02. Die Straßen des Viertels I

 

Die Straßen der Viertels I

Dieses Viertel umfasst, wie die Skizze zeigt, den Teil der Altstadt, der durch den Marktplatz, die Gasse Am Markt, Marktstraße (früher Untere Marktgasse), Blaue Pfütze (früher Die Blaue pittsche Gasse), Schmaleichertorstraße (früher Schmaleicher Gasse) einschließlich einiger kleiner Fußwege zwischen den Häusern gebildet wird. Es gehört zu dem „Gebiet der Neustadt“, das erst nach der Stadtgründung im Jahre 1266 von Siedlern aus dem Wohratal bebaut und noch später in die Stadtbefestigung einbezogen wurde.

Kupferstich

 

Der Marktplatz

 

Der Marktplatz

Der Rundgang durch das Viertel I beginnt am Marktplatz direkt gegenüber dem Rathaus, beide voneinander getrennt durch die Landesstraße L 3077. Der heutige Marktplatz wird an drei Seiten durch eine Mauer aus behauenen Bruchsteinen gestützt, um das Höhenniveau zur Straße auszugleichen. Auf der Mauer steht aus Sicherheitsgründen ein Eisengeländer, verbunden durch Buntsandsteinpfosten. In seiner Mitte befindet sich der durch eine ringförmig angelegte markante Mauer eingefasste Marktbrunnen. (Vgl. Geschichtswerkstatt 2010, S. 4 f.) Seit Ende der 1970er Jahre ist der Marktplatz wieder neu bepflanzt mit Linden, die die ca. hundert Jahre alten Bäume ersetzten. Zwischen den Bäumen laden Ruhebänke zum Verweilen ein. Im Zuge der Straßenerneuerung im Jahre 2009 wurde der Marktplatz mit Verbundsteinen gepflastert und anlässlich des Weihnachtsmarktes wurden dort vier vom Kultur- und Verschönerungsverein Rauschenberg (KVR) gestiftete sog. „Berliner Laternen“ aufgestellt. Noch zur Zeit des Chronisten Bromm Ende des 19. Jahrhunderts und sicherlich auch danach noch wurde der Platz gegenüber dem Rathaus im Volksmund der „Drilles“ genannt. „Der gemauerte Platz heißt der ‚Drilles‘, er enthielt früher eine Anstalt [wohl eine Art Käfig], Verbrecher durch Umdrehen zu beschimpfen (drillen), wovon der Name kommt, ferner einen Pranger und daneben das städtische Brauhaus. Jetzt zeigt er blos einen steinernen Brunnenkumpf und wird wegen der Linden als Spaziergang und Spielplatz der Jugend benutzt.“ (Bromm 1889, S. 59 f.) Das ehemalige städtische Brauhaus, das auf der Seite zur Marktstraße hin gestanden hatte, war 1824 abgerissen und am unteren Ende der Marktstraße etwas unterhalb des Jakobskumps am Neuen Thor wieder aufgebaut worden; auch das neue Brauhaus existiert heute nicht mehr. Der Marktplatz wurde nach dem Brauhausabriss als wesentlich geräumiger und lichter empfunden.

Marktplatz

In früheren Jahrhunderten herrschte hier und in der anschließenden breiten Marktstraße reges und buntes Markttreiben. So sind für das Jahr 1683 vier große Märkte überliefert: am 16. Januar, 4. Juni, 3. September und am 10. Oktober. 1711 waren es schon sechs und 1778 sieben Märkte: Heilige- Drei-Königs-Markt, Aschermittwochs-Markt, der sogenannte Neue Markt, Johannis-Markt, Jacobi- Markt, Laurentius- oder Grummet-Markt und Nicolaus-Markt. (Vgl. Prüser 1966, S. 235.) Gegen Ende des 19. Jahrhunderts verloren die Märkte allmählich an Attraktivität, 1891 waren es nur sechs und im Jahre 1935 erlosch das Marktwesen in Rauschenberg sogar vollends. (Vgl. Jacobi 1999, ohne Seitenangabe.) Heute verkauft nur noch ein einziger auswärtiger Metzger einmal in der Woche von seinem Verkaufswagen aus seine Waren. Auch die Nazi-Zeit ist an dem Markplatz nicht spurlos vorübergegangen. In der Zeitungsauswertung „Rauschenberg in der Hessischen Rundschau“ finden wir, dass 1933 „Führers Geburtstag“ würdig mit einem Fackelzug durch die Straßen der Stadt begangen wurde. (S. „Rauschenberg in der Hessischen Rundschau“, S. 22.) Von der Stadtverordnetensitzung, die am gleichen Abend stattfand, berichtet die Zeitung mit folgendem Text: „Rauschenberg, 26. April. In der gestern abgehaltenen Sitzung der Stadtverordneten wurden Reichspräsident Generalfeldmarschall von Hindenburg, Reichskanzler Adolf Hitler und der Preußische Ministerpräsident Göring einstimmig zu Ehrenbürgern ernannt. Der Marktplatz wird in Zukunft die Bezeichnung ‚Adolf-Hitler-Platz’ führen. Der Stadtverordnetensitzungssaal war in den Farben der Reichs-, Landes- und Hakenkreuzflagge, ferner mit den Bildern des Reichspräsidenten und des Reichkanzlers geschmückt.“ (a.a.O., S. 23) Heute ist der Marktplatz ein kultureller Mittelpunkt für die Bevölkerung, zahlreiche Vereine nutzen ihn für öffentliche Veranstaltungen. (S. Abb. 4.) Die zentrale Bedeutung des Marktplatzes wurde unterstrichen durch ein Telefonhäuschen und einen Briefkasten, die bei der letzten Umgestaltung des Marktplatzes weichen mussten. Die Bushaltestelle befindet sich nach wie vor dort.

