess. Historie’ in einem Bericht von H. Kurtz am 28. Martii 1711 u.a. ausgeführt: ‚Bey diesem ahngeregtem altem Schloße ist ein gantz in Stein gehauener tieffer Brunnen ahnzutreffen, der aber von Zeit zu Zeit mit denen vom gesprengten Schloß daselbst gelegenen vielen Steinen derogestalt ahngefüllet worden ist, dass man, wan schon ein Stein jetzo hienunter geworffen wirdt, nicht hören kann, dass er in Wasser sondern uf Steine fülle.’ “ (IG Schlossberg). Bevor es diesen Brunnen gab, soll das Wasser aus einer nahen am benachbarten Hainberg (bei Bromm damalige Höhe mit 323,9 NN angegeben) befindlichen Quelle geholt und auf Eseln ins Schloss transportiert worden sein. Die betreffende Quelle heißt immer noch „Eselsquelle“ oder „Eselsborn“. Bromm berichtet weiter (S.38), dass die Stadt einen Wall und einen Graben zur Befestigung hatte, der jedoch trocken war. Ihn mit Wasser zu füllen, wie es andernorts üblich war, war offensichtlich die kleine Quelle nicht in der Lage. Das Wasser dieser Quelle nutzte man um 1850 auch für eine kleine Fontaine unterhalb des Eselsborns, die am 5. August 1853 (Bromm. S. 91, 106) feierlich eingeweiht wurde. Obergerichtsassessor a.D. Friedrich Stern trug die von ihm verfasste, heute noch bekannte „Wasserkantate“ mit Gesang vor, „als sich am Schloßberg bei Rauschenberg zum erstenmale eine Gesellschaft um die von Herrn Revierförster Grebe in den von ihm sorgfältig unterhaltenen Anlagen neu angelegte Fontaine vereinigte“. (Leider konnten von uns keine Noten ausfindig gemacht werden.) Der Text der ersten drei von 22 Strophen lautete wie folgt:

 

Wasserkantate

 

