45. Die weiße Dame und der Schäfer

45. Die weiße Dame und der Schäfer

Der Schäfer hütete an einem schönen Sommertage die Schafe unterhalb der Burg. Er lag unter einer alten Eiche und dachte darüber nach, wie gut es die Leute auf dem Schlossberg hätten. Als er noch so dalag und nachdachte, stand plötzlich eine weiße Dame vor ihm, sagte ihm „Guten Tag" und lud ihn ein, mit auf das Schloss zu gehen. Der Schäfer folgte ihr, ohne sich lange zu besinnen. Als sie über die prächtigen Wiesenfluren schritten, schenkte ihm die Dame drei gelbe Schlüsselblumen, welche der Schäfer sich an seinen Hut steckte. Sie gingen durch den Wald zur Burg hinauf. Vor einem Gewölbe der Burg angekommen, tat sich die Tür von selbst auf, und sie traten hinein. Hier waren alle Reich- tümer des Schlosses angehäuft. Der Schäfer konnte sich nicht satt sehen. Das Burgfräulein forderte ihn auf, sich etwas von den Sachen auszusuchen. Der Schäfer wusste kaum, was er wählen sollte. Endlich griff er in eine Truhe mit Edelsteinen und wählte sich einige davon aus und steckte sie in seine Tasche.

Eben wollten sie das Gewölbe wieder verlassen, da sprach das Fräulein: „Vergiß das Beste nicht, vergiß das Beste nicht!" Beide verließen die unterirdischen Räumlichkeiten. Als der Schäfer in das Freie trat, schloß sich mit einem lauten Krach die Tür.

Der Schäfer eilte nach seiner Herde, fand sie aber nicht. Nun wollte er seine Edelsteine besehen, aber er hatte nur ein paar ganz gewöhnliche Steine in der Tasche. Als er aber zufällig an seinen Hut faßte, gewahrte er, dass die Schlüsselblumen zu Gold geworden waren. Froh eilte er nun nach Hause und erzählte den Vorfall den Leuten im Städtchen. Niemand aber wollte ihn kennen, denn der Schäfer war hundert Jahre im Schloss bei dem Fräulein gewesen. Die Leute lachten ihn nur aus, denn der Schäfer war steinalt und hatte einen eisgrauen Bart. Nur die ältesten Leute in der Stadt hatten von ihren Eltern gehört, dass damals der Schäfer verschwunden sei und niemand habe gewusst wohin.