Buntes Treiben

 

Am Markt

 

Am Markt

Unterhalb des Marktplatzes verläuft die „Passage“ Am Markt. Sie durchschneidet die vorgelagerten Privatgrundstücke der dort stehenden mehrstöckigen Häuser. Im Haus Nr. 2 befinden sich heute im Erdgeschoss die Stadtbücherei und das Verkehrsbüro. Das Haus Nr. 4, das ehemalige „Storchennest“, ist ein reines Wohngebäude.

Storchennest

Der Name geht zurück auf ein großes hochgiebeliges dreistöckiges Bürgerhaus in Fachwerkbauweise, das an dieser Stelle (Früher Am Markt 4/6) stand. Auf dem Dach war ein Storchennest, in dem während vieler Jahre regelmäßig ein Storchenpärchen nistete (s. Abb. 5). In diesem Doppelhaus, dessen eine Hälfte früher der jüdischen Familie Katz-Stiefel gehörte, sollte Ende des 19. Jhd. die jüdische Schule eingerichtet werden. (Vgl. Schneider, S. 171.) 1961/62 ist das prachtvolle historische Gebäude aus dem Jahre 1588, eines der ältesten Häuser in Rauschenberg, abgerissen und bis 1964 durch das neue in massiver Bauweise errichtete „Hochhaus“ ersetzt worden.

Storchennest heute

Das Eckhaus neben Nr. 4 zählt schon zur Marktstraße und führt dort die Nr. 2. Unterhalb des Marktplatzes befanden sich die Misten der anliegenden Häuser; heute steht dort zur Marktstraße hin eine größere Garage mit zwei Anbauten. In einem dieser Anbauten stand bis Anfang der 1960er Jahre die städtische Viehwaage, die zuletzt von Willi Achenbach betreut wurde.

 

Marktstraße

 

Marktstraße Schild

 

Marktstraße

 

Die Marktstraße, früher „Die Untere Marktgasse“, führt vom Marktplatz aus in nordöstlicher Richtung abwärts. Die Häuser, zumeist stattliche dreistöckige Doppelhäuser, stehen giebelseitig zur Straße und haben ihre Kellereingänge (über Treppenstufen) von außen; fast jedes Haus verfügt über ein gemauertes Kellergewölbe. Die landwirtschaftlich genutzten Scheunen standen noch bis in das frühe 20. Jahrhundert kranzförmig in der Jahnstraße, Auf der Neustadt und in der Straße Hinter der Stadt. (S. Viertel IV: Blick über die Mauer.) Im Zuge des ab 1982 angelaufenen Dorferneuerungsprogramms wurden gerade in der Marktstraße zahlreiche Fachwerkhäuser renoviert. Im Rahmen der allgemeinen Sanierungsarbeiten an Kanal und Wasserleitungen in der Innenstadt in den Jahren 2009-2012 bekam auch diese Straße selbst ein neues Aussehen: Die Fahrbahn besteht aus einer Asphaltdecke, die Seitenstreifen wurden wieder mit Basaltsteinen gepflastert und dienen nunmehr als Gehweg und PKW-Stellflächen.

 

Marktstraße oben

 

Früher gab es in der Marktstraße zahlreiche Berufszweige und Geschäfte, u.a. einen Arzt, zwei Bäckereien, zwei Gastwirtschaften, einen Gemischtwarenhändler, eine Tankstelle, einen Anstreicher, einen Sattler, eine Metzgerei, einen Buchbinder und Drucker, einen Schuster mit Geschäft, ein Textilgeschäft, einen Viehhändler und einen Zahnarzt. Wir beschreiben zunächst die rechte Seite. Das Eckhaus Am Markt/Marktstraße 2 wurde schon früher als Geschäftshaus und als Gastwirtschaft genutzt; heute ist der untere Teil des Gebäudes an eine Fahrschule vermietet. Am Eingang zur „Passage“ Am Markt stand seit den 1930er Jahren die erste Tankzapfsäule von Rauschenberg. (S. Abb. 8.) Fast an derselben Stelle – etwas oberhalb – steht heute eine Ladestation für Elektro-Autos. So ändern sich die Zeiten. Die Nummern 4 und 6 sind ein Doppelhaus in Fachwerk. Das Haus Nr. 4 war bis zu ihrer Emigration in die USA im Jahre 1939 das Haus des jüdischen Kälberhändlers Seligmann Bachenheimer und seiner Familie (vgl. Händler/Lachmann u.a., S. 182), die untere Hälfte, Nr. 6, beherbergte früher eine Schreinerei, danach den Friseurladen Reiße; heute dient es als reines Wohnhaus.

