Valentin Traudt 1864-1950

 

 Museumsschriften Titelbild

 

Rauschenberger Museumsschriften

Beiträge und Mitteilungen des Rauschenberger Museums zur Geschichte, Landschaft und Volkskunde

1/2003

Willi Wolf

Valentin Traudt

 

Valentin Traudt 1864-1950

Lehrer in Rauschenberg 1885-1902

Überarbeitete und verschriftliche Form eines am 29. Juni 2003 im Rahmen der Rauschenberger Museums-Lesungen gehaltenen Vortrags.

Herausgeber: Verkehrs- und Verschönerungsverein Rauschenberg E.V.

 

 

 

 

                     Ich kämpfe fort!

                  Vom ersten Tage in der Wiege

                  Sang mir die Sorge höhnisch vor!

                  Und glaubte später ich, sie schwiege,

                  Traf quälend ihr Gesang mein Ohr.

                  Ob drohend, schmeichelnd klingt ihr Wort;

                  Ich kämpfe fort!

 

                  Und hüllt sie meines Hoffens Sterne

mit ihrem grauen Schleier ein,

Peitscht mich durch Ach in öde ferne,

Daß ich verspottet steh allein;

Erhoff‘ ich doch noch einen Port –

Und kämpfe fort!

 

Zerschlägt sie meines Lebens Steuer,

Bäumt Well‘ und Welle meinem Schiff,

Stürzt seinen Mast durch Blitzes feuer,

Wirft endlich mich ans felsenriff;

Verlaß ich ungebeugt den Bord –

Und kämpfe fort!

 

Und tragt ihr endlich mich zu Grabe,

bin in der Erde Blumenschoß,

Wähnt, daß ich ausgelitten habe,

der eiteln Sorge frei und los;

Ich schlafe mich nicht an diesem Ort:

Ich kämpfe fort!

                    Valentin Traudt

 

 

Vorwort

Bei dem vorliegenden Text handelt es sich um die verschriftliche und leicht überarbeitete Form eines Vortrags, den ich unter dem Titel „Valentin Traudt- ein Lehrer in Rauschenberg“ im Juni 2003 im Rahmen der vom Kultur- und Verschönerungsverein Rauschenberg e.V. veranstalteten Museumslesungen gehalten habe.

Worauf stützt man sich, wenn man einen Menschen näherbringen will, der nach 17-jähriger Lehrertätigkeit in Rauschenberg vor gut über 100 Jahren 1902 Rauschenberg verlassen hat? Da gibt es ein großes Handicap: Das Haus des Ehepaares Traudt wurde im Oktober 1943 in Kassel ausgebombt: Alle Unterlagen – unveröffentlichte Manuskripte, Briefwechsel, Fotos usw. – wurden vernichtet. So war ich in weiten Teilen auf Berichte und Würdigungen, beispielsweise zu „runden Geburtstagen“ von damaligen Zeitzeugen, meinen Gewährsleute, angewiesen. Das Problem, dass diese nicht immer einheitlich die Fakten berichten, will ich nicht unerwähnt lassen. Hilfreich waren auch eine längere Lebensbeschreibung des Sohnes Theodor und eine 1985 vom damaligen des Burgwaldboten, Hans Huber, geschriebene Biografie. Und natürlich waren, soweit vorhanden, Vereinschroniken und die Chroniken der Stadt Rauschenberg wichtig für die Beschreibung der Umstände und Zustände im damaligen Rauschenberg.

Aber auch an solche Quellen muss man erst einmal herankommen. Hier gilt mein Dank vor allem Dieter Woischke, der sich seit Jahrzehnten darum bemüht, die Erinnerung an Valentin Traudt wach zu halten, und der dazu eine „Erinnerungs-Tafel“ gestaltet hat, die in unserem Rauschenberger Stadtmuseum hängt.

 

Folgende Quellen habe ich vor allem benutzt:

Gersch, H.:

Valentin Traudt, Leben und Werk. In:   Hessische Heimat 1952 (Heft4), S. 89-92

Gersch, H.:

Valentin Traudt. In „Hessischer   Lehrerzeitung“ (1950) (Heft 9), S.105

Traudt, Th.:

Biografie

Visitationsberichte (Kopien)

Kopien aus dem Protokollbuch des MGV   1842 e.V., Festschrift zum 150-jährigen Bestehen (1992)

Festschriften zu den Stadtjubiläen:

700 Jahre Stadt Rauschenberg (1966),   725 Jahre Stadt Rauschenberg (1991)

 

 

 

Diverse Zeitungsartikel zu „runden Geburtstagen von Valentin Traudt, Nachrufe anlässlich seines Todes und spätere Würdigungen. Weitere Quellen werden im Text genannt.

Aber natürlich benötigte ich auch „technische Hilfe“. So bin ich Ulrich Kison für die Reproduktion der in diesem Text enthaltenen Fotografien dankbar.

Und schließlich habe ich mich bei meiner Frau zu bedanken. Sie hat mich nicht nur immer wieder ermuntert, sie hat auch die in der alten Sütterlinschrift geschriebenen Dokumente in- eine wichtige zeitsparende Hilfe – unsere jetzige Schrift übertragen und geschrieben.

Rauschenberg, im Dezember 2003                                                                                                                                         Willi Wolf

 

 

Was erwartet Leserinnen und Leser auf den folgenden Seiten? Ich habe Valentin Traudts Leben in fünf Phasen gegliedert:

  • Kindheit, Jugend 1864 bis 1878

  • Lehrerausbildung 1879 bis 1885

  • Jahre in Rauschenberg 1885 bis 1902 (Schwerpunkt)

  • Kasseler Zeit 1902 bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1929

  • Jahre von 1929 in Kassel und ab 1943 in Flechtdorf

 

 

Dabei interessierten mich vor allem die folgenden Aspekte:

  • seine persönliche Entwicklung und seine Familie

  • Valentin Traudt als Lehrer und Pädagoge

  • Valentin Traudt als Schriftsteller

  • Valentin Traudt als Politiker

  • Sowie seine besonderen Aktivitäten und Interessen

 

 

Kindheit und Jugend (1864 bis 1878)

Am 23. Juli 1864 - also noch in kurhessischer Zeit – wird Valentin Traudt in Fulda geboren. Einer konfessionell gemischten Ehe entstammend, wird er nach einem damals in Mischehen üblichen Brauch nach seinem Vater evangelisch getauft; seine früher geborene Schwester jedoch nach der Mutter katholisch. Seine Geburt fällt noch in die Zeit der vielen Kriege im späteren Deutschland; so zogen 1866 im preußisch- österreichischen Krieg Truppen durch Fulda. Traudts Vorfahren sollen Zimmerleute und Bauern gewesen sein. Sein Vater war nach langer Militärzeit in der Bahnverwaltung tätig und starb früh. 1870 stirbt auch die Mutter, und die Kinder werden getrennt. Valentin Traudts Schwester kommt in eine Klostererziehung, wo sie früh stirbt, er selbst kommt als Sechsjähriger zu Verwandten nach Hanau, wo der aufgeweckte Knabe in de frauenlosen Haushalt des Onkels heranwächst.

Mit vierzehn Jahren soll Valentin Traudt nach dem Besuch der Bürgerschule in Hanau das Zimmerhandwerk erlernen. Er bricht die Ausbildung ab und beginnt, ebenfalls ohne Erfolg, eine kaufmännische Lehre. Und dann will oder soll er Volksschullehrer werde, was offensichtlich seinen Anlagen und Talenten weit eher entspricht.

Wie wurde man in jener Zeit Volksschullehrer? Diese Frage führt zur zweiten Lebenslauf-Epoche.

 

 

Lehrerausbildung (1879 bis 1885)

Damals wurde man nicht wie heute mit Abitur und Studium Volksschullehrer – das galt in jener Zeit nur für die Gymnasiallehrerschaft. Nach dem Abschluss der Volksschule besuchten die angehenden Volksschullehrer zunächst zur Vorbereitung auf das Lehrerseminar für mehrere Jahre eine sogenannte „Präparande“ und dann, nach einer Aufnahmeprüfung, für drei Jahre ein Lehrerseminar.