Es wird berichtet, dass diese Quelle um 1900 versiegte und dadurch auch die Fontaine im unterhalb des Eselsborns gelegenen Springbrunnen nicht mehr sprudelte. Deshalb legten Eduard Bromm und Konrad Schäfer in Handarbeit eine Wasserleitung vom im Jahr 1900 erbauten Wasserwerk (Hochbehälter) quer durch den Wald bis zum Springbrunnen. Dadurch wurde die Fontaine wieder zum Leben erweckt. Heute steht am Springbrunnen ein kleiner Gedenkstein für Eduard Bromm. 3. Wasser für die Stadt ab 1784 bis zum Jahr 1900 Was wissen wir aus dieser Zeit konkret über die Rauschenberger Wasserversorgung für die Bevölkerung? Wir haben für einige Phasen die uns vorliegenden Ergebnisse zusammengetragen: Anscheinend suchte die Stadt immer wieder nach Wasser und hatte zunächst u.a. auf dem Renthof (Grundstück gegenüber dem Stadtkircheneingang) vergeblich nach Wasser gegraben. Dann wurde man 1784 auf der sogenannten „Waschbach“ (Seibel, S. 72) fündig. Das ist vermutlich der unterste Stadtteich von drei immer wieder genannten, im hinteren Bereich der heutigen Straße „Auf der Bach“/„Über dem Stadtteich“ gelegenen Stadtteichen. Auch heute ist diese Gegend immer noch wasserreich. Übrigens, die Bewohner aus dem Stadtteil Wolfskaute versorgten sich nicht direkt aus den „Stadtteichen“ mit Wasser, sondern aus der in der Nähe gelegenen Gemarkung „Am Wäldchen“ in Richtung Albshausen – und das bis 1954. Allerdings musste das Wasser jeweils transportiert werden. Das Wasser fürs Vieh der Wolfskaute wurde überwiegend am Irrbächer geholt. Diese Information gab uns Heinrich Happel von der Wolfskaute. 1784 begann man mit dem Bau einer ersten Wasserleitung für die heutige Kernstadt. In natürlichem Lauf sollen die Stadtteich-Quellen in hölzernen Röhren bis vor das „Neue Thor“ und weiter zum gemauerten „Jacobs-Kump“ (s. auch das Kapitel über Kumpe) geleitet worden sein. Für die hölzernen Röhren benutzte man ausgehöhlte Baumstämme, die durch Eisenringe zusammengehalten wurden. Von diesen Röhren dürften bis heute noch etliche Röhren in der Erde liegen, denn beim Aushub von Erdfundamenten für den Bau eines großen Schuppens stieß der Landwirt Reiner Damm – Aussiedlerhof „Auf den Röhren“ – vor Jahren auf solche eichenen Röhren. Wasserkantate 22 Strophen, gesungen von Friedrich Sternam 5. August 1853Was rauscht im Berg? Weht durch die stolzen Wipfel der Edeltannen frische Sommerluft?Strömt sie hernieder von des Berges Gipfel,Erquickung spendend durch den kühlen Duft?Was sammeln sich in freudigem Gedränge die Menschen an dem Sommernachmittag?Durchwandeln sie des Berges Schattengänge zu lauschen auf der Drossel hellen Schlag?Horch, dorten rauscht es! Eine Wassersäule erhebt empor sich aus der Erde Schoos,sie schießt zur Höhe gleich dem raschen Pfeile und kehrt in Perlenthau zum Bett von Moos. In einer Wetteraufzeichnung aus dem Jahr 1857 wird berichtet, dass durch allzu große Trockenheit alle Brunnen versiegt waren und die Leute das Wasser mit viel Mühe aus der Wohra holen mussten. (Prüser, S. 265). 1865 wurde die beschriebene Wasserleitung für 1831 Thaler, 6 Sgr., 4 Hlr. (für uns übersetzt: 1831 Thaler, 6 Silbergroschen und 4 Heller) durch Bleirohre ersetzt. Die Straßennamen „Auf den Röhren“ und „Die Röhrengärten“ leiten sich von dieser städtischen Wasserleitung ab. Im Roman „Lehrer Korn“ von Valentin Traudt (einem um 1900 in Rauschenberg lebenden Lehrer und Dichter) erzählt auf Seite 51 ein Bürger namens Langholz: „Unser ganz alt Wasserleitung, das war was! Seht so kommt’s! Die ist aus der Erd gerisse worde, und sie habe eiserne Rohre gelegt und die sind auch niks mehr wert. Mein Urgroßvater hat mir’s noch erzählt, wie’s war. Holzrohre waren’s, armdick ausgebohrt, geteerte Lärchenstämm! Und das Wasser war gesund.“ Ob der Roman in Rauschenberg spielt, hat der Dichter offen gelassen, dass jedoch die nähere Umgebung gemeint ist, ist zu vermuten. Wenn die Stadtteiche zuviel Wasser lieferten, floss das überschüssige Wasser wie eh und je in den Bach im Timpelsgraben und damit weiter bis in die Aue, die sich an der Wohra befindet (wie bereits auch schon im „Memorial“ von Rentmeister Dornheck 1654 notiert). a) Die Stadtteiche für die vorerwähnten Jahre taucht immer wieder der Begriff „Stadtteiche“ auf. Dazu bemerkt der hronist Lehrer Mittler (Pfarrchronik I), dass es sich dabei um eine „sumpfige Wiese in einem Tälchen am Albshäuser Fußpfad“ handelt. Und weiter: „Hier liegen die gefassten Quellen zu unserer Wasserleitung. Früher war hier auch ein Teich, der bei Feuersbrunst losgelassen und dessen Wasser dann dicht bei der Stadt wieder gestaut wurde.“ C Als „Stadtteiche“ werden im Jagdkataster-Blatt auf einer Länge von gut einem halben Kilometer drei gefasste Quellen (heute gibt es zusätzlich zwei Sammelschächte) bezeichnet, die mit Deckeln versehen auf dem Feldweg hinter Wagners Hof, Flurnamen „Gänsehute“ und weiter „Am Stadtteich“ zu finden sind. Es handelt sich um die Flur 33 mit den Parzellen 65, 77 und 83.

