Sitten und Gebräuche in Rauschenberg

Museumsschriften Titelbild

 

Rauschenberger Museumsschriften

 

Beiträge und Mitteilungen des Rauschenberger Museums

Zur Geschichte, Landschaft und Volkskunde

1998

Wilhelm Wissemann

Sitten und Gebräuche

In

Rauschenberg

Herausgeber: Verkehrs- und Verschönerungsverein

Rauschenberg E.V

 

 

Vorwort

Solange es Menschen auf der Welt gibt hatten sie ihre Sitten und Gebräuche. Letztere wurden insbesondere auf dem Land wertgeschätzt.

Stetige Veränderungen aber führten dazu, dass im Laufe der Zeit manch‘ schöne Sitte und manch‘ guter Brauch völlig in den Hintergrund gerückt oder gar verdrängt wurde. Infolgedessen war auch deren Überlieferung an spätere Generationen nicht mehr gewährleistet.

Ich möchte mit dieser Museumsschrift einige jener bereits in Vergessenheit geratenen Sitten und Gebräuche Rauschenbergs festhalten und der Bevölkerung in Erinnerung bringen.

Wilhelm Wissemann

Wilhelm Wissemann:

Sitten und Gebräuche von Rauschenberg

Nachtwächter

Mir persönlich sind noch 2 Nachtwächter bekannt, Herr Moll, Borngasse und Herr Heinrich Trier, Marktstraße.

Ihr Aufenthaltsraum befand sich in der Alten Schule (Albshäusertorstraße). Von 22:00- 2:00 Uhr machten sie jede Stunde einen Rundgang durch die Stadt, wobei an bestimmten Plätzen zweimal mit einer Pfeife gepfiffen und folgender Spruch aufgesagt wurde:

Hört Ihr Herrn und laßt euch sagen,

unsere Uhr hat „zehn“ geschlagen.

Bewahrt das Feuer und das Licht,

daß er Stadt kein Schaden geschieht.“ (bis etwa 1939/40)

Spinnstube

Die Spinnstube war ein sehr alter Brauch. In den Wintermonaten trafen sich die Jungen und Mädchen (ab dem 14./15. Lebensjahr meistens bis zur Heirat) abends in einer Wohnung, meist bei den Mädchen. Es wurden Spiele gemacht und die Mädchen hatten ihr Strickzeug dabei und strickten Strümpfe usw. Die Jungen leisteten sich oft einen Schabernack, indem sie den Mädchen die Strickstöcke aus den Maschen zogen. Es wurden schöne Lieder gesungen und so manche Liebschaft entwickelte sich bei diesen Abenden.

Osterwasser

Ostersamstag war es Sitte, Osterwasser aus einem Bach zu holen. Es durfte dabei nicht gesprochen werden. Wenn jemand beim Sprechen erwischt wurde, musste er eine Runde ausgeben. Dabei gab es oft kleine Besäufnisse.

Osterei

Mit den gefärbten Ostereiern wurden am ersten und zweiten Feiertag auf den Wiesen Wurfspiele durchgeführt. Sobald ein Ei zerbrochen war, wurde es gegessen. Man legte sie auch in einen Ameisenhaufen, wobei sich die Eier dann nach einigen Minuten verfärbten. Je nach Stärke der Verfärbung konnte das Frühlingserwachen der Ameisen beobachtet werden.

Bär

Eine alte Tradition war es, dass die Burschenschaft am 3. Ostertag (Ostermontag) einen Bären machte. Dieser Bär war in Stroh verkleidet und wurde mit Eisenketten nun durch die Straßen der Stadt geführt. Burschen und Mädels folgten dem Zug, wobei es oft ein Gaudi gab. Dabei wurden Eier und Geld gesammelt. Anschließend gab es ein gemütliches Beisammensein, welches oft mit einem Gelage endete.

Burschen

Ein alter Brauch, der bis in die heutige Zeit erhalten geblieben ist, ist das Burschen auf dem Osterplatz. Dieser findet immer am 1. Sonntag im März statt (auch ‘Schloß ausstecken‘ genannt.) Die Jungen wurden nach der Konfirmation „geburscht“.

Jungs und Mädchen treffen sich auch heute noch um 14:00 Uhr auf dem Marktplatz, um gemeinsam zum Schloßberg (Osterplatz) zu wandern. Es werden Lieder gesungen und Schlagball gespielt, dabei müssen die Mädchen eine Runde um die Jungen laufen, wobei die Jungen versuchen, jeweils ein Mädchen einzufangen.