Was musste damals ein angehender Volksschullehrer in den drei Jahren Lehrerseminar lernen? Zu Traudts Zeiten galt in den preußischen Lehrerbildungsseminaren der in Bild 1 wiedergegebene Stundenplan. Der Lehrerplan ist dem einer lateinlosen Oberschule jener Jahre angenähert. Es überrascht vor allem der hohe Anteil der Musikausbildung. Neben Klavier-, Orgel- und Violinspiel standen noch Gesang und Harmonielehre auf dem Stundenplan. Bei der Orgel beispielsweise mussten Choraltranspositionen und Modulieren geübt und sollten kleinere Choraleinleitungen und einfache Zwischenspiele erfunden werden.

 

Stundenplan Valentin Traudt

"Bild 1: Stundenplan der angehenden Volksschullehrer in Preußen zur Seminarzeit von Valentin Traudt"

 

 

Da wurde von Seminaristen sehr viel verlangt, was aber unmittelbar verständlich wird, wenn man das Ziel dieser Ausbildung betrachtet:

„Der Unterricht hat die Ausbildung der Seminaristen zu guten Gesangslehrern, zu Kantoren und Organisten zum Ziel.“

Das sollte sich im späteren Leben Valentin Traudts bewahrheiten

Traudt Lehrerausbildung fiel in eine günstige Zeit. Die nach 1848 – diese Jahreszahl ist mit der Paulskirchenversammlung in Frankfurt und dem vergeblichen Bestreben der Bürger für mehr Rechte verbunden -  erlassenen rigiden und rückschrittlichen Bestimmungen zur Volksschule und zur Lehrerausbildung waren 1872, also wenige Jahre bevor Traudt in Präparande eintrat, aufgehoben worden. Ein kurzer Rückblick darauf, was dem angehenden Volksschullehrer Traudt erspart blieb.

1849 beschimpft der damalige preußische König Friedrich-Wilhelm IV. in einer Konferenz die anwesenden Seminarlehrer mit den Worten:

„All das Elend, das im verflossenen Jahr über Preußen hereingebrochen, ist Ihre, einzig Ihre Schuld, die Schuld der Afterbildung, der irreligiösen Massenweisheit, die Sie als echte Weisheit verbreiten, mit der Sie den Glauben und die Treue und den Glauben aus dem Gemüt meiner Untertanen ausgerottet und deren Herzen von mir angewendet haben. Diese pfauenhaft aufgestutzte Scheinbildung habe ich schon als Kronprinz aus innerster Seele gehaßt und als Regent alles aufgeboten, um sie zu unterdrücken. Ich werde auf dem betretenen Wege fortgehen, ohne mich irremachen zu lassen, und keine Macht der Erde soll mich davon abwendig machen.“

(Zitiert nach Paulsen, F.: Das deutsche Bildungswesen in seiner geschichtlichen Entwicklung. Leipzig 1912³ (1.Auflage 1906), S. 155.)

Und wie es der König wollte, so kam es auch. Die Lehrpläne wurden umgestaltet. Um vor allem Thron und Altar zu respektieren, reichten für die preußischen Untertanen Beten, Lesen und ein wenig Rechnenkönnen völlig aus. Und die Konsequenzen für die Lehrerausbildung? Die Lehrer mussten ebenfalls dumm bleiben.

Ein Anfang des vorigen Jahrhunderts erschienenes Standardwerk kommentiert jene rückschrittlichen Jahre so:

„Wollte man das Volk in der dem Bürokratismus und dem Kirchentum nützlichen, ja für seine Herrschaft notwendigen Unwissenheit erhalten, so musste man in erster Linie die Bildung der Volksschullehrer auf ein solches Maß beschränken, dass dieselben beim besten Willen nicht im Stande sind, diese Bildung über die von einer allwaltenden und allweisen Regierung gezogenen Linien hinauszuführen .

(Zitiert nach Scherer, H. Die Volksschule. In: Rein, W. (Hg.): Enzyklopädisches Handbuch der Pädagogik. Langensalza 1909", S. 434)

Oben wurde erwähnt, dass ein Volksschullehrer zu Traudts Zeiten etwa so viel Wissen wie ein Gymnasiast einer Oberschule ohne Sprachen hatte, nach 1848 jedoch sollte er nicht mehr wissen als Jahre vorher ein guter Volksschüler wusste. Ich bin sicher, dass Valentin Traudt, hätte er unter diesen Bedingungen Lehrer werden müssen, darauf verzichtet hätte. Und wenn er doch Lehrer geworden wäre, dann wäre er vermutlich nicht zu einem freiheitlichen und für Demokratie kämpfen – den Menschen geworden.

Nach diesem Exkurs wieder zurück zu Valentin Traudt. Er besucht je drei Jahre die Präparanden-Anstalt in Hanau und anschließend das Lehrerseminar in Schlüchtern. Den Quellen ist zu entnehmen, dass den Seminaristen neben dem Turnen die Literatur stark fesselte. Besonders die Klassiker hätten es ihm angetan, wenn sie auch wegen ihres „Räuber“ – und „Götz-Geistes“ auf den Seminaren noch sehr beargwöhnt worden seien-, die Obrigkeit liebte den aufrührerischen Geist dieser Stücke nicht. Von Schiller sei der junge Traudt so begeistert gewesen, dass er in den Ferien zu Fuß zu Schillers Geburtsort Marbach in Württemberg – also immerhin ein paar hundert Kilometer – gewandert sei.

1885 verlässt er mit 21 Jahren nach bestandenem Examen das Seminar, um seine erste Lehrerstelle in Rauschenberg anzutreten.

 

 

Die Jahre in Rauschenberg (1885 bis 1902)

Zu Beginn soll, gleichsam zur Einstimmung, der Mensch Valentin Traudt mit Hilfe der Lebensbeschreibung seines Sohnes Theodor etwas näher geschildert werden.

Theodor Traudt beschreibt seinen Vater als von mittlerem Wuchs mit breitem Rücken. Sein gewaltiger Charakterkopf (Hutgröße 60) sei mit einer Löwenmähne geziert gewesen. Die hellblauen Augen hätten schon in jungen Jahren Gläser gebraucht, wobei er meist den altmodischen Kneifer bevorzugt hätte. Valentin Traudt habe eine schier unverwüstliche Gesundheit gehabt und sei gewandt und ausdauernd gewesen. Auch noch in späteren Jahren sei er über lange und schwierige Strecken gewandert.  Als Zeichner habe er, der eine frohe und geistreiche Runde liebte, manchen ausstechen können.

Sein Gefühl sei wohl schon zur Verschlossenheit veranlagt gewesen und sei darin durch die elternlose Jugend bestärkt worden. Er habe schon schroff und kalt wirken können. Er habe aber immer Mitgefühl mit allen Schwachen und Benachteiligten gezeigt. „Wer ihn um Hilfe bat, dem wurde nach Kräften geholfen.“ Er konnte „ehrlich wie er war, seine Meinung auch unverblümt und mit herzerfrischender Grobheit sagen.“ Bemerkenswert seien auch sein starker Wille und sein ausgeprägtes Pflichtgefühl gewesen.

Unter seinen Geistesgaben waren für seinen Geistesgaben waren für seinen Sohn Theodor „ein scharfer, selbstständiger, reger Verstand und ein erstaunliches Gedächtnis“ das Bemerkenswerteste. Valentin Traudt sei ein Anhänger Kants gewesen und habe die Kritik der reinen und die der praktischen Vernunft immer wieder durchgeackert und durchdacht. In allen Reden an Erwachsene habe die Vernunft die Hauptrolle gespielt.

„Die Vernunft rief er an und wollte er bilden. Die Menschen sollten selbstständig und richtig denken. Er wollte sie erziehen. Propaganda und Demagogie hat er verschmäht. Er wollte überzeugen, nicht überreden. Es betrübte ihn, dass die Bemühungen um die Vernunft der Menschen soweit mit dem Erfolg hinter seinen Wünschen zurück blieben. Hier war ein eigenartiger, letztlich nur scheinbarer Widerspruch zu beobachten. Während er in seiner Bemühung nie nachließ und nie aufhörte, an den Menschen zu glauben, sah er doch die Wirklichkeit und äußerte immer wieder, 80% der Menschen wären, Rindsviecher und Pfuscher“.