 

Tankstelle

 

Zwischen Nr. 6 und 8 beginnt der Fahrweg „In der Fahrt“, der die Marktstraße mit der Blauen Pfütze verbindet. Diese „Fahrt“, die heute in städtischem Besitz ist, befand sich bis zu der Kanalsanierung 2010/11 im Eigentum der Anlieger, die im hinteren Teil ihrer Wohnhäuser einen Stall hatten, neben dem in der Regel die Miste lag. Diese Wohnhäuser, in denen Wohnen und Viehhaltung unter einem Dach vereint waren, sind typisch für das Ackerbürgerstädtchen Rauschenberg. Da die dort wohnenden Handwerker häufig nicht allein von ihrem Hauptgewerbe leben konnten, betrieb nahezu jede Familie nebenbei noch eine kleine Landwirtschaft. Die Vorbesitzer der Häuser Nr. 8 und 12 waren Klempner bzw. Sattler. Das kleine dreistöckige Haus Nr. 10 dazwischen bewohnte eine Landwirtsfamilie. An der Stelle des heutigen Fachwerkhauses mit der Nr. 14 stand zuvor ein Doppelhaus, das im Jahre 1948 abgerissen und wieder aufgebaut wurde. In Haus Nr. 16 lebte die 12-köpfige jüdische Familie Mendel Plaut, Viehhändler und Metzger. Im hinteren Teil des Hauses befand sich das Schlachthaus. Mitglieder der Familie Plaut wanderten zwischen 1936 und 1938 in die USA aus. (Vgl. Schneider, S. 175 f.) Das Eckhaus Nr. 18 war früher ein Doppelhaus, in dem zwei Familien wohnten; die eine Familie hatte ihren Eingang von der Marktstraße, die andere von der Blauen Pfütze her und trägt dort die Hausnummer 15. Auf der linken Seite der Marktstraße stoßen wir zuerst auf das große Eckhaus Marktstraße 1, das ehemalige traditionsreiche und auch überregional bekannte Gasthaus und Hotel Ruckert. Als im Jahr 1880 Christlieb Ruckert aus Rosenthal das Gebäude mitsamt dem gastronomischen Betrieb übernahm, hieß das Haus noch „Gasthof zur Stadt Cassel“. Das Restaurant mit Fremdenzimmern, Ausdruck des lebhaften Fremdenverkehrs mit ca. 40 Sommerfrischlern in der Hauptsaison, gehörte zur gehobenen Kategorie, vergleichbar mit den „Ratskellern“ in anderen Städten. 1945 wurde das Hotel von der amerikanischen Besatzung beschlagnahmt und die städtische Verwaltung zog vom Rathaus nun in den dortigen Gastraum. (Vgl. Seibel/Trost, S. 53.) Aus dem Hotel Ruckert ist heute die Pizzeria Venezia geworden. Es ist ein verputztes Fachwerkhaus, teilmassiv, das im Laufe seiner Geschichte mehrfach umgebaut und erweitert wurde.

 

Hotel

 