Anschließend werden unter feierlicher Rede des ältesten Burschen die Jungen mit folgendem Spruch in die Burschenschaft aufgenommen:

Burschen:               

„So lange wir uns kennen,

wollen wir uns Freunde nennen.

Unsere Freundschaft, die soll brennen,

wie ein altes Hangelicht,

Freunde wollen wir uns nennen,

bis der Kater Junge kriegt.

Eine Hundsfott, die uns schimpfen tut,

die schlagen wir mit der Schippe tot,

ein rechtschaffender Mensch,

der uns was schenken tut,

dem sind wir gut.“

   

                              

gesungen:

„Schon wieder eine Seele vom Alkohol gerettet, schon wieder eine Seele vom Alkohol gerett.

Immer rein, immer rein , immer rein in die Heilsarmee.“

Ständchen singen bei Hochzeiten

Die Hochzeit bedeutete für die Burschen den Abschied von der Junggesellenzeit und der Burschenschaft.

Die Burschenschaft verabschiedet sich mit einem Ständchen.

Lieder:      

11.) Ich bin so gern, so gern daheim, daheim in meiner stillen Klause, wie klingt es doch dem Herzen wohl, das liebe traute Wort ´zu Hause´.

Doch nirgends in der weiten Welt fühl ich mich frei so von Beschwerden, ein braves Weib, ein herzig Kind, das ist mein Himmel auf Erden

2.) Gewandert bin ich hin und her und musste oft dem Schmerz mich fügen. Den Freudenbecher setzt ich an, ich trank ihn aus mit vollen Zügen. Doch immer zog es mich zurück, zurück zu meinem heim’schen Herde, ein braves Weib, ein herzig Kind, das ist der Himmel auf Erde.

3.) All abends, wenn ich geh zu Ruh‘ und leg mich zum Schlummern nieder, da bete ich zum Herren der Welt, es schließen sich die Augenlider. Ich falte meine Hände fromm zu dem, der sprach, es soll einst werden: Oh guter Gott, erhalte doch mir meinen Himmel auf der Erden.

2 1.) Mir gefällt das Eh’standsleben, besser als das Klosterziehen, ja Klosterziehen, in das Kloster mag ja mag ich nicht, denn ich bin zur Eh‘ verpflichtet, ja Eh‘ verpflichtet.

2.) Ach, was wird die Mutter sprechen, dass ich sie verlassen will, verlassen will, sie mag sprechen was ja was sie will, ich will heiraten in der Still, ja in der Still.

3.) Vater lass dich doch erbarmen und verschaff mir einen Mann, ja einen Mann, der mich drückt an seine Brust, denn zum Heiraten hab ich Lust, ja hab ich Lust.

3 1.) ich saß einstmal im grünen Haine, es war des Nachts bei hellem Mondenscheine, ich sah von fern ein Mädchen stehn, sie war so schlank wie eine Rebe, sie war bei Gott, so wahr ich lebe, die Schönste, die ich je gesehn.

2.) Als sie mich sah, da wollt sie fliehen, ganz trostlos war ihr Bemühen. Ich faßte sie bei der Hand und sprach: „Mein Liebchen, willst du mich verlassen, willst du mich lieben oder hassen?“ Die Antwort war ein leises ‘Ja‘.

3.) Wir setzten uns ins Grüne nieder, ich küßte sie und sie mich wieder, wir kannten uns vor Liebe kaum, und so verschwand sie unter Küssen. Wollt ihr es denn noch weiter wissen? Ich wachte auf, es war ein Traum.

Fastnacht

Zur Fastnacht war es Brauch, daß die Kinder mit einem Holzspieß von Haus zu Haus gingen, um einen Vers vorzutragen:

„Ho, ho, ho die Fassenacht ist doo,

wenn er merke‘ Griewe gebt, dann lege oue Hinner net.“

Wurstmännchen

In der Winterzeit wurden früher die meisten Hausschlachtungen durchgeführt (meistens Landwirte). Die Arbeiterschaft und geringere Leute nutzten diese Gelegenheit, und machten ein Wurstmännchen, um den Speiseplan für ihre Familie aufzubessern. Dazu verkleidete man sich, so dass man auf den ersten Blick nicht erkannt wurde. Es war damals eben eine ärmere Zeit als heute.

