03. Was veränderte sich um 1900 für die Bevölkerung durch die neue Wasserleitung?

 

1. Im alltäglichen Leben, in der Familie Ab 1900 wurde das lästige Wasserholen an den Brunnen überflüssig; die Wege zum Wasser im eigenen Haus waren jetzt kurz und nicht mehr vom Wetter abhängig. Abgesehen von äußerst kalten Wintertagen, wie z. B. 1941, gab es eine hohe Frostsicherheit für die in der Erde liegenden Rohre. Der Brandschutz wurde jetzt durch die Hydranten gesichert. Die Versorgungs und Qualitätssicherheit war deutlich verbessert worden; ab jetzt gab es stets ausreichend Wasser für Mensch und Tier. Die Kosten, die der Stadt und den Bürgern für das Verlegen der Leitung und das Wasser selbst entstanden, waren sicher ein Nachteil. Dass die gelegten Bleirohre ein Gesundheitsrisiko wären, dessen war man sich damals nicht bewusst. Bis jedoch jedes Haus ein WC erhielt, dauerte es bis 1945; in Neubauten war der Einbau der sanitären Einrichtungen schon ab 1934 üblich. Für die Hausfrauen, denen schon immer das Wäschewaschen zufiel, wurde es ab 1900 durch die Wasserleitung im Haus einfacher. Zwar blieb das Waschbrett, das in der Literatur für Vor und Nachwaschmöglichkeiten schon um 1850 erwähnt wird, nach wie vor in Betrieb. Das Ausspülen an den Bächen (in Rauschenberg evtl. in dem schon erwähnten „Waschbach“ ) und das Auswringen mit der Hand im Freien gehörten der Vergangenheit an. Normalerweise wurde früher alle vier Wochen die Wäsche gewaschen, in reichen Familien, die über ausreichend Wäsche verfügten, drei bis viermal im Jahr. Die Rauschenbergerin Anna Moll erzählt über das Wäschewaschen ohne Waschmaschine und das anschließende Bleichen: „In der Waschküche im Kellergeschoss unseres Hauses gab es einen Wasseranschluss und einen beheizbaren Kupferkessel, der zum Wäschewaschen, aber auch zum Schlachten oder Muskochen benutzt wurde. Am Abend vor der ‚großen’ Wäsche, der Weißwäsche, wurde diese in einer Holz oder Zinkwanne mit Soda eingeweicht und über Nacht stehen gelassen. Am nächsten Morgen wurde unter dem mit Wasser gefüllten Kessel mit Holzfeuer geheizt, Seifenflocken oder Waschpulver im heißen Wasser aufgelöst und die ausgewrungene Wäsche in die Lauge gelegt und gekocht. Eine Wanne wurde auf einen Holzbock gestellt und jedes einzelne Wäscheteil darin auf einem Waschbrett gerubbelt. Später gab es auch einen sogenannten Stampfer, der den Restschmutz aus der Wäsche herausholte. Anschließend wurde mehrmals gespült und gut gewrungen. Dazu mussten auch die Kinder schon mal ran. Wäscheschleudern gab es dann erst nach der Währungsreform (1948), die diese Arbeit übernahmen. Wer keinen Hausgarten hatte, brachte die nasse Wäsche auf die Gemeindebleiche. Die befand sich „Auf der Neustadt“, dort, wo heute das Mehrfamilienhaus der Familie Lins (früher Raiffeisenlager) steht. Das Gelände war eingezäunt. Es gab einen Pfahl mit einem Wasserhahn und einige Pfosten, zwischen denen Leinen zum späteren Wäschetrocknen gespannt waren. Die ausgebreiteten Wäschestücke wurden auch von uns Kindern 23mal begossen, jedes Mal, wenn sie getrocknet waren. War alles gut gegangen, wurden sie zum Trocknen aufgehängt. Hatte aber jemand das Türchen der Umzäunung aufgelassen und die Hühner kamen hereinspaziert, während die Mädchen Fangen spielten, dann mussten sie die Hühner rausjagen, die verschmutzten Teile einsammeln, damit sie die Mütter, die darüber gar nicht erfreut waren, mühsam wieder säuberten.“

 

2. Öffentliche Badestuben Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war es lange nicht möglich, Häuser mit Badezimmern zu versehen. Dazu bedurfte es noch einer Weiterentwicklung, und sicher musste auch eines gewissen Umdenken in der Bevölkerung einsetzen. Aber man weiß ja, dass es schon bei den Römern und auch in Deutschland im Mittelalter öffentliche Badestuben gab. (Wie es darin manchmal zuging, soll uns hier nicht interessieren.) In Rauschenberg soll es 1791 schon Badestuben gegeben haben, wie ein Chronist in der (Pfarrchronik II) ohne weitere Angaben berichtet. 1928/29 tat sich etwas. Das frühere „Gemeindehaus“ oder „2. luth. Pfarrhaus“ genannt (in der oberen Pfaffengasse am Treppenaufgang zum Kindergarten gelegen, damalige Haus-Nr. 132), das insgesamt gesehen eine wechselvolle Geschichte hat, wurde umgebaut. Das obere Stockwerk wurde Alterssitz des pensionierten Metropolitans (aus Internet: Der Metropolitan war der Vorgesetzte der Pfarrerkollegen in den Nachbardörfern seiner kleinen Metropole), während das untere Stockwerk zum Gemeindehaus umgewandelt wurde. Ein „Saal“ für Gemeindearbeit, Konfirmanden-Unterricht, Jugendarbeit, in kalten Wintern auch für Gottesdienste, wurde geschaffen. Gleichzeitig wurden Räume links vom Treppenaufgang, also im Hochparterre, als öffentliche Bade-Einrichtungen mit Wannen und Duschbädern eingerichtet. Zeitzeugen berichten, dass sie als Kinder samstags ein paar Groschen in die Hand gedrückt bekamen und zur „gründlichen Reinigung“ geschickt wurden. Ein Fräulein Balzer, später verheiratete Frau Giebner, verkaufte die Eintrittskarten. Im 2. Weltkrieg wurden dort sogar Solebäder angeboten, wie uns eine Rauschenbergerin berichtet. Wahrscheinlich wurden diese Badeeinrichtungen einige Zeit nach 1945 geschlossen, das Gemeindehaus wurde Wohnhaus. Aber es gab noch eine weitere kleine öffentliche Badeanstalt. In der Festschrift und Chronik aus dem Jahr 1982 von Erich Fischer über das „Gasthaus zur Post“ wird Folgendes erwähnt: „... Auch gab es eine kleine öffentliche Badeanstalt mit zwei Wannen, für deren Benutzung ein Eintrittsgeld von 30 Pfennig erhoben wurde. Es gab sogar schon Badekarten hierfür. Diese Badeanstalt wurde von dem in der Straße „Blaue Pfütze“ gelegenen Wasserkump gespeist“. Dieser Zulauf wird von uns bereits im Bericht über den „Alten Kump erwähnt.

 

Badestuben