Valentin Traudt, so schreibt sein Sohn weiter, dem Selbstständigkeit und Freiheit wichtig waren, habe sich in Kassel früh der Freimaurerei zugewandt. Schon in Rauschenberg habe er Anteil genommen am Kampf der werktätigen Massen um bessere Lebensbedingungen und Achtung. Schon damals habe er unter Decknamen politische Zeitungsaufsätze geliefert, denn offen hätte das ein Lehrer im Kaiserreich nicht tun dürfen.

Soweit vorab eine Charakteristik des Menschen Valentin Traudt. In der heutigen Sprache war ein ausgesprochener Querdenker und sicher kein „pflegeleichter“ Mensch, sondern einer, der eigenständig und selbstbewusst handelte.

Valentin Traudt zu Beginn seiner Lehrzeit    Rauschenberger Rathaus

 

 

 

 

                                                                                                                                 

 

 

Doch nun endgültig zu Rauschenberg. Am 1. März 1885 tritt der 21-jährige Traudt „zuerst als Gehülfe des erkrankten Lehrers Vels und später definitiv angestellt“ seine erste Lehrerstelle an der Evangelischen Volksschule in Rauschenberg an. Die obige Fotografie zeigt Valentin Traudt zu Beginn seiner Rauschenberger Zeit.

Rauschenberg 1885 – wie hat man es damals hier gelebt? Rauschenberg war, wie es in den  Chroniken so treffend heißt, ein am „Berghang gelegenes fleißiges Ackerbürger-Städtchen“: Das heißt „auf gut Deutsch“: kein fließendes Wasser im Haus, das gab es erst seit  1900, keine Kanalisationen, kein elektrisches Licht, sondern Petroleumlampen, elektrisches Licht gab es erst seit 1921, keine Verkehrsmöglichkeiten außer der Postkutsche, die Wohratalbahn wurde erst 1914 gebaut. Aber auch keine Schreibmaschine, kein Telefon usw.

Die beiden folgenden Bilder stammen nicht aus Valentin Traudts Zeiten: sie sind wohl jünger. Aber auch später präsentierte sich Rauschenberg nicht als die schmucke Kleinstadt, die wir heute alle kennen und schätzen.                  

Zu Traudts Zeiten ist das Leben in Rauschenberg eng und durch Konventionen geprägt. Ein Zeitzeuge berichtet, Valentin Traudt habe mit Befremden die Sitte beobachtet, dass beim Kirchengang die Bäuerin einige Schritte hinter dem Bauern zurückzubleiben  hatten. Und einer anderen Quelle ist zu entnehmen, dass damals ledige Frauen, die schwanger wurden, dieses freiwillig dem Pfarrer anzuzeigen hatten oder vorgeladen wurden.

 

 

Ansicht aus der BorngasseMina und Valentin Traudt

 

 Bertha Urspruch

 

 

Doch zurück zu Valentin Traudt und seiner Familie.

 

 

Die Familie Traudt in Rauschenberg

1890, Valentin Traudt ist 25 Jahre alt, heiraten er und Bertha Urspruch aus Korbach, die auf der Fiddemühle arbeitet.

Das Bild zeigt Bertha Urspruch im Jahr 1889. Ein gutes Jahr nach der Hochzeit wird der Sohn Ludwig geboren. Bertha Traudt stirbt acht Monate nach der Geburt am Kindesbettfieber. Nach ihrem Willen soll ihr Mann ihre jüngere Schwester Mina heiraten. Diesem Wunsch entsprechen Valentin Traudt und Mina Urspruch 1893 nach einem Trauerjahr. Das Bild zeigt Mina und Valentin Traudt im Jahr 1895.

Die Wohnverhältnisse der Familie Traudt sind nicht sehr üppig. Die Lehrerwohnung im Obergeschoss des Schulgebäudes besteht aus zwei Stuben und zwei Kammern und wird 1893 vom königlichen Oberschulinspektor wegen der Enge der Räume als „etwas beschränkt“ bewertet; aber die Aborte seien neu gebaut.

Zu den finanziellen Verhältnissen findet sich in den Quellen, dass Traudt mit 50 Mark im Monat seine erste und mit 70 Mark seine zweite Ehe begonnen haben soll. 1893 verdient er bei freier Wohnung 1176 Mark im Jahr, wobei der Küchendienst mit 60 Mark und 45 Pfennig eingerechnet ist.

 

 

Der Lehrer Valentin Traudt

Und nun zu dem Lehrer Valentin Traudt in Rauschenberg. Er unterrichtete in unserer sogenannten „Alten Schule“, die in den Jahren 1827/28 auf dem früheren städtischen Zimmerplatz als Fachwerkbau im klassizistischen Stil gebaut wurde. Auf einem Bild in der Alten Schule befunden sich noch folgende Hinweise:

„Der Platz, der nordwestlich des Albshäuser Tores lag, war vor dem 30-jährigen Krieg der Pestfriedhof der Stadt. Zuletzt wurde er während dieses Krieges – im Jahre 1636 – genutzt, als man nämlich die im Kampf um die Tore der Stadt gefallene schwedische Soldaten, aus Zorn über den Überfall, dort ‚verscharrte‘. Später befand sich an dieser Stelle die städtische Ziegelhütte.

Die neue Schule bot drei Klassen Platz, ab 1897 kam noch die Israelische Schule, unter ihrem Lehrer Schirling, hinzu.

Vor dem Bau des Gebäudes standen in der Stadt Rauschenberg zwei Schulhäuser. Das lutherische befand sich unterhalb der Stadtkirche. Es wurde zum Armenhaus eingerichtet und ist heue der alte Teil des Kindergartens. Das reformierte Schulhaus, hinter dem Rathaus gelegen, wurde an einer Privatperson für 761 Taler verkauft.“

Die Schule wurde im Jahr 1893 von 192 Kindern besucht, 107 Knaben und 85 Mädchen. Sie war dreistufig: Die erste Klasse besuchten 57 Kinder, die zweite 77 und die dritte 58.

Traudt unterrichtet in 20 Unterrichtsstunden pro Woche 57 Kinder, und zwar 35 Knaben und 22 Mädchen.

Nach einem meiner Gewährsleute handelte es sich bei Bild 8 um ein Schulbild von Valentin Traudt mit seinen Schülerinnen und Schüler.

So wenige Kinder? Die vollständige Photographie (s. Bild 9), die sich im Rauschenberger Museum befindet, zeigt ein anderes Bild. Da werden 1895 über 120 Kinder von zwei Lehrern unterrichtet. Von wegen „kleine Klassen“!         

 

 

 

Alte Schule

Valentin Traudt mit Schulklasse

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Gesamtbild Schulklasse

 

 

 

Im Zusammenhang mit dem Lehrer Valentin Traudt gilt es noch einen anderen Aspekt anzusprechen. Zwar sind inzwischen formal Kirche und Staat getrennt. Die Realität sieht jedoch anders aus. Die oben erwähnte „Allianz von Thron und Altar“ gilt im Schulbereich ungebrochen. Die Schulaufsicht ist fest in „geistlicher“ Hand: Die Königlichen Kreisschulinspektoren wie auch die Lokalschulinspektoren sind Pfarrer.

So wird auch Traudt in regelmäßigen Abständen vom königlichen Oberschulinspektor, einem Pfarrer, visitiert und beurteilt. Grundlage ist, wie sollte es im preußischen Beamtenstaat auch anders gewesen sein, ein mehrseitiger Formularbogen mit vielen Fragen, in dem die Antworten handschriftlich im Detail festgehalten wurden.

