16. Von Hexen und bösen Geistern

 

Der Glaube an Hexen und Hexenmeister war in unserer Gegend um die Jahrhundertwende, ja oft bis in die 20er und 30er Jahre unseres 20. Jahrhunderts, noch lebendig und ziemlich verbreitet.

Man unterschied die Hexen in zwei Kategorien: in solche, die anderen Leuten Schaden zufügen und solche, die sich selbst einen Vorteil verschaffen konnten. Jede Hexe hatte ein besonderes Gebiet, auf das sich ihre Künste beschränkte. So gab es Wetterhexen, Butterhexen, Geldhexen und viele andere mehr.

Wollte man eine Hexe als solche erkennen, so bot sich dazu in der Walpurgisnacht (Nacht vom 30. April auf den 1. Mai) Gelegenheit. Man brauchte sich nur ein Kreuz oder ein Pflugschar auf den Rücken zu binden und auf einen Kreuzweg stellen. Hier konnte man sie dann beim Tanze beobachten.

War eine Frau verdächtig, eine Hexe zu sein, so vermied man es, mit ihr in nähere Berührung zu kommen. Kam es doch zu einer Begegnung - was in einem kleinen Städtchen wie Rauschenberg kaum zu umgehen war - so durfte man auf, von der vermeintlichen Hexe gestellte Fragen nicht mit „ja“ oder „nein“ antworten. Auch durch klopfen auf die Schulter oder andere Zutraulichkeiten konnte eine Macht über den Mitmenschen gewinnen. Die Zauberkünste der Hexen waren mannigfaltig. Gerne verwandelten sie sich in Hasen oder Katzen, um überall herumzuhorchen und zu spionieren. Mit größter Vorliebe verhexten sie Ziegen, Kühe (die Milch färbte sich rot; sie fraßen nicht mehr usw.) oder andere Tiere. Aber auch an ihnen verhaßten Personen übten sie ihre Ränkespiele aus; besonders gern „verschickten“ sie die kleinen Kopfschmarotzer.

Der Glaube an Hexen und böse Geister hat gar manchen eigenartigen Glauben und Brauch verursacht. Oftmals finden wir heute noch Relikte aus dem damaligen Hexen- und Geisterglauben; z.B.: schwarze Katze über den Weg, Käutzchenschrei in der Nacht, weiße Blätter beim „Dickwurz“, die Spinne am Morgen usw.

Gegen Hexen und böse Geister gab es eine ganze Wissenschaft probater Mittel zur täglichen Benutzung. Einige sollen hier aufgezählt werden. Vielleicht ist dem älteren Leser der eine oder andere Brauch noch im Gedächtnis.

Hatten Leute Ferkel gekauft, so legten sie vor die Tür des Stalles, in den diese gebracht werden sollten, eine Axt oder eine Schere mit drei Kreuzen, über die die Schweinchen hinweg laufen mussten. Manche ließen die Tiere auch über die Schürze laufen. Das kleinste Ferkel kam immer zuerst in den Stall, damit es von den anderen nicht unterdrückt wurde, sondern sich vielmehr die Herrschaft im Stalle aneignete.

Auf dem frisch gemengten Brotteig wurden stets drei Kreuze angebracht. Besonders kleine Hühnereier, „Unglückseier“ genannt, bedeuten Unglück. Sie wurden über das Dach geworfen.

War jemand durch eine Hexe mit Läusen oder anderem Ungeziefer behaftet worden, so musste man ihr einige derselben durch ihr Schlüsselloch zublasen, worauf die Plage wieder verschwand. Hatte eine Kuh gekalbt, dann wurde in den ersten drei Tagen nichts verborgt. Außerdem machte man der Kuh in die nächsten drei Eimer voll zu Saufen mit Baldrian, Dost (wilder Majoran) und Dill, denn „Baldrian, Doast enn Dell kann die Häx´ net wie se well.“ Kam die Hexe in einen Stall und bemerkte die Kräuter so sprach sie: „Baldrian enn Doast, doas hunn ich net gewoßt.“