 

Lageplan Stadtteiche

 

Quelle

Altes Rohr

 

An die vorgenannten Parzellen schließen sich im leicht ansteigenden Bereich jene mit der Bezeichnung „Über dem Stadtteich“ und „Am Albshäuser Fußpfad“ an. Heute spenden die Quellen ihr Wasser in den dort fließenden Bach, und durch gelegte Leitungen wird es auch zum Teil für unser Freibad benutzt. b) Die Kumpe Vorab ein Wort zur Erklärung: „Kump“ wurde auch „Kumpf“ oder „Komb“ genannt. „Komb“, gelegentlich auch mit „Tasse“ gedeutet, stammt aus dem Altdeutschen und bezeichnet ein tiefes mit Steinen ausgelegtes Loch.

 

Lageplan Kumpe

 

Der älteste Kump wurde wahrscheinlich im 13. Jahrhundert auf dem heutigen Marktplatz gebaut, war circa 8 Meter tief und trägt heute den Namen „Markt-Kump“. Aus ihm schöpfte die Bevölkerung bis zum Jahr 1900 das nötige Trinkwasser und im Ernstfall auch das Löschwasser. In den Chroniken ist zu lesen, dass die ab 1784 gelegte Wasserleitung das Wasser herbeiführte. Im Freilauf erreichte der Wasserstand exakt die Höhe der Haustürklinke des Hauses Schloßstrasse 8 (heute Familie Mertens). Wenn der Markt-Kump jedoch schon im 13. Jahrhundert gebaut wurde, so muss er bis zum Jahr 1784 einen anderen Zufluss gehabt haben. Wir konnten nicht herausfinden, woher dieses Wasser für den Markt-Kump kam. Sein Überlauf soll jedoch stets in den „Alten Kump“ (errichtet 1669) geflossen sein, der im sogenannten „Theißewinkel“ liegt. Der Markt-Kump am Markt war bis in die 1950er-Jahre zur Verschönerung des Platzes mit einem Springbrunnen versehen.

 

Markt Kump

 

Seit 1966 ziert ihn ein Trachtenpaar aus Buntsandstein. Zwischen den Weltkriegen war er am Himmelfahrtstag Ziel von Marburger Studentenverbindungen, die dort feierten und dabei die Erstsemester zur Taufe in den Brunnen warfen. Rauschenberger verdienten sich ein Zubrot, wenn sie nach Ende des Trinkgelages die Korporierten auf Leiterwagen über den „Anzefahrer Weg“ zum Anzefahrer Bahnhof zurückfuhren. Der zweite zu erwähnende Kump war der „Alte Kump“, den es seit 1669 gibt. Er befindet sich, wie schon erwähnt, im „Theißewinkel“, einem Parallelplatz zur Schmaleichertorstraße, und war für Löschwasser vorgesehen. Unter seiner heutigen Abdeckung mit Sandsteinplatten (es gab eine Zeitlang auch eine Abdeckung aus weißen Kieselsteinen) befinden sich zwei große Gewölbekammern (die Oberhessische Presse berichtete darüber am 12.9.1990). An einer Ecke des Kumps gab es eine kleine Öffnung zum Trinkwasserschöpfen. Auch einen Pumpenstock soll es gegeben haben. Aus einer der beiden Kammern floss, so erzählte Heinrich Stellers Großvater, wenn der Überlauf vom Markt-Kump in den Alten Kump zu groß war, Wasser durch eine Leitung in „Gustavs“ (Köstens, Gasthaus zur Post) Wasserbehälter an der Schmaleichertorstraße. Sicherlich war der Alte Kump auch für die Leinweber und Drucker in der Blauen Pfütze wichtig, die bei ihrem Gewerbe viel Wasser benötigten. Etwa gleich alt wie der „Alte Kump“ dürfte der Jacobs-Kump sein. Wie schon erwähnt, begann man 1784 mit dem Bau einer ersten Wasserleitung und leitete in natürlichem Lauf das Wasser aus dem Stadtteich in hölzernen Röhren bis vor das „Neue Thor“ und weiter zum gemauerten Jacobs-Kump und wohl auch zum Markt-Kump.