Ein solcher Visitationsbericht vom Königlichen Oberschulinspektor Pfarrer Seßler aus Schönstadt befindet sich unter den Quellen. Nach  mehreren Seiten von Detailangaben kommt der Pfarrer zu dem in Bild 10 als Faksimile wiedergegebene Fazit:

Schlusskommentar des Visitationsberichtes

"Bild 10: Schlusskommentar des Visitationsberichtes von 1893"

 

Der in der Sütterlin geschriebene Text lautet:

„Ich habe am Urtheil des letzten Berichtes nichts zu ändern. Ich beklage immer, daß er bei seiner Begabung sich zersplittert, statt auf ein festes Ziel loszuarbeiten. Aber er lässt sich nun einmal nicht rathen, da er an steigender Selbstüberschätzung leidet. In neuerer Zeit versorgt er das Feuilleton des Marb. Tagesblattes mit kleinen Erzählungen. Ich halte das Blatt nicht u. habe daher kein Urtheil über Werth u. Unwerth dieser Erstlingsversuche. Ein Gedicht in demselben Blatte von Lehrer Traudt hat bei anderen Lehrern Anstoß erregt. Ich habe es nicht gelesen.“

 

Angesichts des von Valentin Traudt bis zu diesem Zeitpunkt schon vorgelegten schriftstellerischen Werkes kann der Ton des Pfarrers wohl nur herablassend und borniert genannt werden.

 

Der Lokalschulinspektor Pfarrer Klein aus Rauschenberg beurteilt Traudt auch nicht viel besser, aber hebt immerhin lobend hervor:

„Nach wie vor ist sein Verhalten zum Lokalschulinspektor ein geziemendes und sein Wandel ein tadelloser.“

 

Der Königliche Oberschulinspektor Pfarrer Seßler gibt Traudt die Gesamtnote:

„Ich konnte über das Ergebniß der Visitation mich nicht anders, als ganz befriedigt aussprechen.“

 

Das war keine gute Note. Valentin Traudt hatte in seiner Rauschenberger Zeit viele Konflikte mit der Obrigkeit; er war kein bequemer Untertan.

 

 

Ein Zeitzeuge berichtet über jene Jahre:

„Er ist oft in Marburg gewesen während der 17 Jahre, die er in Rauschenberg tätig war. Als die königliche Regierung den Lehrern den Besuch freisinniger Wahlversammlung verbot, da konnte man… diese Verfügung schon an demselben Tag in der Marburger Zeitung wörtlich lesen, an dem sie den Lehrern zu unterschriftlichen Kenntnisnahme vorgelegt worden war. Wer hatte sie abstenographiert und im Raketentempo ausgeliefert? Kein anderer, gewiß, als der Meisterradfahrer Traudt, der sich auf den Sportfesten schon manchen grünen Kranz errungen hatte. Aber die empörten Herren konnten nichts nachweisen. Auf Anordnung der Regierung wurde er scharf beaufsichtigt. Und nun erschienen zum Geburtstag Diesterwegs (Diesterwegs war im 19. Jahrhundert ein bekannter und fortschrittlicher Pädagoge, WW) Traudts 5 Sonetten mit der Auslassung;

‚Wenn nicht mehr von erhabenen Emporen das Volk mit falscher Weisheit wird betrogen…‘

Darauf Antrag der im Schulregiment sitzender Gegner auf Dienstleistung. Dazu kams aber nicht, weil die Anklage nicht nachweisen konnte, daß mit ‚Emporen‘ Katheder und Kanzeln gemeint waren. Aber neue verstärkte Aufsicht war die Folge, und der verdächtige Untertan erhielt für 300 Weg- und Vertretungsstunden in Burgholz nur ganze 10 Mark Vergütung. Der Getretene beugte sich nicht, er veröffentlichte die Maßnahme. Neuer Spektakel und Vorladungen.“

Im Verlaufe der Jahre werden die Beurteilungen freundlicher. Als sich Traudt 1902 nach Kassel bewirbt, schreibt der Lokalschulinspektor Pfarrer Klein aus Rauschenberg:

„Wenn er auch als ein Hauptvertreter der freieren Richtung in den diesseitigen Lehrerkreisen gilt, so muß ihm doch bezeugt werden, dass er jederzeit mit Eifer und Treue und darum auch mit gutem Erfolg den Pflichten seines Amtes nachzukommen bestrebt ist. Er ist in ganz besonderem Grade beanlagt, mit den Kleinen, welche ihm auch von Herzen zugethan sind, zu verkehren.“

Die entscheidenden Worte sind jedoch, dass Traudt als ein „Hauptvertreter der freieren Richtung in den diesseitigen Lehrerkreisen gilt.“  Das war damals kein Gütesiegel, sondern deutliche Kritik. Aber genau so jemand wurde in Kassel offensichtlich gesucht. Die königliche Regierung teilt Valentin Traudt mit, dass er entsprechend seinem Antrag nach Rothenditmold im Kreis Kassel versetzt wird und dass er zusätzlich vier Stunden wöchentlich in den im Schulbezirk liegenden Fortbildungsschulen zu unterrichten habe.

Und damit verlassen wir den Rauschenberger „Lehrer“ Traudt und wenden uns dem Schriftsteller zu.

 

 

Der Schriftsteller Valentin Traudt

In den Rauschenberger Jahren hat Valentin Traudt ein vielfältiges literarisches Werk geschaffen. Auf zwei seiner Veröffentlichungen möchte ich etwas näher eingehen: auf den 1902 mit Buchschmuck von Otto Ubbelohde im Elwert- Verlag in Marburg erschienenen Roman „Leute vom Burgwald“ und dann auf den Gedichtband „Im Abendhauch“ von 1892.

Zunächst zu den Leuten vom Burgwald.

Ich habe diesen Roman gewählt, weil er zu den bekanntesten Traudt-Romanen gehört -  auch hier in Rauschenberg – und weil er von Kritikern und Rezensenten durchgehend positiv gewürdigt wurde. Traudt soll den 239- seitigen Roman in vier Wochen geschrieben haben; mit der Hand ohne Schreibmaschine. – Er hat übrigens alle seine Werke mit der Hand geschrieben. Bei seiner dank der Lehrerausbildung sehr gut lesbaren Schrift war dann der spätere Druck leicht.

Von dem Ubbelohde’schen Buchschmuck sind zwei Beispiele wiedergegeben.

Worum geht es bei den „Leuten vom Burgwald“? In Kurzform den Gang der Handlung: Es handelt sich um eine „Liebesgeschichte“ mit glücklichem Ausgang. Sie spielt in dem Dorf Schornheim, mit dem wohl zutreffend der heutige Rauschenberger Ortsteil Schwabendorf gemeint war. Im Oberdorf wohnen die reichen Bauern, darunter der Bürgermeister Schütz mit seinem Sohn Christoph und seiner Tochter Kathrine. Im Unterdorf wohnen die eher armen Waldbauern und Wanderarbeiter. Dort wohnt auch der Schäfermartin mit seiner Tochter Anngert. Er ist ein erbitterter Gegner des Bürgermeisters Schütz. Zwischen Ober- und Unterdorf herrscht großer Streit wegen der Wasserleitung, die nur bis zum Oberdorf gebaut wurde.

Illustration von Ubbelohde

Der Bürgermeister will seine Kinder Christoph und Kathrine  mit den Kindern Lisbeth und Hannes des Bauern Weierbächer aus dem Nachbarort Lehndorf verheiraten.  Bei dieser Doppelhochzeit aus „Tausch“ bliebe die Arbeitskraft erhalten und das Geld zusammen. Dazu aber kommt es nicht, da sich Anngert und Christoph lieben und wider den erbitterten Widerstand von Christophs Eltern und Anngerts Vater zum Schluss doch ein Paar werden. Anngert wird auf dem Bürgermeisterhof dank der Sachverhalte freundlich aufgenommen, dass sie nicht die leibliche Tochter des Schäfermartins ist und außerdem eine reiche Mutter in Amerika hat. Der Schäfermartin, der den Bürgermeister tätlich angegriffen und außerdem gewildert hat, wird verhaftet.

Das ist im Groben der Gang der Handlung, bei dem viele Facetten und Nebenstränge ausgeblendet sind. In diesem Roman ist es Valentin Traudt gelungen, die sozialen Zustände der damaligen Zeit präzise zu beschreiben sowie große und kleine Naturphänomen in sprachlich überragender Form einzufangen.

Der auch heute noch lebenswerte Roman ist ein Erfolg. Die Schwabendorfer sollen jedoch damals ein wenig davon angetan gewesen sein.

