04. Schwimmen früher und heute

 

1. Wohra-Bad Wasser und Mensch bilden seit Urzeiten eine nicht zu trennende Einheit zum Erhalt des Lebens überhaupt. Der Luxus, Wasser für sportliche Bewegung zu nutzen, mag auch uralt sein, immer schon wurden sicherlich ein Bach, Teich oder ein Fluss zum Eintauchen in das kühle Nass genutzt. Das wird auch in Rauschenberg nicht anders gewesen sein. Ob es in Rauschenberg an der Wohra Wasser-Einstiegsstellen fürs Schwimmen gab, ist aus dem 19. Jahrhundert nicht bekannt. Ab 1900 ist jedoch in mündlicher Erzählung immer wieder von einer Bademöglichkeit in der Wohra die Rede. Die Bade und Schwimmmöglichkeit an der Wohra befand sich in der Nähe des heutigen Parkplatzes vom Hotel Lindenhof „am Schlammloch hinter den Binsen“, von Rauschenberg kommend links vor der alten Sandsteinbrücke, die im Zuge der Regulierung bzw. Umleitung der Wohra und Verrohrung des Hundsbachgrabens 1964 abgerissen wurde. Für Umkleidemöglichkeiten war eine kleine Holzhütte mit zwei Kabinen aufgestellt, von der heute stets mit einem Schmunzeln berichtet wird. Auch ein selbstgebautes Sprungbrett soll es gegeben haben. Diese Bademöglichkeit wurde unter anderem von der Schule genutzt. Über die Entfernung von der Schule bis zur Wohra wird 1888 von Bromm berichtet, dass die Entfernung bis zum Flusse Wohra im Hinabsteigen 15, im Hinaufsteigen 20 Minuten beträgt. So gingen in den Jahren um 1940 die Lehrer Graeber und Schleiter mit den Schülern ab der vierten Klasse dorthin, um den Kindern das Schwimmen beizubringen, was wohl wie folgt vor sich ging: Der Lehrer hielt eine Angel mit einem Haltegurt in die Wohra, und die Schüler legten sich in den Sicherungsgurt und probierten das Schwimmen aus. Die Erfolge ließen nicht auf sich warten: Frei und Fahrtenschwimmer-Zeugnisse über ¼ Stunde bzw. ¾ Stunde Schwimmen und über jeweils einen Sprung ins Wasser wurden bescheinigt. Man muss daran denken, dass die Schüler in dem kühlen Wasser schwammen, das zudem immer auch eine gewisse Strömung hatte. Wir haben solche Schwimmer-Zeugnisse freundlicherweise von Elisabeth Brock geb. Schmitt für eine Abbildung zur Verfügung gestellt bekommen.

 

Schwimmer Zeugnis

 

Wer ein solches Zeugnis wie oben abgebildet erworben hatte, durfte zur Schwimmstunde an der Spitze der Schülergruppe zur Wohra gehen. Alle Kinder, die noch nicht schwimmen konnten und besonders in den heißen Sommerferientagen Lust darauf hatten, besorgten sich bei den Kaufleuten oder Bäckereien größere leere Blechdosen. Diese wurden zugelötet, und an den Deckel sowie den Boden ließ man sich kleine Ösen anlöten. Durch sie zog man „Presskordel“/Dreschkordel oder dünne Lederriemen. Auf den Rücken gebunden, wirkten sie als sichere Schwimmhilfen. Wer sogar zwei Büchsen sein Eigen nannte, wurde schwer beneidet. Natürlich geschah das Schwimmen „Auf eigene Gefahr“. Eine allgemeine Regel war, dass, wenn um fünf Uhr das Bähnchen an der Hardtmühle pfiff, die Jüngsten der Kinder nach Hause gehen mussten. 2. Ein im Jahr 1935 geplantes Schwimmbad an der Wohra Ab ca. 1935 wurde in Rauschenberg der Wunsch für den Bau eines „richtigen“ Schwimmbades wach. Bürgermeister Moll und seine Gemeindevertretung griffen die Vorstellung auf und reichten im Sept. 1937 beim Landrat in Marburg einen Bauplan ein, der am 19. April 1938 in Kassel vom Regierungsbaurat Haas als Kulturbaubeamter geprüft wurde. Am 18. Juli 1938 erteilte der Landrat unter der Nr. 847 den Bau-Schein. Bürgermeister Moll ließ daraufhin schon einmal die Lage des Bades auf dem stadteigenen Grundstück mit einem Schnurgerüst abstecken. Auf den folgenden Seiten sind einige Auszüge aus den Bauakten wiedergegeben. Der Beginn des zweiten Weltkrieges im Jahr 1939 verhinderte eine weitere Planung, die Akten verschwanden im Archiv des Rathauses, denn die Bürger hatten bald andere Sorgen, und an den Schwimmbad-Bau an der Wohra wurde nicht mehr gedacht. Zum Abschluss ist noch zu erwähnen, dass in Kirchhain an der Ohm, Ortsausgang nach Amöneburg, um 1940 ein Schwimmbadhaus gebaut wurde, das wegen des dortigen Feuchtgebietes auf Stelzen errichtet worden war und das dem geplanten Rauschenberger Schwimmbad sehr ähnlich sah. Ein dem Geschichtsverein Kirchhain vorliegendes Foto lässt das erkennen. Das Kirchhainer Schwimmbad wurde in den 50erJahren abgerissen. 3. Schwimmen im Ziegeleier Die folgende Abbildung zeigt nach einer alten Aufnahme den „Ziegeleier“ rechts neben der inzwischen nicht mehr existierenden Ziegelei.