 

Krump heute

 

1840 rückte man den Jacobs-Kump näher zur Stadt hin, wahrscheinlich aus löschtechnischen und evtl. auch strategischen Gründen (Stadtmauern). Man gab ihm den Namen Philipps-Kump. Es ist anzunehmen, dass das Abbruchmaterial vom Jacobs-Kump für den Philipps-Kump Ecke Borngasse/Marktstraße benutzt wurde. Er wurde wie der „Alte Kump“ wohl vorwiegend als Löschwasserreservoir genutzt. Von dem Philipps-Kump ist zu berichten, dass er als Wasserbehälter vollkommen erhalten ist. Er steht seit 1928 unter Denkmalschutz. Eine schöne Treppe auf dem ansprechenden Platz führt hinunter zum Wasser. Da die Bevölkerung nach einigen verheerenden Bränden jedoch auf einen guten Wasservorrat großen Wert legte, entstanden noch weitere, heute überbaute Kumpe. Es handelt sich um den Kump hinter dem Haus Ecke „Auf dem Römer-Borngasse“, der wahrscheinlich „Stadtborn“ genannt wurde, und einen Kump nahe dem VR-Bank-Gebäude in der Schmaleichertorstraße. c) Die Druckstöcke Gelegentlich wurde in Gesprächen in Rauschenberg von sogenannten Druckstöcken berichtet, die auf dem Marktplatz und an der Albshäusertorstraße (in der Höhe von Haus Feller) gestanden haben sollen. Es handelte sich um gusseiserne eimerdicke Säulen, die mit einem Druckhebel ausgestattet waren. Nach dem Zapfen floss überschüssiges Wasser in eine um den Druckstock befindliche Vertiefung. Es wird auch erzählt, dass die Schüler der Alten Schule in der Pause zum Wassertrinken dorthin gelaufen sein sollen, wobei Kinder mit Gummistiefeln im Vorteil waren, da sie in die Wasserrinne steigen und besser trinken konnten. Wenn der Wasserdruck in den Wasserleitungen nicht ausreichte, um den ansteigenden Teil der Albshäusertorstraße zu versorgen, konnte hier bis um 1940 Wasser geholt werden. Ein weiterer Druckstock muss wohl an der unteren Hausecke des Hotels Ruckert in der Marktstraße gestanden haben; denn bei Reperaturarbeiten fand der städtische Wassermeister Heinrich Steller vor Jahren eine Bleileitung, die direkt zum Markt-Kump führte. Abschließend noch eine weitere Information über die Druckstöcke: Als diese abgeschafft werden sollten, gab es von einigen Rauschenbergern Protest. Der Grund war, dass an den Druckstöcken das Wasser kostenlos war und keine Kosten für das Legen der Wasserleitung entstanden. 4. Wasserversorgung 1900 - 1940 Um die Jahrhundertwende kehrte bescheidener Wohlstand in Rauschenberg ein. Im Jahr 1900 mussten die Wasserversorgung und -leitung wieder einmal erneuert werden. Die Planung des neuen Wasserwerkes und eines Pumpenhäuschens erfolgte sehr wahrscheinlich unter Bürgermeister Johann Anton Peter (BM von 1897-1899), während unter Bürgermeister Johann Heinrich Sommer (BM von 1900-1923) die Arbeiten ausgeführt wurden. Das Wasserwerk wurde oberhalb der Kirche zwischen Schlosstor und Kegelbahn gebaut, während das Pumpenhäuschen an der Ecke Jahnstraße/Auf der Bach entstand. Ganz besonders wichtig für die Bevölkerung war, dass auch die Leitungen für die Hausanschlüsse gelegt wurden. Das folgende Bild zeigt ein Treffen zur festlichen Übergabe des fertigen Wasserwerkes im Jahr 1900. Die Fässchen Bier auf den Mauern des „Wasserwerkes Rauschenberg 1900“ lassen den Anlass vermuten.