„Sä honns Messer in der Kippe“, so wird berichtet, um sich an dem sie vermeintlich verunglimpfenden Autor zu rächen. Doch das ist lange vorbei. Später feiern die Schwabendorfer ihre Fastnacht als „Fastnacht in Schornheim“, und heute noch veranstaltet der Schwabendorfer TSV seinen „Schornheimer Frühschoppen“.

Der Huber-Verlag in Schönstadt hat 1984/85 die „Leute vom Burgwald“ als Fortsetzungsroman im „Burgwaldboten“ wieder abgedruckt und, besonders verdienstvoll, 1985 noch einmal einen Nachdruck in Buchform veröffentlicht. Und der Schwabendorfer Konrad Rauch hat einen Teil des Romans zu einem „Heimatspiel in Mundart in acht Akten“ umgearbeitet.

Valentin Traudt hat sich nicht nur als Romanschreiber, sondern auch als Lyriker einen Namen gemacht.

Titelseite des Gedichtbandes

Schon 1892 veröffentlicht er als 28-Jähriger den Gedichtband „Im Abendhauch“, aus dem zwei Gedichte, ein „naturlyrisches“ und ein „belehrendes“ wiedergegeben werden sollen.

 

 

Morgenruf

Schon ist unterm Dach

Das Spatzenvolk wach,

Und der Sonnenschein

Schaut zum Fensterlein

Keck schon herein.

Schon füllet die Luft

Des Lindenbaums Duft,

Und er wiegt sich in lind

In dem Morgenwind,

Froh wie ein Kind.

Noch schlummert das Haus;

Nur ich eil‘ hinaus - -

Wie es luftig schallt,

In dem Thale hallt

Rings aus dem Wald!

Wenn Sorgen Du hast? –

Jetzt schwindet die Last

Und dein Liedel steigt,

Wenn die Trübsal weicht,

Leidfrei und leicht! - -

Drum: Ist unterm Dach

Das Spatzenvolk wach,

Ruft der Sonnenschein,

Lädt der Wald Dich ein,

Frisch, spring hinein!

 

 

Mit großem Hammer . . .

Mit großem Hammer schlägt der Schmied

So lang das Eisen glüht und sprüht,

Daß knisternd Funken stieben

Von seinen schweren Hieben.

Ist auch das Eisen hart und fest

Der Schmied nicht von den Schlagen läßt;

Es muß sich doch bequemen

Und willig Form annehmen.

So mach es auch in deinem Thun!

Laß nie vor Nacht die Arbeit ruhn;

Durch stetes Hammerschwingen

Muß sie auch Dir gelingen.

 

In den Rauschenberger Jahren schreibt Traudt noch viele andere Romane, wie beispielsweise die drei weniger bekannten „Am Schießrotried“, „Der letzte Grenadier“ und „Aus der Tiefe“. 1893 erscheint der Roman „Seelenliebe“. Mit „Stern und Sonnenschein“ wird 1894 ein weiterer Gedichtband veröffentlicht. Traudt schreibt aber auch Stücke, so „Bonifatius. Volksbühnenspiel in 5 Aufzügen“, sowie Geschichten „In Sturm und Sonnenschein“ und Novellen „Unter der Schullinde“.

Eine seiner Veröffentlichungen ist besonders erwähnenswert. 1894 gibt Valentin Traudt das „Hessische Dichterbuch“ heraus, das ein Jahr später in zweiter Auflage erscheint und 1901 unter seinem Namen in dritter Auflage weitergeführt wird. In diesem Band sind alle in jener Zeit bekannten hessischen Lyriker mit ihren Gedichten vertreten. Das war damals eine herausragende Sache, die überall gewürdigt wurde. Man muss sich vorstellen: Da gelingt es einem einfachen noch nicht einmal 30-jährigen Volksschullehrer aus dem kleinen, abseits gelegenen Städtchen Rauschenberg erstmalig, die Werke der hessischen Lyriker in einem Band zusammen vorzustellen -  und das unter Arbeits- und Kommunikationsbedingungen der damalige Zeit: ohne Schreibmaschine, Telefon, geschweige denn Handys oder gar Internet -. Eine außerordentliche Leistung.

 

 

Weitere Rauschenberger Aktivitäten

Aber Valentin Traudt ist in Rauschenberg nicht nur Lehrer und Literat. In jenen Jahren ist ein Volksschullehrer in vielfältiger Weise in das örtliche Leben eingebunden. Zwei Sachverhalte – Musik und Sport – sind hervorzuheben.

1895 – Traudt ist 30  Jahre alt – wird er per „Aclamation“ zum „Director und Dirigenten“ des Männergesangsverein (MGV) gewählt, ein Amt, das er sieben Jahre bis zu seinem Weggang nach Kassel ausübt. (Hier hat sich die oben erwähnte intensive Musik-Ausbildung im Lehrerseminar vermutlich positiv ausgewirkt.)

Im Jahr 1897 ereignet sich folgende Episode. Der Schriftführer des Vereins, Philipp Heinrich Hartmann, erhält von Valentin einen noch existierenden kleinen handgeschriebenen Zettel mit dem lakonischen kurzen Inhalt:

„Werter Herr Hartmann

Ich teile Ihnen hierdurch mit, dass ich dem Verein alle mir überlieferten Eigentumsstücke zur Verfügung stelle und meine Ämter niederlege.

Mit freundlichem Gruße

Achtungsvoll

Valentin Traudt“

Was war geschehen? Mitglieder des Vereins Hatten sich bei einer Vereinssitzung ruhig verhalten, aber anschließend im Wirtshaus und auf den Straßen ihrem Unmut Luft gemacht. Im Protokollbuch des MGV ist zu lesen:

„sondern im Complott später in das Vereinslockal kamen, sich zusammen setzten Schnaps tranken, und sich ein Faß Bier wollten auflegen, es aber der Wirth Seibert ablehnte!“

Nun, die Wogen glätteten sich wieder, und Valentin Traudt bleibt im Amt, aus dem er 1902 feierlich verabschiedet wird. Dazu findet sich im Protokoll buch des MGV folgende Schilderung:

Rauschenberg den 20. Juli 1902

Nachdem Herr Dirigent in der letzten Gesangsstunde eine kleine Abschiedsrede an die so wenig betheiligten Sänger angehalten hatte war der 13. Juli herbei gekommen welcher zu der Feier des Sommerfestes auch zugleich zur Abschiedsfeier auf den nahe gelegenen Schlossberg bestimmt war wozu die Einwohnerschaft insbesondere die Jungfrauen unsserer Stadt eingeladen waren. ½ 3 versammelt sich der Verein in Vereinslokal um sich vor denselben in einen geordneten Zug aufzustellen und so gings mit Musick und aufgehülter Fahne durch die Stadt zum Schlossberg. Der größte Theil der Stadtbewohner auch viele von Auswärts hatten sich als Festtheilnehner eingefunden. Es wurden zuerst einige schöne Lieder vorgetragen und in der Zwischenzeit von der Musick gespielt. Hierauf folgte Tanzvergnügen. Enter wurde erhoben von jeden der nicht Mitglied des Vereins ist. Die Tanzkarte beträgt eine Mark. Gegen Abend kehrte der Verein mit Musick und Fahne in die Stadt zurück und zwar vor das Schulhaus wo viele der Einwohnerschaft versammelt waren nachdem der Zug halt gemacht hatte hiel Vereinsmitglied L.W. Prenzel eine Rede. –Er machte bekannt wo Herr Dirigent hingeht, wie lange er hier war daß  er viel für die Zeitung schreiber Thätig gewesen wäre auch stellte er die Unentbehrlichkeit des Dirigenten dar welches jedoch von Lehrer Traudt bestritten wurde. Jetz hiel Herr Lehrer Schierling eine Rede über das scheiten des Dirigent er lobte seine Wirksamkeit als Lehrer seine Beliebtheit gegen jedermann und Leitung des Vereins wie schwer es sei die Ziegel des Vereins zu führen und was er in Verein geleistet hat u.s.w. Jetzt sprach Herr Lehrer Traudt er dankte den beiden Rednern erwidert die Unentbärlichkeit seiner Person daß jede Kraft zu ersetzten sei er dankte den Verein für die Ehre die Ihm erwiesen worden und wünschte dem Verein ein weiteres gedeihen. In seiner Wohnung wurde Ihm von Kassirer A. Jokel 20 Mark für ertheilung des Gesangsunterricht auf Antrag älterer Vereinsmitglieder in beisein des Vorstands überreicht, wofür er den Verein dankte. Nachdem die Vorstandsmitglieder sich verabschiedet hatte setzte sich der Zug wieder mit Musick in bewegung um die Fahne in die Wohnung des Vereinsmitglied Helfrich Wittekidt zu liefern. Um 9. Uhr erfolgte Fortsetzung des Tanzvergnügen welches bis gegen 2 Uhr Nachts in schönster Ordnung verlief

Der Protokollführer

Jacob Hellwig.