 

Ziegeleier

 

Ursel Riedig berichtet aus eigener Erfahrung: „Bevor das neue Freibad gebaut bzw. fertiggestellt und das Schwimmen in der Wohra schon nicht mehr möglich war, ging’s in den ‚Ziegeleier’. Die vollgelaufene ehemalige Tonabbaugrube unterhalb der Ziegelei war zwar „verbotenes Gebiet“, lockte aber die Rauschenberger Jugend trotzdem. Im Jahr 1959 ging ich als Junglehrerin ein oder zweimal mit, um die Schüler nicht allein zu lassen – natürlich außerhalb des Unterrichts. Das Wasser fühlte sich seidig an, war aber dunkel, kein Grund zu sehen, mir etwas unheimlich – aber man konnte ein bisschen schwimmen. Liegefläche drumherum gab es auch genug, ebenso Gebüsch – zum Umkleiden. Vertrieben hat uns keiner, aber der Ziegeleibesitzer verpachtete 1974 dem Fischereiverein das Gewässer, und der übernahm es dann, setzte Fische ein, und statt Schwimmen war fortan Angeln angesagt.“ Ergänzend ist zu bemerken, dass der „Ziegeleier“ hauptsächlich von Schwabendorfern benutzt worden sein soll, Rauschenberger gingen zum Schwimmen und Baden zur Wohra.

 

Lagerplan Schwimmbad Wohra

Beschreibung Schwimmbad Wohra

Baugenehmigung Schwimmbad

Rückseite Bauschein

Grundriss Schwimmbad

Umkleidehalle vorne

 

4. Das neue Freibad im Timpelsgraben 1955 hatten die städtischen Gremien bereits den Bau eines Schwimmbades ins Auge gefasst. Aber erst sechs Jahre später gab Wiesbaden seine Zustimmung und Unterstützung, da erst Kanalisation und Kläranlage in der Finanzplanung abgeschlossen sein mussten. So konnte die Stadtverordnetenversammlung erst 1961 den Bau beschließen. Nach gelungener Planung und erteilter Baugenehmigung begann die Marburger Firma Herzog mit dem Bau, und am 1. Juni 1963 konnte das Freibad feierlich eröffnet werden. Die Kosten betrugen etwa 400.000 DM. (Festschrift 725 Jahre Stadt Rauschenberg, S. 58). Das Freibad liegt im Gebiet „Am Timpelsgraben“, hat ein 25MeterBecken und einen Nichtschwimmerteil, der mit einer Leine zum „Tiefen“ abgesichert ist. Zu Beginn gab es noch ziemlich lange ein Drei-Meter-Brett – heute nur noch ein Einmeterbrett, Startblöcke ermöglichen Wettkampfbahnen, für Kleinkinder gibt es ein Planschbecken, überall sind Bänke aufgestellt, weiträumige Liegewiesen ermöglichen eine gewisse Ungestörtheit. Natürlich gehören genügend Umkleidekabinen – und heute auch warme Duschen für die nötige Hygiene dazu. Am Anfang war das Wasser ziemlich kühl, und es mussten schon lange, warme Sommertage kommen, um es auf angenehme Temperatur zu erwärmen. Doch bald gab es eine Änderung: Das Wasser wird bis heute durch moderne Technik erwärmt (zusätzlich auch Sonnenenergie). Und Bürgermeister Schmitz schreibt 1976: „Das beheizte Freischwimmbad ist für die Wasserfreunde aus nah und fern ein fester Begriff geworden. Das Bad findet mit seiner sonnigen Liegewiese zunehmend größeren Anklang bei Einheimischen, Ausflüglern und Feriengästen. In der Nähe des Schwimmbades befinden sich eine moderne Sauna und eine Massagepraxis.“ (Schmitz, 1976, S. 184). Die Wasserqualität, die täglich vom Bademeister geprüft wird, ist hervorragend, da bei Bedarf aus den Stadtteichen im geschlossenen Rohrsystem Frischwasser zugeführt werden kann – und das kostenfrei ist. Der Chlorgehalt kann so äußerst gering gehalten werden.

 

Schwimmbad heute