Mus kochen „Musleiterchen“

In der Reifezeit (Herbst) der Zwetschgen und Birnen wurde in fast jedem Haus Zwetschgen- und Birnenmus in einem großen Kessel gekocht. Hierbei war es Brauch, Lehrlinge und Unerfahrene zu veralbern. Sie wurden beauftragt, für das eigene Zwetschgen- oder Birnenmus das „Musleiterchen“ zu holen. Unbefangen schritten sie zur Tat. Dort angekommen, bepackte man die Unwissenden mit einem Rucksack mit schweren Steinen oder allen (un-)möglichen Gegenständen. Bald merkten sie, dass man sie „angeführt“ hatte, und der kleine Scherz wurde im Allgemeinen mit Humor hingenommen.

Sandmann

Bis in die 30er Jahre gab es den Sandmann. Er kam am Wochenende, meistens Samstags, und brachte den Leuten weißen Sand (Quarzsand), mit dem die Fußböden geschrubbt wurden. Die Fußböden bestanden meistens aus breiten Holzdielen oder Steinplatten.

Pfingsten

An Pfingsten wurden die Häuser (Haustüren und Fenster) mit Pfingsträuchern (frisch ausgetriebenes Birkenreisig) geschmückt.

Turmblasen vom Rathausturm

Im Sommer wurde tagtäglich vom Rathausturm geblasen,

um 4:00 Uhr zum Weckruf,

um 11:00 Uhr um den Mittag anzuzeigen und

um 20:00 Uhr, um die Arbeit im Felde einzustellen.

Auch nach einem überstandenen Gewitter wurde jedes Mal geblasen, seit 1870 wird dieser Brauch nicht mehr ausgeübt.

Beerdigung

War ein Angehöriger verstorben, trugen die Männer einen schwarzen Trauerflor um den Arm, um so die Trauer anzuzeigen.

Bei der Beerdigung bekamen die Träger ein Buchsbaumsträußchen und eine Zitrone wegen des Leichengeruchs, vor allem im Hochsommer. Es gab nämlich noch keine Leichenhalle, der/die Verstorbene wurde von zu Hause aus beerdigt.

Nachkriegszeit

Mit dem Einzug der Flüchtlinge (1945/46), meistens aus dem Sudetenland, blühten hier die Maskenbälle auf. Vor dem Krieg gab es nur Kappenbälle.

Musikkapellen in Rauschenberg

Vor dem 2. Weltkrieg:    

Kapelle Hof Hartmann

Kapelle Merle, Heinrich

Kapelle Moll, Jean (Bim-Bam-Bulla)

Nach dem 2. Weltkrieg: 

Kapelle Moll, Jean

Kapelle Maukner

Kapelle Gamb, Konrad

Kapelle ‘Die lustigen Wohrataler

Heiliger Abend

Am 24. Dezember um Mitternacht wurden vom Rathausturm Weihnachtslieder von einer Rauschenberger Kapelle gespielt, anschließend läuteten die

Weihnachtsglocken.

Würfelabende

Zwischen Weihnachten und Neujahr wurde in den Bäckereien ab 20:00 Uhr gewürfelt und zwar um Neujahrswecke oder Kringel, regelmäßig bis etwa 1939, nach dem Kriege nur noch vereinzelt.

Silvester

Am 31. Dezember wurden um Mitternacht ebenfalls vom Rathausturm von einer Rauschenberger Kapelle Choräle geblasen. Bis vor dem 2. Weltkrieg versammelte sich die Bevölkerung auf dem Marktplatz und sang gemeinsam das Lied „Vergangen ist das alte Jahr, das ein Jahr der Gnade war.“

Man wünschte sich gegenseitig ein frohes, neues Jahr, anschließend läuteten Kirchenglocken.

Am 31. Dezember wurden um Mitternacht ebenfalls vom Rathausturm von einer Rauschenberger Kapelle Choräle geblasen. Bis vor dem 2. Weltkrieg versammelte sich die Bevölkerung auf dem Marktplatz und sang gemeinsam das Lied „Vergangen ist das alte Jahr, das ein Jahr der Gnade war.“

Man wünschte sich gegenseitig ein frohes, neues Jahr, anschließend läuteten Kirchenglocken.