Zu den musikalischen Aktivitäten gehört aber auch, dass mit der Traudt’schen Lehrerstelle das Organistenamt der Reformierten Gemeinde in Rauschenberg verbunden ist. Wie war das doch noch in der Lehrerausbildung? „Der Unterricht hat die Ausbildung der Seminaristen zu guten Gesangslehrern, zu Kantoren und Organisten zum Ziel.“ – Die Ausbildung hat offensichtlich ihr Ziel nicht verfehlt.

Und nun zum Sport: Valentin Traudt ist ein begeisterter Radfahrer und gehört dem Rauschenberger Radverein an. (Die Vereins-Chronik, die einmal im Museum vorhanden war, ist leider verschwunden.) Sein Sohn Theodor schreibt dazu:

„Von Rauschenberg aus wurden viele Radwanderungen unternommen. Seine junge Frau begleitete ihn, obwohl eine Frau auf dem Fahrrad damals ungeheures Aufsehen erregte. Er nahm auch an zahlreichen Radrennen teil und brachte manchen Preis mit nachhaus.“ 

In einer anderen Quelle findet sich die Aussage, dass er über 20 Pokale gewonnen habe.

Man muss wissen, dass das Radfahren in jenen Jahren „der“ Volkssport war. In fast jedem Ort gab es einen Radverein. Schon 1884 wurde der deutsche Radfahrer-Bund gegründet. Um 1900 hatte der Radsport, was die Mitgliederzahlen angeht, mit über 115 000 Mitgliedern eine dominierende Stellung im Deutschen Reich. Schon 1893 gab es die erste Distanzfahrt Wien – Berlin, die später mehrfach wiederholt wurde.

Auf den praktischen Gebrauchswert des Fahrrads für das schnelle Überbringen gefährlicher Post wurde ja schon hingewiesen.

Valentin Traudt war aber nicht nur dem Radsport verbunden. Er soll, so wird mehrfach berichtet, Gründungsmitglied des Rauschenberger TSV gewesen sein.

 

 

Die Kasseler Zeit (1902 bis 1943)

Zum familiären Umfeld finden sich die Quellen leider nur wenige Hinweise.– 1908 wird der Sohn Theodor geboren. Neben allen seinen sonstigen Aktivitäten beteiligt sich Traudt auch am städtischen Leben. So ist er Mitglied und emsiger Besucher des Raber’schen Stammtisches, einer zwangslosen Herrengesellschaft. 1913 schreibt Traudt anlässlich des 1000-jährigen Bestehens von Kassel den Text zu der Festhymne „Chasalla Weihelied“, der von dem damals bekannten Komponisten Johann Lewalter vertont wird. In Kassel steht Valentin Traudt auch im Briefwechsel mit bedeutenden Männern wie Albert Schweitzer, Avenarius, Naumann, Kerschensteiner und anderen.

Bild 15 zeigt Traudt 1920. Sein 60. Geburtstag wird 1924 in der Presse groß gewürdigt. Nach 1933 wird es still um Valentin Traudt.

Im Oktober 1943, in der Kasseler Bombennacht, verliert der inzwischen 97-jährige neben seiner Habe auch alles, was von ihm später hätte Zeugnis ablegen können: seine veröffentlichten Schriften, unveröffentlichte Manuskripte, seinen Briefwechsel, seine Fotos und seine Bibliothek. – Ein unersetzlicher Verlust! Mit seiner Frau Mina zieht danach er nach Flechtdorf bei Korbach.

Valentin Traudt um 1920

Doch nun zu dem Pädagogen Valentin Traudt und zurück in das Jahr 1902. Die auf eigenen Wunsch erfolgte Versetzung führte Valentin Traudt an die Evangelische Schule in Rothenditmold bei Kassel. Die von Rektor Wilhelm Henck geleitete Schule ist eine Reformschule; sie soll damals die modernste Schule im Landkreis Kassel gewesen sein.

Titelseite der reformpädagogischen Schrift

Valentin Traudt ist ein Lehrer, der um die ursprüngliche Lebendigkeit, die nach außen drängende Phantasie und die schöpferischen Möglichkeiten im Kinde weiß. Er will weg von der Lernschule, in der Gängelung und Eintrichterung den Alltag bestimmen, und hin zur Arbeitsschule, die dem Kind die Entfaltung seiner Fähigkeiten in einer Atmosphäre guten menschlichen Miteinanders ermöglicht.

Gedanken wie:

„Erfahrungen müssen   es sein, eigene Erfahrungen nachdrücklicher Art.“

Oder:

„Der Schüler soll   nicht Gedanken, sondern denken lernen. Man soll ihn nicht tragen, sondern   leiten, damit er in Zukunft selbst gehen kann.“


waren damals die Devise, die man heute wieder zu entdecken beginnt.

Die Titel der von Traudt und Henck im Anfang des vorigen Jahrhunderts geschriebenen pädagogischen Schriften kennzeichnen dieses Programm: „Schafft frohe Jugend“, „Schaffen und Wirken“ oder „Fröhliches Lernen“ lauten die Titel.

Die Wirkungen   dieser Reformen beschreibt ein Zeitzeuge anlässlich des 60. Geburtstags von   Traudt mit folgenden Worten:

„Die von Henck und   Traudt und wenigen Mitarbeitern… in dem Dorf Rothenditmold bei Cassel   eingerichtete Reformschule, fand in der pädagogischen Welt weiteste   Beachtung, mehr in der inoffiziellen als in der offiziellen, behördlichen. Ja   der Stadtschulrat von Cassel soll nach der Eingemeindung Rothenditmolds 1906   sogar die Weiterführung der Reformversuche abgelehnt haben. Um so mehr   Anerkennung zollte man den Rothendidmolder Schulreformern im außerpreußischen   Deutschland. Selbst das Ausland (Oesterreich, Schweiz, Rußland, Finnland,   Dänemark, Holland) sandte Vertreter zum Studium der Arbeitsschulversuche.“

Und ein Gast   schreibt:

„Da wird endlich   das geträumte Ideal der Tätigkeit der Kinder verwirklicht“!

Wenn man dieses liest, kann man sich nur wundern. Denn im Jahr 2000 wird mit der PISA- Studie die erste große internationale Schulleistungsvergleichsstudie durchgeführt. Finnland nimmt im Lesen den Spitzenplatz ein, Deutschland rangiert nur im unteren Mittelfeld. Und in der Nach-Pisa-Ära reisen die deutschen Kulturpolitiker in Scharen nach Finnland, um von den „Siegern zu lernen“. 100 Jahre zuvor jedoch informierten sich finnische Lehrer in Deutschland über die Fortschritte. Im Übrigen scheint sich an der Bewertung und Behandlung von Reformschulen in den letzten 100 Jahren wenig geändert zu haben, wie der gegenwärtige Umgang mit Reformschulen zeigt.

In Kassel unterrichtet Valentin Traudt nicht nur in der Schule, sondern ist auch an der Ausbildung angehendender Kindergärtnerinnen auf der Grundlage des Fröbel’schen Ausbildungskonzeptes beteiligt.