Als Ausflugslokal war das Hotel Ruckert auch bei den Marburger Studentenverbindungen beliebt, die zu besonderen Anlässen, etwa zur „Fasspartie“ am Himmelfahrtstag oder zum „Fuchsen“, ihrem traditionellen Aufnahmeritual, nach Rauschenberg aufbrachen. Einige ältere Bewohner der Stadt erinnern sich noch gut an das bunte Treiben der Studenten auf dem Marktplatz, wo manch einer bei steigendem Alkoholpegel im Marktbrunnen baden ging. Einige Bauern verdienten sich ein wenig dazu, wenn sie die alkoholisierten und gehunfähigen Studenten des Abends auf Pferdefuhrwerken in die Universitätsstadt zurücktransportierten oder zur Bahnstation Anzefahr fuhren. Die Häuser Nr. 3 und 5 sind ein Doppelhaus aus Fachwerk, dessen Giebelseite – wie bei einigen anderen Häusern in dieser Straße auch – mit Eternitplatten verkleidet ist. In Haus Nr. 3 war früher eine Bäckerei, später ein Maler- und Verputzerbetrieb. In Haus Nr. 5 lebte ein Maurer; 1924 eröffnete hier August Hellwig ein Textilgeschäft, das von seiner Tochter übernommen und um eine Agentur für das Versandhaus Quelle erweitert wurde. Heute ist dort ein Sonnenstudio eingerichtet. Das Haus Nr. 7, früher ebenfalls ein Doppelhaus, beherbergte zuletzt die Bäckerei Wittekindt. Die Vorfahren hatten bereits im Nachbarhaus Nr. 9 eine Bäckerei mit einer Landwirtschaft gehabt. Einer der Söhne zog dann später mit der Bäckerei in das Haus Nr. 7. Ein anderer Sohn behielt das Elternhaus und führte die Landwirtschaft weiter. Als die Bäckerei vor einigen Jahren aufhörte, blickte sie auf eine insgesamt mehr als 300-jährige Tradition zurück. Heute steht der vordere Teil des Gebäudes leer, der hintere ist bewohnt. An der Stelle, wo heute der Rohbau steht, befanden sich zuvor der Stall, der Kohlenkeller für den Backofen und eine Garage. Zwischen den beiden Häusern Nr. 3/5 und Nr. 7 verläuft ein unbefestigter Verbindungsweg von der Marktstraße hinüber zur Rosengasse, der sogenannte „Entenpfuhl“. In Haus Nr. 11 wohnte ein Ackermann namens Christian Wilhelm Heckert; da die Verhältnisse in der Kernstadt für das Betreiben einer Landwirtschaft zu beengt waren, siedelte er im Jahr 1910 in die Bahnhofstraße aus (Hof Dersch / Merlau). Das Haus kaufte der Schuster Kreyling, der hier ein Schuhgeschäft mit Werkstatt einrichtete. Seine Nachkommen leben noch heute dort. Zwischen den Häusern Nr. 9 und 11 führt ein schmaler Durchgang zur Rosengasse hinüber, der früher „Heckerts-“ und heute „Kreylings-Winkel“ genannt wird. In dem Fachwerkhaus Nr. 13 des Landwirtes Konrad Gamb lebte zeitweise auch der junge Volksschullehrer Valentin Traudt (1864-1950), der in seiner Rauschenberger Zeit neben einigen Romanen und Gedichtbänden den heute noch gelesenen Heimatroman „Leute aus dem Burgwald“ schrieb. (Vgl. Wolf 2003.) 1902 hat der Arzt Dr. Reinhardt das Haus gekauft; die Arztpraxis führte sein Schwiegersohn, der Stabsarzt Jaobi, fort; dessen Schwägerin war mit dem Stadtchronisten der 700- Jahrfeier Rauschenbergs (1966), Staatsarchivdirektor Dr. Friedrich Prüser aus Bremen, verheiratet. Zum jetzigen Zeitpunkt steht das Haus leer. – Zeitweilig befanden sich in dem Gebäude auch die Arztpraxis von Dr. Schaacke bzw. die Zahnarztpraxis von Dr. Frech. Die Häuser Marktstraße 15, 17, 19 und 21 stehen heute ebenfalls leer. Im Haus Nr. 21, Eckhaus Marktstraße/Borngasse, lebte die Familie des Buchbinders und Druckers Ludwig Debus, dessen Nachkommen ebenfalls den Beruf des Vaters ausübten. Anfang des Jahres hat das Haus einen neuen Eigentümer gefunden, der mit Renovierungsarbeiten begonnen hat.

 

Marktstraße unten

Zeichen

 

Blaue Pfütze

 

Blaue Pfuetze Schild

Blaue Pfuetze

 

„Die Blaue pitsche Gasse“, wie sie bereits auf der Karte von 1740 genannt wird, oder „Bloe Pittsche“, wie sie noch heute im Volksmund heißt, verläuft in einem Halbbogen parallel zur alten Stadtmauer von der Marktstraße zur Schmaleichertorstraße. Sie besteht auch heute noch überwiegend aus kleineren, dicht gedrängten Wohnhäusern in Fachwerk. Vor den Häusern befanden sich in der Regel ummauerte Misten, ein Hinweis darauf, dass die hier lebenden Handwerker auch eine kleine Landwirtschaft zur Selbstversorgung betrieben. Unter den Berufen finden wir in der Blauen Pfütze für das 20. Jahrhundert u.a. einen Küfer, einen Sattler, zwei Schmiede, einen Schneider, zwei Schreiner, einen Schuster und ein Schuhgeschäft, einen Viehhändler, einen Färber und einen Uhrmacher. In der Gesamtbetrachtung der Berufe ist die Blaue Pfütze eine Bestätigung für die Aussage, dass Rauschenberg ein „Ackerbürgerstädtchen“ war. Die Häuser auf der östlichen Straßenseite besitzen z.T. noch heute ein Gartengrundstück hinter der angrenzenden Stadtmauer, das in einigen Fällen bis zur Straße Auf der Neustadt reicht. Der Straßenname geht auf die Tätigkeit von Blaufärbern zurück. Heute noch ist die Färberfamilie Eymer bekannt ist, die im Haus Nr. 9 lebte. „Färberei!“ „Blau?“ Da liegt die Frage nahe, ob der Beruf des Färbers etwas mit dem überall bekannten „Blaumachen“ zu tun hat. Und tatsächlich, es gibt eine weitverbreitete, allerdings fragwürdige Erklärung, die sich in folgender Weise zusammenfassen lässt: Früher gewann man bei uns die Farbe zum Blaufärben eines Stoffes aus dem „Färberwaid“, einer gelb blühenden und bei uns wachsenden Indigopflanze. Aber im Gegensatz zu anderen Indigopflanzen wie dem Indigo aus Indien war die Komponente, die blau färben sollte, zunächst farblos und musste auf ihre Aufgabe der Blaufärbung erst vorbereitet werden. Ohne weiter in die Chemie einzusteigen, ging es darum, den Färberwaid zu „vergären“. Man fand heraus, dass menschlicher Urin diesen Prozess beschleunigt. Und wie kommt man zu viel Urin? Man trinkt Bier. Und so sollen die Färber beim Gären des Färberwaids viel Bier getrunken haben, um viel Urin produzieren zu können. Und dann waren sie nicht mehr arbeitsfähig, sondern „machten blau“. Nebenbei: Auch der vergorene Färberwaid war noch nicht „blau“. Die blaue Farbe entstand erst dann, wenn die mit dem vergorenen Waid getränkten Stoffe in der Luft aufgehängt wurden und mit dem Sauerstoff der Luft reagieren konnten. Eine schöne Geschichte. Ob sie stimmt? Ende der 1950er Jahre wurde der alte Fahrbahnbelag aus behauenem Basaltpflaster mit einer Teerschicht überzogen. 1993 wurde die gesamte Straße im Zuge der Kanal- und Wasserleitungssanierung erneuert. Die Misten sind verschwunden, an deren Stelle sind durch Verbundpflaster befestigte Stellplätze für PKWs entstanden. Auch wenn der Platz zwischen den Autos sehr eng geworden ist, finden sich hier noch immer Nachbarn für ein kleines Schwätzchen zusammen und die Kinder spielen heute wie früher auf der Straße, begünstigt durch ihren ebenerdigen Verlauf. Zeitzeugen erinnern sich noch gut daran, wie sie hier auf „ihrer Spielstraße“ u.a. das Rollschuhlaufen und Radfahren erlernten, Hickelkästchen und Ballschule spielten und damit die Anwohner verärgerten, die sich durch den Lärm gestört fühlten.