 

Wasserwerk Rauschenberg

 

1 Dieses Bauwerk wurde damals „Wasserwerk“ genannt. Im heutigen Sprachgebrauch handelt es sich jedoch um einen Hochbehälter.

 

Das nach wie vor aus den Stadtteichen gewonnene Wasser wurde in das an der Ecke Jahnstraße/Auf der Bach erbaute Pumpenhäuschen (Behälterkammergröße unter dem Häuschen 150 cbm) geleitet und von dort in das Wasserwerk auf dem Schlossberg gepumpt. (Maße im Wasserwerk: zwei Kammern mit zusammen 170 cbm Trinkwasser, eine Kammer mit 60 cbm Löschwasser, was bei erhöhtem Verbrauch z.B. samstags in den Privathaushalten umgeschiebert wurde). Von dort lief es dann mit dem Eigendruck in die neu verlegten Wasserleitungen zu Häusern und anderen Abnahmestellen, z.B. Hydranten. Prüser erwähnt in seiner Chronik (Prüser, S. 267), dass das Wasser seinerzeit (vom Stadtteich) bis zur Stadt in einer Viertelstunde herangeführt wurde.

 

Pumphaeuschen

 

Zu dem Pumpenhäuschen, das 1974 abgerissen wurde, gibt es einige Geschichten: Die Pumpe musste durch Handbedienung in Gang gesetzt werden. Diese Aufgabe hatte zuletzt Frau Elise Burk, die sich viel in dem Haus aufhielt und dort auch nachts in einem Sessel saß und strickte. Liesel Heinke, die schon seit ihrer Kindheit in Rauschenberg lebt, wohnte viele Jahre im Forsthaus „Auf der Bach“ und erzählte, dass aus dem Pumpenhäuschen des Nachts ein Licht nach außen schimmerte, das verspäteten Heimkehrenden als Orientierung im Dunkeln diente. Frau Burk wartete also in diesem kleinen Haus auf einen Klingelton, der dann zu hören war, wenn im Wasserwerk auf dem Schlossberg das Becken voll war oder wenn Wasser nachgefüllt werden musste. Sobald es klingelte, stellte sie den Pumphebel an oder ab. Das war etwa alle vier Stunden der Fall. Die Sache mit dem Klingelton wiederholte sich später auf andere Art und Weise um 1978, nachdem sich die Wasserversorgung grundlegend geändert hatte. So wissen wir von dem in der Nähe des (alten) „Rauschenberger Wasserwerk von 1900“ wohnenden Rauschenberger Bürger Ludwig Pigulla, dass in seinem Haus „Alte Kegelbahn“, Schlossstr.11 wie früher bei Frau Burk eine Glocke läutete, wenn der Wasserspiegel in dem Vorratsbassin so weit abfiel, dass seine Hausleitung, die im Freilauf mit Wasser versorgt wurde, Luft in die Leitung zog. Dann musste der städtische Wassermeister ggf. auch nachts angerufen werden, um umzuschiebern. Das bedeutete, Wasser der Feuerwehrbassin-Reserve zulaufen zu lassen oder die Pumpen im Wohratal in Gang zu setzen. Denn es drohte dann sehr schnell auch ein Frischwasserzuleitungs-Notstand in den höher gelegenen Wohnhäusern der Schwabendorfer Straße. Die einfache technische Vorrichtung durch einen „Schwimmer“, die den Alarm auslöste, ist heute noch zu besichtigen. Wurde der Zulauf von Frischwasser trotz täglich dreimaliger Kontrolle durch den Wassermeister mal nicht rechtzeitig abgestellt, so lief der Wasserbehälter über und das Trinkwasser ergoss sich aus einem freien Ablaufrohr mit Schiebeklappe kurz hinter dem Schlosstorbogen die Schlossstraße hinunter. Geschah das im Winter, bildete sich zur Freude der Schlitten fahrenden Kinder schnell eine Eisbahn zwischen den Mauern der Kirche und der ehemaligen Rentmeisterei. Die Pumpe im Pumpenhäuschen „Auf der Bach“ war bis ca. 1948/1950 ständig in Betrieb und bis 1954 nur in Notfällen, wenn Stadtteichwasser zusätzlich zur Wohratal-Quelle benötigt wurde. 