So viel Lob für den Lehrer Valentin Traudt? Bei aller Würdigung seiner pädagogischen Verdienste soll nicht vergessen werden, dass er auch ein ganz normaler Mensch und Lehrer war. Seine Schüler sollen ihm den Spitznamen „Katzenkopp“ gegeben haben. Auch soll er, wie ehemalige Schüler später berichteten, freigiebig „Kopfnüsse“ verteilt haben.

Noch einige Worte zu Valentin Traudt weiterem Lehrerdasein. 1923 wird Traudt für kurze Zeit zum kommissarischen Kreisschulrat im Kreis Homberg-Fritzlar ernannt. 1924 kehrt er als Konrektor wieder an seine alte Schule zurück und geht im September 1929 in Pension.

Und wie sah es mit dem politischen Wirken von Valentin Traudt aus? – Nach dem ersten Weltkrieg wird er ein furchtloser Verfechter von Freiheit, Recht und Menschlichkeit und tritt besonders für alle jene Menschen ein, die im sozialen Gefüge ein Schattendasein führen. Diese politische Haltung brachte ihn zur Politik und zur Sozialdemokratie. Dazu einige Fakten:

1918, nach dem Ende des Ersten Weltkriegs wird Valentin Traudt als 54- Jähriger Mitglied der SPD. Von 1920 bis 1932 ist er in Kassel kommunalpolitisch tätig; erst als Stadtverordneter, später als Stadtrat. 1920 kandidiert er ohne Erfolg für den Deutschen Reichstag. Bei den Wahlen zum Preußischen Landtag in Berlin ist er jedoch erfolgreich. (Heute wäre das ein Landtagsabgeordneter in Wiesbaden, aber Preußen war damals deutlich größer als heute Hessen) Er gehörte dem Landtag für zwei Wahlperioden von 1924 bis 1932 an. 1932 zieht er sich aus allen politischen Ämtern zurück.

Sein Sohn Theodor schreibt dazu:

„Die Winkelzüge der Parteipolitik, der Kuhhandeln, die Parteibuchwirtschaft, Phrasen, Propaganda, Demagogie, Fraktionszwang waren ihm verhaßt; auch an seiner eigenen Partei fand er Grund zur Kritik. Er hat all das oft genug im Freundes- und Familienkreis bekannt. Da er diese Dinge nicht ändern konnte, trat er schließlich zurück.“

In jenen Jahren hatte die Kasseler SPD eine eigene Zeitung, das „Casseler Volksblatt“. Hier arbeitet Valentin Traudt mit und ist als Redakteur für die Beilagen „Drinnen und Draußen“ und „Die Frau“ verantwortlich. Vom Casseler Volksblatt erschien auch jährlich ein Kalender „Zwischen Weser und Main“, der von Traudt herausgegeben wurde.

Titelseite des Heimatkalenders

Diese Kalender in Buchform mit Artikeln, Erzählungen, Hinweisen zur gesunden Lebensführung, Rätseln, usw. waren früher weit verbreitet, sie spielten eine wichtige Rolle und wurden gern gelesen. Im Geleitwort des Kalenders von 1925 steht:

„Unser Kalender soll dem Aufklärungs-, Kunst- und Unterhaltungsbedürfnis des arbeitenden Volkes dienen.“

Und weiter:

„Ringet Euch empor! … Allerdings hält man [dieses] Gebot in vielen Kreisen für gefährlich und während es den anderen Klassen als heiligste Pflicht gilt, sich so schnell wie möglich ein ‚gutes‘ Leben zu sichern, dem Kleinbauern, dem Handwerker und Arbeiter wird es als sündhafte Unzufriedenheit vorgeworfen. Er soll da stehen bleiben, wo er steht.“

Überträgt man diese Sätze in unsere gegenwärtige Sprache, dann hat sich seit 1925 wohl nicht viel geändert. In diesem jährlich erscheinenden Kalender schreibt Valentin Traudt zahlreiche Kurzgeschichten und, dem Motto des Kalenders entsprechend, belehrende Beiträge.

Traudt war ein engagierter Pazifist. Unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg engagiert er sich in der – wie es damals hieß – „Antikriegsbewegung“. Und er ist schon früh ein entschiedener Gegner der Nazis. 1931 ist von ihm im Kalender „Zwischen Weser und Main“ ein Beitrag unter dem Titel „Herrenmenschen – Hundeseelen“ erschienen. Aus diesem Beitrage einige Zitate:

„Die Nationalsozialisten haben viele Gedanken den sozialdemokratischen Programmen entlehnt, sie aber farblos und kraftlos und zu bloßen Papierforderungen gemacht. Ihre unberufene Hand benutzt demokratische und sozialistische Freiheiten, um damit die heutigen Staatseinrichtungen zu bekämpfen und danach die Diktatur durchzusetzen. Der Gedankenlose begreift das nicht.“

Und:

„Es fällt denen, die die Welt für sich begehren, schwer einzusehen, dass alle Menschen gleichberechtigt auf die Welt kommen, ferner, dass nie eine Macht, die nur durch äußere Gewalt bestand, Dauer hatte. Wer ein Volk durch Gewalt zu Nachfolge zwingt, verachtet im Nebenmenschen den Menschen“

Oder:

„Die Nationalsozialisten wollen das alte, schicksalstiefe Unrecht, das daraus besteht, die Mehrheit der Menschen zu Sklaven und nur wenige zu Herren zu stempeln, wieder aufleben lassen.“

Und schließlich:

„Hitler traut dem deutschen Geist nicht recht und ruft darum die Fäuste an. …Er rechnet mit den niedrigsten Instinkten und zeigt sich so, wie alle sogenannten Gebildeten, Tierärzte, Menschendoktoren, Pfarrer, Studienräte usw., die ihm die Stiefel ablecken, in ganzer Erbärmlichkeit.“

Der stärkste Feind jeglicher Diktatur ist für Valentin Traudt die Vernunft, womit er nicht Gelehrsamkeit, wohl aber scharfsinniges Selbstdenken fordert. Wer, wie die Nazis, einer Ideologie anhängt, kann sich mit anderen nicht vernünftig, nicht sachlich und nicht mit stichhaltigen Argumenten auseinandersetzen.

Zu der Zeit nach der Machtübernahme durch die Nazis schreibt sein Sohn Theodor:

„Beim Beginn des Nationalsozialismus war Valentin Traudt schon einige Zeit aus den politischen Tätigkeiten zurückgetreten und vom Schuldienst pensioniert. So ist ihm denn auch – der Wahrheit die Ehre – kein Haare gekrümmt worden. Er wurde nicht verhört, nicht mißhandelt, kein Vermögen wurde eingezogen, die Pension lief ungekürzt weiter. Die im Volksblattverlag li8egenden Werte an Romanen und sonstigen Schriften gingen freilich verloren und stellten einen Verlust von etwa 30 000 M dar. Irgendwelche Wirksamkeit nach außen war für ihn nun ausgeschlossen. Vielleicht hätte er der Reichsschrifttumskammer beitreten und seine Romane weiterhin veröffentlichen können. Aber dem von ihm verurteilten Nationalsozialismus auch nur den kleinen Finger zu geben, verbot ihm seine Überzeugung.“

Auch in Kassel ist Traudt als Schriftsteller sehr produktiv. Neben einer vielbeachteten Gedichtsammlung und zahlreichem Beiträgen, Geschichten und Erzählungen schreibt er acht Romane wie beispielsweise „Die Steinfeldbauern“ von 1914 und „Die Winkelbürger“ von 1917. In den „Winkelbürgern“ schildert er die Auswirkungen des Ersten Weltkrieges. Eine Neuauflage des Romans wird im selben Jahr von der Zensur mit der Begründung verboten, er würde die Moral in der Heimat untergraben.

Eine Information nebenbei: Nach einer soliden Quelle soll Valentin Traudt in seinem Leben insgesamt 19 Romane geschrieben haben, von denen 14 veröffentlicht worden seien.

Im Zusammenhang mit den Jahren in Kassel ist noch ein weiterer Aspekt zu erwähnen.