 

Blaue Pfuetze Straße

 

Früher flossen die Abwässer oberirdisch über Rinnen, sog. Druseln, wo man im Winter sogar auf der gefrorenen Jauche (Sutter) Schlittschuh laufen konnte (wie auch in der Kraftgasse). Um die Straße besser passieren zu können, hatte man die Druseln, die zwischen den Häusern Nr. 11 und 14 sowie Nr. 13 und 20 durch die Straße flossen, mit Stahlplatten abgedeckt. Wenn beim Spielen ein Ball wegrollte, musste gegebenenfalls eine Platte angehoben werden, damit das Kind den Ball wieder herausholen konnte. Die Entwässerung der Blauen Pfütze lief zum Missmut der Anlieger zwischen den Häusern hindurch in die darunter liegenden Gärten. Der Gang durch die Blaue Pfütze beginnt am Eckhaus Marktstraße 18 / Blaue Pfütze 15 auf der rechten Seite. Hier lebte früher mit Eingang von der Blauen Pfütze aus ein Schreiner, „Linse-Kon“ genannt, der im Erdgeschoss seine Werkstatt und im Anbau die Stallung hatte, die heute ebenfalls als Wohnung genutzt wird. Nach Überquerung der „Fahrt“, die eine Querverbindung zur Marktstraße herstellt (vgl. dortige Beschreibung), befindet sich Haus Nr. 13. Es ist die ehemalige Schmiede von Helfrich Seibert, der „Schmidde Helfer“ genannt wurde. Bei dem nächsten Haus mit der Nr. 11 (ehemals Jockel’sches, heute Lauer’sches Haus) fällt ein mit Sandsteinen eingefasstes Blumenbeet ins Auge, früher war an dieser Stelle die Miste. Besonders markant ist der große Stein an der Hausecke, Eckstein oder auch „Schreckstein“ (s. Abb. 13) genannt. Diese Ecksteine findet man noch heute an so manchem Gebäude in der Altstadt. Sie dienten dem Schutze der Hauseckwand, damit diese von vorüberfahrenden Fuhrwerken mit ihren großen eisenbeschlagenen Rädern nicht beschädigt wurde.

 

Schreckstein

 