1974 wurde das Pumpenhäuschen im Auftrag der Stadt für 1.200, DM abgerissen. So wurde es im „Rauschenberger Stadtboten“, dem Amtlichen Mitteilungsblatt der Stadt vom 19. Juli 1974, bekannt gemacht. Die Eisenteile entsorgte der vielen Rauschenbergern sicher noch in guter Erinnerung gebliebene Max Höhn, „EisenMax“ genannt, ein ehrenwerter Altwarenhändler, der viele Jahre Altmetall in der Stadt einsammelte. Mit der Neugestaltung des historischen Ortes beauftragte die Stadt den Verkehrs und Verschönerungsverein. Insgesamt funktionierte das neue Wasser-System gut, aber es gab auch Pannen. Eine solche Panne von 1918 ist aktenkundig: Nach dem Ersten Weltkrieg gab es keinen Treibstoff für die Pumpen im Pumpenhäuschen. Der Grund dafür war, dass in der Blockadezeit Reparationszahlungen in Form von Kohle an Frankreich geleistet werden mussten und dadurch die Herstellung von Treibstoff blockiert war. In Rauschenberg waren deshalb die Bürger wieder für etliche Zeit auf Brunnen, Hydranten und sonstige Zuflüsse angewiesen. In der Festschrift zur 725 Jahr-Feier (Festschrift 725 Jahre Stadt Rauschenberg, S. 48) wird das wie folgt bestätigt: „Das Wasser musste wieder aus den alten Brunnen oder aus einem Hydranten geholt werden.“ Aber es gab auch andere Schwierigkeiten: Im Jahr 1941, so erinnert sich die Rauschenbergerin Elisabeth Brock, war der Winter außergewöhnlich kalt. Die Wasserleitungen froren zu. Die Bevölkerung musste sich wie in früheren Zeiten wieder aufs Wasserholen einstellen, und zwar an verschiedenen offenen Wasserstellen, z. B. Ecke Jahnstr./ Hinter der Stadt und Auf der Neustadt. 5. Wasserversorgung 1940 heute a) 19401950 Das wohl meistens einwandfreie Wasser kam also seit 1784 aus den Stadtteichen, bis sich herausstellte, dass es nicht mehr den Anforderungen entsprach, „die von verbesserter Gesundheitsaufsicht her zu erheben waren“. Diese Quellen waren auch zu unergiebig geworden, um den vermehrten Wasser-Bedarf in einer sich vergrößernden Stadt befriedigen zu können. Gelegentlich kam es vor, dass die Bevölkerung in heißen Sommern nur stundenweise mit Wasser versorgt werden konnte. Hier musste man also auf Abhilfe sinnen. 1947 war ein extrem trockenes Jahr, das es notwendig machte, Wasser aus der Wohra in die Stadt zu holen, um das Vieh zu tränken. Diese Trockenheit ließ bei der politischen Gemeinde den Entschluss reifen, den im Bereich der Gemarkung „In der Struth“ im Wohratal gefundenen sehr ergiebigen Wasservorrat zu nutzen. Dazu war es notwendig, die Ackererdschicht, die darunter liegenden Torf und dann Tonschichten zu durchbohren, um an das Grundwasser in der mächtigen Kiesablagerung zu gelangen. Ab 1948 lief dieses Wasser in die im selben Jahr gebaute Pumpstation am Erntewasumbsweg im Wohratal (heutiger neuer Name: Ernteweg) durch neu verlegte Leitungen bis zum bestehenden Wasserwerk (Hochbehälter) und weiter in das Ortsnetz. Wir konnten einige Daten von unserem ehemaligen Wassermeister Heinrich Steller über die neue Pumpstation und das zu pumpende Wasser erfahren: Die Pumpstation war mit zwei Pumpen ausgestattet, die Wasser spendende Quelle befand sich hinter der Pumpstation, Richtung Ziegenküppel. Der das Wasser sammelnde Brunnen hatte folgende Maße: vom Deckelrand bis zum Wasserspiegel 1,14 m und bis zur Sohle 4 m. Im Winter musste die Pumpstation wegen der Frostsicherheit beheizt werden. Durch Routine wusste man, wann ein höherer Wasserverbrauch war. Dann wurden die Pumpen in der 1948 erbauten Pumpstation für 23 Stunden angestellt.