Valentin Traudt war ein begeisterter Wanderer und Naturfreund. Noch als 60-Jähriger spornt er die Jugend immer wieder zum Wandern an. Und anlässlich seines Todes kann man in einer Würdigung lesen: „Der naturfrohe Hesse kannte nichts Köstlicheres, als die heimischen Berge und Wälder zu durchwandern.“

So findet Valentin Traudt auch schon frühzeitig zu dem Verein „Die Naturfreunde“. Dieser 1895 in Wien gegründete Verein war ein Teil der Arbeiterbewegung jener Jahre. 1905 wurden in Deutschland die ersten Ortsgruppen gegründet, und 1933 wurde der Verein von den Nazis verboten. Valentin Traudt ist ein engagiertes Mitglied. Ein Freund schreibt 1923 über ihn: „In schönster Naturlage des Kaufunger Waldes hat er beim Bau des Kasseler Hauses mitgeholfen. Steine zu brechen und an die Baustelle zu karren, und so manches Mal hat er hier die Sonnenwendrede gehalten.“ Im Naturfreundehaus am Steinberg gibt es ein „Valentin-Traudt-Zimmer“, in dem sich von Paul Schminke gemaltes Portrait befindet.

Aber Valentin Traudt wandert nicht nur in Hessen, sondern unternimmt auch Reisen nach Österreich (Tirol und Kärnten) und in die Schweiz. In Deutschland besuchte er die deutschen Mittelgebirge (Böhmerwald, Thüringer Wald, Rhön) ebenso wie Nord- und Ostsee (Borkum, Juist, Sylt, Helgoland, Fehmarn).

 

 

Die letzten Jahre von 1943 bis 1950 in Flechtdorf

Seine letzten Jahre verbringt Valentin Traudt mit seiner Frau in Flechtdorf. 1944 schreibt der bereits 80-Jährige in einer sehr schönen und leserlichen Schrift einen Brief an seinen Sohn Ludwig, der seine Not widerspiegelt. Er aber deckt dieses Elend eher spöttisch zu:

„Wir leben hier in einem Dorf, dessen Hauptstraße ein ewiger Morast ist, kaum zum Durchkommen, belebt von ungeheuer zahlreichem Gänsevolk, von dem wir aber auch nichts erwerben können. Können es auch nicht gebrauchen, weil uns der Bratetopf fehlt. Hier ist kein Bäcker, kein Metzger, nur noch zweimal Post in der Woche, ein Kramlädchen – nein, zwei – ein Wirtshaus ohne Bier. Da die Rheinlandpfalz geräumt werden soll, kommen nach Waldeck etwa 3.000 Flüchtlinge und nach Flechtdorf eine große Zahl. – Den Bauern werden die Ställe geleert und die Stuben gefüllt. Auch die Bulldoggs, die hier so nötig gebraucht werden, da kaum noch Pferde zur Bestellung da sind, mußten in voriger Woche abgegeben werden. – Wir haben hier schon wochenlang, mit einem Wort, Sauwetter, Regen und Schnee, und man kann kaum vor die Tür. Was nützt da die schöne Gegend, wenn die Schuhe undicht sind?“

Valentin Traudt bleibt nach Kriegsende in Flechtdorf. Nach 1945 ist er wieder aktiv und hält Vorträge. Bild 19 zeigt ihn 1947 beim Kasseler Stadtjugendring.

Er veröffentlicht in der Tagespresse wieder Gedichte und schreibt seine beiden letzten Romane. 1946 erscheinen „Jahre der Schmach“, in der er mit der Nazizeit abrechnet, und 1948 „Starke Herzen“.  Seine Geburtstage werden in der lokalen Presse wieder gewürdigt, aber insgesamt ist es doch still um ihn geworden.

Valentin Traudt vor dem Kasseler Stadtjugendring

 

 

Die letzten zur Verfügung stehenden Bilder sind die folgenden:

 

 

Mina und Valentin Traudt 1947

 

Valentin Traudt 1949 im Jahr vor seinem Tod

Am 15.3.1950 stirbt Valentin Traudt im 86. Lebensjahr. Seine Urne wird in Rauschenberg im Grab seiner ersten Frau Bertha beigesetzt. Zwei Jahre später stirbt auch seine zweite Frau Mina und wird an gleicher Stelle beerdigt.

Grabstätte in Rauschenberg

 

 

Nachwirkungen – Valentin Traudt heute?

Die Nachwirkungen von Valentin Traudt sind wohl eher als bescheiden einzuschätzen, was sicher auch mit daran liegt, dass seine Schriften nicht systematisch gesammelt und sein Nachlass durch Bomben vernichtet wurden. In unserer Rauschenberger Stadtbücherei befinden sich nur drei Schriften von ihm, davon nur eine in fotokopierter Form.

Die Kasseler Naturfreunde versuchen aber, die Erinnerung an Valentin Traudt wachzuhalten, wie die Nachrufe zu „runden“ Todestagen in ihrer Vereinszeitung zeigen. Auch dass in Rauschenberg noch Erinnerungen an Valentin Traudt wach sind, ist vor allem den Kasseler Naturfreunden zu verdanken, die in regelmäßigen Abständen das Grab auf unseren Friedhof besuchen. Nebenbei bemerkt: Dass die Grabstätte noch existiert, ist auch nicht ganz zufällig, da es in den 80er-Jahren des vorigen Jahrhunderts Überlegungen gab, das Grab einzuebnen.

Zwei Schulen in Nordhessen tragen seinen Namen: Die schulformbezogene kooperative Gesamtschule für die Jahrgänge 5 bis 10 in Großalmerode heißt ebenso Valentin-Traudt-Schule wie ein Grund-, Haupt- und Realschule im Kasseler Stadtteil Rothenditmold. Beide Schulen sind sehr aktive und bekannte Schulen. Der Umgang mit ihrem Namensgeber könnte aber nicht unterschiedlicher.

Die eine Schule kann mit dem Namen wenig anfangen, sie weiß allerdings auch nur wenig von Valentin Traudts Leben und Wirken. Das Namensschild dieser Schule muss man lange suchen, bis man es in einem verborgenen Winkel findet.

Die andere Schule jedoch heißt fern Valentin-Traud- Schule und ist stolz auf ihren Namensgeber und pflegt sein Andenken. Wenn man die Schule durch die große Eingangstür betritt, dann wird man von einem lebensgroßen Gemälde von Valentin Traudt in Wanderkleidung begrüßt. 2002 wurden anlässlich des 100sten Geburtstag der Schule Sketche aufgeführt, in denen es darum ging, was Valentin Traudt wohl heute sagen würde.

Doch nun endgültig zu Rauschenberg. Am 1. März 1885 tritt der 21-jährige Traudt „zuerst als Gehülfe des erkrankten Lehrers Vels und später definitiv angestellt“ seine erste Lehrerstelle an der Evangelischen Volksschule in Rauschenberg an. Die obige Fotografie zeigt Valentin Traudt zu Beginn seiner Rauschenberger Zeit.

Rauschenberg 1885 – wie hat man es damals hier gelebt? Rauschenberg war, wie es in den  Chroniken so treffend heißt, ein am „Berghang gelegenes fleißiges Ackerbürger-Städtchen“: Das heißt „auf gut Deutsch“: kein fließendes Wasser im Haus, das gab es erst seit  1900, keine Kanalisationen, kein elektrisches Licht, sondern Petroleumlampen, elektrisches Licht gab es erst seit 1921, keine Verkehrsmöglichkeiten außer der Postkutsche, die Wohratalbahn wurde erst 1914 gebaut. Aber auch keine Schreibmaschine, kein Telefon usw.

Die beiden folgenden Bilder stammen nicht aus Valentin Traudts Zeiten: sie sind wohl jünger. Aber auch später präsentierte sich Rauschenberg nicht als die schmucke Kleinstadt, die wir heute alle kennen und schätzen.                  

Zu Traudts Zeiten ist das Leben in Rauschenberg eng und durch Konventionen geprägt. Ein Zeitzeuge berichtet, Valentin Traudt habe mit Befremden die Sitte beobachtet, dass beim Kirchengang die Bäuerin einige Schritte hinter dem Bauern zurückzubleiben  hatten. Und einer anderen Quelle ist zu entnehmen, dass damals ledige Frauen, die schwanger wurden, dieses freiwillig dem Pfarrer anzuzeigen hatten oder vorgeladen wurden.