46. Der Mord unter der Kirchlinde

46. Der Mord unter der Kirchlinde

(nach einer wahren Begebenheit)

Wenn man die Schloßstraße hinauf, an der hochgelegenen Kirche vorbei und dem Schlossberg zugeht, dann gelangt man an ein altes Steintor, das sogenannte Schloßtor. Dieses stammt noch aus den alten Zeiten der Grafen von Ziegenhain, welche ehedem Bewohner des Schlosses zu Rauschenberg waren. Das Schloß wurde bereits im Jahre 1646 zerstört, und nur noch eine romantische Ruine zeugt von dem einstigen Vorhandensein desselben. Das alte Schloßtor blieb jedoch als Letztes der vier vorhanden gewesenen Stadttore der einstigen Befestigungsmauer erhalten.

Wohl viele Menschen mögen in unseren Tagen durch dieses Tor geschritten sein, ohne das linker Hand in einen Mauerstein eingehauene Hufeisenzeichen bemerkt zu haben. Und doch hat auch dieses kleine Wahrzeichen seine Bedeutung und erinnert an eine Begebenheit längst vergessener Tage. Nicht durch Zufall als Spielerei, sondern mit Vorbedacht zur bleibenden Erinnerung an eine ungerächt gebliebene Mordtat, wurde die Hufeisenform von unbekannter Hand in den Stein des Torbogens eingehauen.

Es war in der Nacht vom 9. zum 10. März 1837, als die ledige Anna Martha Falk, geboren am 12. September 1808 zu Rauschenberg, unter der Linde an der Kirche ermordet wurde. Rektorschüler, welche morgens zur Schule läuten wollten, gewahrten in unmittelbarer Nähe der Kirche und der alten Linde vor dem Schloßtor die auf der Erde liegende, blutüberströmte Leiche. Offenbar war dieselbe durch mehrere Messerstiche, wovon einer das Herz getroffen hatte, erdolcht worden. Der Verdacht, diese Tat verübt zu haben, richtete sich sehr bald auf einen jungen Mann, den Assessor Winkler, welcher damals in Marburg wohnhaft war, vordem aber eine geraume Zeit sich in Rauschenberg aufgehalten hatte. Während seiner hiesigen Anwesenheit hatte er das Mädchen kennengelernt und war in ein inniges Verhältnis zu demselben getreten. Winkler wurde somit auch alsbald in Untersuchungshaft genommen, allein niemand konnte bezeugen, dass er in der fraglichen Nacht in hiesiger Stadt anwesend gewesen sei, es hatte auch niemand in den vom Tatort nicht sehr entfernt stehenden Häusern ein Stöhnen oder Schreien gehört, was eine so blutige Tat vermuten ließ. Dass es aber nicht ohne erheblichen Widerstand der Ermordeten geschehen war, dafür zeugten die eingestampften Fußtritte auf dem Erdboden und die blutigen Handabdrücke auf der Tünchfläche der Kirchenwand neben dem Turmeingang, welche bei näherer Untersuchung aufgefunden wurden. Nur der Wächter, in der der Kirche gegenüber gelegenen, aber nun schon lange abgebrochenen Zehntscheuer, gab an, dass er in jener Nacht gegen Morgen wiederholt das Wiehern eines Pferdes vernommen habe, und sich nichts anderes dabei habe denken können, als dass ein Pferd im Schloßtor oder in der Nähe desselben angebunden gewesen sei. Den wider ihn erhobenen Anklagen gegenüber beteuerte der mutmaßliche Täter, er sei in jener Nacht in Marburg auf einem Balle gewesen. Dies wurde allerdings durch Zeugen erwiesen. Jedoch war es verschiedenen seiner Freunde aufgefallen, dass Winkler längere Zeit dem Ballsaal ferngeblieben war und erst gegen Ende der Festlichkeit wieder erschien. Er gab dies auch zu, versuchte aber seine längere Abwesenheit damit zu erklären, dass er an jenem Ballabend sehr ermüdet gewesen sei und sich aus diesem Grunde kurz nach Mitternacht in ein Zimmer des Festlokals zurückgezogen und daselbst auf einem Sofa mehrere Stunden geschlafen habe. Dass er die Ermordete an den Tatort bestellt hatte, konnte man ihm nicht nachweisen, dagegen wurde durch einen Proberitt, welchen ein ehemaliger Husar ausführen musste, festgestellt, dass ein guter Reiter, und als solcher galt auch Winkler, recht wohl innerhalb zweieinhalb Stunden von Marburg nach Rauschenberg und nach einem kurzen Aufenthalt dort, wieder zurück nach Marburg reiten konnte.

Immerhin fehlte es jedoch an dringenden Beweisen, um Winkler für schuldig zu erklären, den Mord in fraglicher Nacht begangen zu haben. Er wurde daher vom Tribunal freigesprochen.

Von Marburg soll er dann kurz nach seinem Freispruch in eine entfernte Stadt unseres Hessenlandes verzogen und daselbst auch gestorben sein.

 

An den Mord knüpft sich folgende Sage an:

Winkler kam von Marburg her über den Schloßberg geritten. Er band sein Pferd unter dem Schloßtor an. Dann schritt er zur Kirch- linde, wo die dorthin bestellte Braut seiner wartete. Ohne auch nur ein Wort mit ihr zu wechseln, nahm er seinen Dolch und stach sie nieder. Als das Mädchen gellend schrie, erschrak das Pferd, schlug nach hinten aus und traf mit dem Hufe die gegenüberliegende Wand des Schloßtores. Noch heute ist der Abdruck als hufeisenförmige Vertiefung zu sehen.

Die Läutejungen aber, welche noch zu später Nachmittagsstunde in der Winterzeit die Betglocke läuten mussten, raunten sich heimlich ins Ohr: „Hier ist's nicht ganz geheuer."