 

Punmpstation

 

Da zur damaligen Zeit der Wassermeister mehrmals am Tag zu Fuß oder per Fahrrad zur Pumpstation unterwegs sein musste (ein Auto stand noch nicht zur Verfügung), nutzte man ab und an trotz neuer Pumpstation noch das Stadtteichwasser. Ab 1954 durfte das Stadtteichwasser nicht mehr genommen werden – man fand zu viele Keime im Wasser, denn ab ca. 1950 wurden Wasserproben genommen und die Wasserqualität geprüft. Zu dieser Zeit war, wie uns erzählt wurde, der unermüdliche Heinrich Seibert, Pumpe-Henner genannt, mit den vielen Arbeiten für die Wasserversorgung betreut, und wir möchten an ihn erinnern. Seine Nachfolge traten die Wassermeister Justus Damm und ab 1965 bis zum Eintritt in den Ruhestand Heinrich Steller an. Unser heutiger Wassermeister heißt Uwe Hartmann. b) 1950-1985 Wie schon erwähnt, wurde seit ca. 1950 der Wasserbedarf ständig größer, und Ende der 60erJahre sank der Grundwasserspiegel im Wohratal, insbesondere durch die Wasserentnahme der Mittelhessischen Wasserwerke mit ihrem Wasserwerk Wohratal in Kirchhain. Da lag es nahe, an einen Anschluss an das Wasserwerk Wohratal nachzudenken, und der Magistrat stellte entsprechende Überlegungen an. Schließlich entschloss sich die Stadt unter Bürgermeister Herbert Schmitz, ab 1970 mit den Mittelhessischen Wasserwerken (ab 1998/99 umbenannt in „Zweckverband Mittelhessische Wasserwerke“) Gespräche über eine Wasserversorgung zu führen. Es wurde vereinbart, für Rauschenberg das dringend benötigte Wasser aus großen, sicheren Wasservorräten, insbesondere auch aus denen in Stadtallendorf über das Wohrataler Wasserwerk in Kirchhain nach Rauschenberg zu pumpen. Zuvor mussten jedoch einige Bauvorhaben durchgeführt werden. Hinter den ehemaligen Fischteichen Hebeler und dem Fichtenwäldchen Schmerberg „In der untersten Struth“ wurde 1972/73 eine unterirdische Schiebekammer etwa in der Größe einer Fertiggarage gebaut, deren technische Bezeichnung W7 lautet. Dieses Bauwerk war halb in der Erde und halb oberhalb, wodurch sich der Vorteil der Frostsicherheit ergab. In dieser Schiebekammer befand sich ein Brunnen des Wohrataler Wasserwerks, von dem aus 120 m Tiefe Rohwasser gefördert wurde. Mit einem Druck von ca. 9 Bar floss das Rohwasser durch das Ortsnetz bis hinauf zum Wasserwerk aus dem Jahr 1900 (alter Hochbehälter). Da wir nun unsere sichere Wasserlieferung über das Wasser vom Wasserwerk Wohratal vereinbart hatten, wurde 1974 der Brunnen an der Pumpstation „In der Struth“ abgeklemmt. Es ergaben sich jedoch bald Schwierigkeiten mit der Brunnenanlage in der W7Anlage. Sandeinbrüche machten die Wassergewinnung in der W7-Anlage unmöglich. so dass die Brunnenanlage

 