Von hier aus führt eine neu geteerte Seitengasse leicht ansteigend hinauf zu einem schmalen Fußweg, der seitlich vom Marktplatz die Blaue Pfütze mit der Schmaleichertorstraße verbindet. Die Rauschenberger nennen diesen Weg „Theisse Winkel“, benannt nach dem in der Mitte des 19. Jahrhunderts hier wohnenden Kaufmann Johann Heinrich Theiss. Dieser hatte 1838 bei dem Kramer Wagner eingeheiratet und dessen Geschäft später übernommen. Hier steht auch Haus Nr. 9 des schon erwähnten laufärbers Eymer. Über das zu dessen Haus gehörende Grundstück führte ein Gehweg vom „Theisse Winkel“ durch die „Fahrt“ in die Marktstraße. Auf der gegenüberliegenden Seite zweigt vom „Theisse Winkel“ nach links ein schmaler Weg ab, genannt das „Rattegässchen“, heute eine Sackgasse, die an einer Garage endet. Früher wurde das „Rattegässchen“, über dessen Namensherkunft man nur mutmaßen kann, als Abkürzung zur Schmaleichertorstraße genutzt. Zwischen Rattegässchen und „Theisse Winkel“ liegt der Alte Kump von 1669, eine ehemalige Zisterne, die als Löschwasserreservoir diente. Die gegenüber vom Kump im „Rattegässchen“ auf der Karte eingezeichneten Gebäude waren überwiegend Wohnhäuser, die später als Nebengebäude genutzt wurden. Damit die Landwirte auf dem recht beengten Gelände des „Theisse Winkels“ mit ihren Fuhrwerken zu ihren Scheunen gelangen konnten, wurde für diese auf Veranlassung des zuständigen Königlichen Amtsgerichts Rauschenberg ein verbrieftes Fahrtrecht mit genauer Regelung des Durchgangsverkehrs im Grundbuch eines Anliegers eingetragen. (S. Abb. 14.) In einem Teil dieser wegen ihrer spätmittelalterlichen Ständerbauweise sehenswerten Nebengebäude im „Theisse Winkel“ befindet sich heute die Webstube des Ortsbauernverbandes. Zur Entstehungsgeschichte der Webstube teilt Renate Gamb Folgendes mit: „Während der 725-Jahrfeier 1991 zeigte der Bauernverband unter dem Motto ‚Vom Flachs zum Leinen‘ u.a. auch, wie früher gewebt wurde. Dadurch angeregt, zeigten zahlreiche Frauen des Ortsbauernverbandes Interesse am Weben. Um einen Webstuhl aufstellen und an Wintertagen das Weben erlernen zu können, stellte Familie Walter Gamb ihren Stall (s. Abb. 15) zur Verfügung – und daraus entstand die heutige Webstube (auch in Erinnerung an ehemalige andere Spinnstuben in Rauschenberg).“

 

Wegerechtsreglung

Webstube

 

Zwischen dem Haus Nr. 3 und dem nächsten Gebäude stand früher ein Fachwerkhäuschen mit einer schönen quergeteilten Flügel-Haustür zum Rattegässchen hin. Heute befindet sich an dieser Stelle ein Anbau des ehemaligen Edeka-Ladens. Der Rückweg auf der anderen Straßenseite der Blauen Pfütze zur Marktstraße zeigt zu Beginn zwei Garagen, die ein kleines, unbewohnbar gewordenes Wohnhaus ersetzt haben, und dann das Haus Nr. 4, in dem früher ein Küfer (auch Fassbinder genannt) lebte. Hinter dem Scheunentor dieses Hauses liegt ein Innenhof mit Nebengebäuden. Zwischen den beiden Garagen und Haus Nr. 4 konnte man früher eine Abkürzung nehmen, genannt das „Seidene Strümpfchen“, die von der Blauen Pfütze zu dem Fußweg „Hinter der Mauer“ bzw. zur Schmaleichertorstraße zur früheren Metzgerei Seibert und zum zugehörigen Gasthaus zur Post führte. In Haus Nr. 6 (s. Abb. 16), in dem sich bis in die frühen 1990er Jahre eine Schmiede befand, lebte und arbeitete der Schmied Willi Kratz, der noch heute bei vielen Reitern als Hufschmied bekannt ist. Schon seine Vorfahren hatten hier über mehrere Generationen hinweg neben einer Landwirtschaft auch eine Schmiede betrieben. Die Rückwand des Innenhofes dieses Hauses wurde wie auch schon bei Haus Nr. 4 in die Stadtmauer integriert. In Haus Nr. 8 lebte bis zu ihrer Auswanderung in die USA Ende 1938 das jüdische Ehepaar Arthur und Lina Katten. Dieses Haus wird weiter unten als „Kattens Hoob“ gesondert vorgestellt. Das Gebäude mit den Nummern 10 und 12 war schon immer ein Doppelhaus gewesen, in dem zu unterschiedlichen Zeiten u.a. ein Schreiner, ein Sattler und ein Uhrmacher mit ihren Familien lebten. In Haus Nr. 16 wohnte die Familie des jüdischen Kaufmanns (Schuhgeschäft) und Viehhändlers Isidor Stiefel („Sußmanns“). Er emigrierte im März 1938 zusammen mit seiner Ehefrau Emma und seinem Sohn Lothar in die USA. Sein Bruder Sally Stiefel ist im Vernichtungslager Auschwitz ermordet worden. (Vgl. Händler-Lachmann u.a., S. 186.)

