39. Vom weißen Hahn bei Riemenschneiders Loch

 

Von dem, im November 1924, verstorbenen Metzger Henkel ist uns folgende Erzählung überliefert:

„In meinen jungen Jahren war ich Metzgergeselle in Marburg bei Metzgermeister Lippmann.

Eines Tages beauftragte mich mein Meister, zwei fette Ochsen in Sindersfeld zu holen. Noch bei Nacht brach ich in Marburg auf und war schon vor Tagesanbruch in Sindersfeld. Dort lag der Bauer, bei dem ich die Ochsen holen sollte, noch in so festem Schlafe, dass ich ihn nicht wach bringen konnte. Da fiel mir ein, dass ich einem Rauschenberger Schuster ein paar Stiefel zur Reparatur gebracht hatte, die ich abholen könnte. Ich schlug also den Waldweg nach Rauschenberg ein. Kaum war ich im Walde, da sah ich seitwärts von mir etwas Weißes dahinhuschen. Ich konnte es aber nicht erkennen, da es noch zu finster war. Erst als ich bei Riemenschneiders Loch ankam, war es inzwischen Tag geworden. Jetzt erkannte ich, dass die weiße Gestalt ein weißer Hahn war, der immer noch seitwärts von mir lief und beständig auf gleicher Höhe mit mir blieb. So lief er mit mir bis zum Rauschenberger Friedhof, wo er auf einmal verschwand. Nach Sindersfeld zurückgekehrt, erkundigte ich mich sofort, wem dort ein weißer Hahn entlaufen sei. Aber alle Leute versicherten mir, dass im ganzen Dorf kein weißer Hahn zu finden sei. Dadurch wurde das nächtliche Erlebnis noch unheimlicher für mich."