Schiebekammer

 

stillgelegt wurde. Durch Erweiterung des Leitungsnetzes wurde ab 2001 Wasser nicht mehr aus dem Brunnen in der W7Anlage, sondern nur noch direkt aus dem Wasserwerk Wohratal in Kirchhain bezogen. c) 1985heute Da das Trinkwasser jedoch durch viele Neubauten in den neuen Siedlungsgebieten nordöstlich und südlich des Stadtkerns knapp wurde (Festschrift 725 Jahre Stadt Rauschenberg, S. 61), die Keimbelastung größer wurde und das Netz überholungsbedürftig war, sann die Stadt ab 1985 wie schon in den Jahren 1900, 1949 und 1970 erneut dringend auf Abhilfe. Die Stadtväter mit Bürgermeister Herbert Schmitz (Amtszeit von 1970 bis 1995) an der Spitze lösten das Problem, indem sie den Bau eines neuen Hochbehälters beschlossen, der wesentlich mehr Wasser speichern sollte als der aus dem Jahr 1900. So wurde schließlich 1989/90 ein neuer großer Zwei-Kammer-Hochbehälter gebaut, der sich in unmittelbarer Nähe des ab diesem Zeitpunkt überflüssigen alten Wasserbehälters befindet. 2001 musste in der Station W7 eine Druckerhöhungsanlage eingebaut werden, damit das nun gelieferte Reinwasser mit einem Druck von 11-12 Bar in den neuen Hochbehälter fließen konnte. Dabei wurde allerdings nur ein Gesamthöhenzuwachs von 5 Metern gewonnen, gemessen am Wasserspiegel des alten Werkes. Die sinnvollere Variante, ein völlig neues Wasserwerk am Sosenberg (30 Meter höher gelegen) zu bauen, scheiterte im Hinblick auf die Kosten für eine neue Steigleitung. Somit blieben ab und an vorkommende Verunreinigungs-Mechanismen bestehen.

 

Hochbehaelter

 

An dieser Stelle ist auch auf das bis zum heutigen Tag bestehende Problem – auch nach dem Bau des neuen Hochbehälters hinzuweisen, dass das Frischwasser durch das alte Röhrensystem bergauf gedrückt wird und dafür keine separate Drucksteigleitung besteht. Somit können undichte Stellen immer wieder das ganze Versorgungsnetz verunreinigen. d) Und die Abwasser-Situation? Zum Schluss beschäftigt uns kurz die Frage, wie es um das Abwasser in Rauschenberg bestellt war. Bis nach dem zweiten Weltkrieg war es Brauch, alle Abwässer der Stadt einfach auf die Straße in kleine offene Gräben (in Rauschenberg „Drusel“ genannt) abzuleiten. Es gab einige Abwassergräben, die das Wasser offen ins Feld leiteten, z. B. „Im Sand“, und solche, die das Wasser zur Wohra spülten. Größere offene Gräben gab es in der Bahnhofstraße und der Siedlungsstraße, die in die Wohra abführten. Da ab 1945 Straßen und Wege zu überholen waren, lag es nahe, mit dem Straßenbau auch mit der Kanalisation zu beginnen. Die Ausführung dieser notwendigen Vorhaben dauerte schließlich bis in die 60erJahre. Außerdem planten die Stadtväter (Frauen gab es damals noch nicht in den Gremien), das Wasser vor der Einleitung in die Wohra zu klären. 1965 wurde in der Zeit von Bürgermeister Michel die erste Kläranlage gebaut. 1998/99 wurde die Kläranlage unter Bürgermeister Barth renoviert. Wie das Rauschenberger Abwasser zum Wohra-Wasser wird, haben uns der ehemalige Wassermeister Heinrich Steller und der heutige Wassermeister Uwe Hartmann erzählt. Das Abwasser fließt (1) von dem Sammler in der Bahnhofstraße kommend in den Maschinenraum (2) der Kläranlage, wo sich neben der Schaltwarte die Rechenanlage mit einer 5 m langen Schnecke und ein Sieb für die erste Reinigung befinden. Es geht weiter in den Rundsandfang (3) und von dort in das Belebungsbecken (4). Der Abschluss der Aufbereitung findet im Nachklärbecken (5) statt. In der IDM-Messanlage (6) wird die Menge des Wassers gemessen, die dann über Vorfluter (7) und Kanal in die Wohra fließt. Für die Nutzung der Anlage sind außerdem noch das Schlammsilo (A), das Labor (B), die Gebläsestation (C) sowie das Rücklaufpumpwerk (D) erforderlich.

 

Skizze Kläranlage