 

Haus Nr 6

 

In den folgenden Gebäuden lebten überwiegend kleinere Handwerker und Tagelöhner, die nebenbei entweder im unteren Teil ihres Hauses oder im dahinter gelegenen Stall noch ein wenig Kleinvieh hielten. Erwähnenswert ist das Eckhaus Nr. 28, dessen Bewohner lange Zeit den Hausnamen „Weißbinders“ trugen, zurückzuführen auf den Beruf eines ihrer Vorfahren. Und da das Haus über Jahrzehnte im Eigentum dieser Familie verblieb, blieb auch der Hausname erhalten, selbst als die Nachfahren andere Berufe ausübten oder dort gar nicht mehr wohnten. In der Blauen Pfütze, die mal eine reine Fachwerkstraße gewesen ist, waren nahezu alle Handwerksberufe vertreten, die für den Erhalt und das Funktionieren eines kleinen Ackerbürgerstädtchens wie Rauschenberg notwendig waren. Besonders erwähnenswert ist, dass sich in dieser Straße, der Blauen Pfütze, an warmen Tagen und Abenden die Anwohner vor allem auf der östlichen Straßenseite (der Sonnenseite) zum geselligen Beisammensein vor ihren Häusern treffen. Bedingt durch die enge Bebauung und den manchmal auch sonderbaren Grenzverlauf sind die Anwohner seit jeher auf gegenseitige Rücksichtnahme angewiesen.

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Katten’s Hoob – Blaue Pfütze Nr. 8 (früher Nr. 26)

 

Geht man von der Schmaleichertorstraße in die Straße „Blaue Pfütze“ hinein, so fällt auf der rechten Seite ein Fachwerkhaus nicht nur mit seiner (von der von seiner Umgebung) abweichenden Balkenfärbung auf, sondern auch mit einem Namenschild: „Katten’s Hoob“.

 

Katten

 

Dieses im 17. Jh. vermutlich auf einem älteren Fundament errichtete Fachwerkhaus hat vor allem im vergangenen Jahrhundert eine wechselvolle Geschichte erfahren. Bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts wissen wir nichts von den Bewohnern. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kaufte der jüdische Händler Emanuel Katten das Haus. Die weiteren Besitzverhältnisse sind nicht erwähnenswert. Das Haus schien jedoch (s. Abb. 18) dem Schicksal vieler Fachwerkhäuser, dem langsamen Verfall, entgegenzugehen. Aber dann ereignete sich ein „Wunder“: Helmut Nau erwarb das Haus im Jahr 2007 und sanierte das inzwischen nicht nur unansehnliche, sondern auch unbewohnbar gewordene Bauwerk außen und innen.

 

Katten 1950

 

Der neue Eigentümer hat ganze und gute Arbeit geleistet und das Haus zu einem Schmuckstück renoviert. Heute kann er sich über die Qualität der alten Fachwerkbalken freuen, so über den „Unterzug“ (auch „Alter Mann“ genannt), einen durchgehenden Balken, der von der Straßenseite bis zur Rückseite das Haus trägt. Er nennt die in einem Fachwerkshaus keineswegs üblichen vielen kleineren und größeren Segmentbögen aus Stein im Keller und zeigt in der Küche die z.T. noch gut erhaltenen „Münchener Kacheln“; Lehmkacheln, die ca. 500 Jahre alt sind. Das Engagement, das hier ein Eigentümer zeigte, würden wir uns auch bei etlichen anderen Eigentümern wünschen, die ihre gekauften Immobilien seit Jahren leer stehen und vor sich hinmodern lassen. Aber das Haus hat auch noch eine andere Bedeutung: Es war, wie erwähnt, das Wohnhaus der jüdischen Familie Katten. Der Eigentümer war der aus Halsdorf stammende Emanuel Katten. Er 1 Bei dem Bild fällt auf, dass der Hinweis auf den ehemaligen Eigentümer und sein Geschäft „Arthur Katten – Viehhändler“ aus dem Putz herausgekratzt wurde. wurde am 2.12.1857 geboren, heiratete 1888 Jettchen Goldenberg und starb am 3.4.1933. Das Paar hatte insgesamt neun Kinder, von den wir drei erwähnen wollen. Da ist zunächst das zweite Kind: Paula Katten, die 1890 geboren wurde, 1922 Abraham Steinfeld aus Josbach heiratete und 1944 im KZ Danzig-Stutthof umkam. Dann als drittes Kind Arthur Katten, der 1892 geboren wurde, das Anwesen übernahm und Lina Stern aus Niederklein heiratete. Zusammen mit dem Schwiegervater Moses Stern wanderten Arthur und Lina Katten 1938 in die USA aus. Und schließlich als fünftes Kind: Max Katten, der 1897 geboren wurde und im 1. Weltkrieg „fiel“.2 Fazit: Ermordet im KZ, emigriert in die USA und gefallen fürs Vaterland!! Welche Zeiten waren das? Ein Bild aus „glücklicheren“ Tagen aus dem Jahr 1907 (s. Abb. 19) haben wir an anderer Stelle gefunden.

 

Familie Katten

Im Fenster unten Jette und Max. Vor dem Haus von links Arthur, Susanna, Betty und Emanuel. Oben im Fenster Paula und Minna. (Vgl. Händler-Lachman u.a., S. 42.) 2 Diese Daten haben wir Schneider, S. 184 und 269, entnommen. Der neue Eigentümer kann noch heute auf Zeugnisse der jüdischen Vergangenheit des Hauses hinweisen. So ist beim Eingang die Mesusa aus Olivenholz mit Gebetsrolle vorhanden. Auch existiert ein alter Kelch für traditionelle Feste im Haus. Im Bad befindet sich die Stange zum Aufhängen der geschlachteten Tiere. Dem neuen Eigentümer ist nicht nur für die Sanierung dieses erhaltenswerten³ Gebäudes zu danken, sondern auch dafür, dass er mit der Namenstafel an die Vorgeschichte des Hause erinnert.Das Haus wird in seiner ebenfalls „erhaltenswürdigen Umgebung“ vom „Denkmalschutz“ als „Einzeldenkmal“ aufgeführt.

 

Kattens hoob

 

Immaterieller Lohn der Arbeit war die Verleihung des Denkmalschutzpreises durch den Landkreis Marburg-Biedenkopf im Jahr 2013. Das Anbringen der Ehrentafel zeigt folgendes Bild.

 

Ehrentafel

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Blick über die Mauer

 

Die Blaue Pfütze wird nach Osten durch die Stadtmauer begrenzt. Ein „Blick“ über die Mauer zeigt einen außerhalb der ehemaligen Mauer etwa parallel zur Blauen Pfütze verlaufenden und auch heute noch genutzten öffentlichen Fußweg, der von der Schmaleichertorstraße bis zur Ecke Marktstraße /Jahnstraße führt. Er heißt im Ort „Hinter der Mauer“. Der Verlauf der Stadtmauer, die im Jahre 1897 teilweise abgebrochen wurde, ist hier bis heute erkennbar. (Vgl. Klingelhöfer 2001.) An die Stelle der Stadtmauer sind bei einer Reihe von Grundstücken Brandmauern aus Ziegelstein als begrenzender Abschluss getreten. Hinter zwei Anwesen ist die Stadtmauer als Teil der Hausrückwand erhalten geblieben. Zwischenzeitlich haben einige Bewohner eine Türöffnung in diese „Grenzen“ gebrochen, um leichter in ihre Gärten zu gelangen, die außerhalb der Stadtmauer lagen bzw. heute noch liegen.

 

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Das Leben im Rauschenberger Haus (um1980)

 

„In den meisten Fachwerkhäusern spielt sich heute wie früher, das hauptsächliche Leben in der Küche ab. Die Küche ist im Gegensatz zu den heutigen Neubauten eine große Wohnküche. Neben dem Arbeitsbereich (Herd, Schrank mit Spülschüsseln), steht in der Küche auch ein großer Tisch mit Stühlen und oft ein Sofa zur Gemütlichkeit. Während die Kinder dort ihren Mittagsschlaf machen, arbeitet die Mutter in der Küche. […].Die Küche liegt bei den giebelständigen Häusern zur Straßenseite und oft sind die Fenster nur so hoch, daß man sich mit den Leuten, die auf der Straße vorbeigehen, gut unterhalten kann. In der Borngasse, Milchgasse und in der Blauen Pfütze gehen die Türen (ohne Treppen) direkt auf die Straße, so gehört sie selbst für die ganz Kleinen und die schon etwas behinderten Alten zum unmittelbaren häuslichen Lebensraum. Dies ermöglicht einen guten Kontakt zu dem Außenleben. Die Fläche vorm Haus ist der Spiel-, Arbeits- und Aufenthaltsbereich für die ganze Familie […]. Bei den Häusern, die noch Landwirtschaft haben, sind die Hinterhöfe mit den dabei liegenden Waschküchen sehr wichtig. In der Waschküche steht ein großer Kessel, den man zum Waschen, zum Einkochen, zum Schlachten und zum Kochen von Schweinekartoffeln benutzt. Der Hinterhof wird in die Arbeit mit einbezogen, z.B. wurde die Wäsche in der Waschküche gekocht und draußen geruppelt. Weiterhin dienten die Hinterhöfe für Arbeiten wie z.B. Kartoffel auslesen, Kartoffelsäcke flicken. Im Sommer verrichtete man in der Waschküche fast alle Arbeiten. Hier wurde früher sogar das Mittagessen gekocht. Die Waschküche war also eine richtige Sommerküche. Die Hinterhöfe sind meist so gelegen, daß man dort in der Familie für sich sein kann oder höchstens mit engeren Nachbarn zusammen kommt, sie sind die Außenzimmer […]“, wo sich „[…] das ganze Leben ab[spielt].“ Die anderen Räume spielen nur eine Nebenrolle, z.B. wird das Wohnzimmer nur zu besonderen Anlässen genutzt (Geburtstag, Weihnachten usw.). Seit es das Fernsehen gibt, das dann oft im Wohnzimmer steht, wird dies häufiger benutzt […]. Bei manchen Familien, die in Fachwerkhäusern wohnen und eine große Küche haben, steht der Fernseher dort und wird in das Leben miteinbezogen. In den Fachwerkhäusern gab es früher kein Badezimmer, sie wurden erst später eingebaut. Entweder stellten die Leute eine große Badewanne in die Küche oder sie gingen ins Rauschenberger Badehaus. In einem Haus waren oft 2 bis 3 Schlafräume, einer für Oma und Opa und der nächste für die Eltern. Oft schliefen die kleinen Kinder bei den Eltern, die größeren in einem anderen Raum.“ (Aus: spurensicherung in rauschenberg 1982, S. 21- 24.)