Die Geschichte der „Russlanddeutschen“

 

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Rauschenberger Museumsschriften

Beiträge und Mitteilungen des Rauschenberger Museums

zur Geschichte, Landschaft und Volkskunde

1/2007

Ursula Riedig

Die Geschichte der „Russlanddeutschen“

Herausgeber: Verkehrs- und Verschönerungsverein Rauschenberg e.V.

35282 Rauschenberg

 

 

Vorwort

Manchmal geht das Lebe komische Wege, um zu einem bestimmten Ziel zu gelangen. So war es auch mit diese vorliegenden Vortrag im Rahmen der „Rauschenberger Museumslesungen“. Er sollte nur eine kurze Hintergrundinformation zu dem Thema: „Das Schicksal der Russlanddeutschen“ sein, der historische Teil zu Zeitzeugenberichten.

Aber dann hatte mich das Thema gepackt. Ich habe mich durch Geschichtsbücher, Lebensbeschreibungen, Dokumentationen etc. gelesen, und schon war ein längeres Konzept daraus geworden. Zusammen mit Anne Janich und Ulrich Kison beschloss ich, eine einzelne Museumslesung daraus zu machen. Das positive Echo der Zuhörer und in der örtliche Presse hat das Interesse an diese Thema bestätigt. Mein Dank gilt allen, die mich unterstützt haben, insbesondere meiner Tochter, die im Internet recherchierte, Helmut Badouin, Helmut Klingelhöfer, Ludwig Pigulla, Michael Vaupel (er lieh mir die Landkarten), meiner Enkelin Lisa, die mein handschriftliches (schlecht lesbares) Konzept in den Computer schrieb, und meinem Sohn, der das Geschriebene druckte.

Nicht zuletzt danke ich Helga Wolf, die die Idee hatte, den Vorgang zu einer Museumsschrift werden zu lassen.

Rauschenberg, im Mai 200

Ursula Riedig

 

„Das Schicksal der Russlanddeutschen“

- Historischer Hintergrund -

Unter Zar Peter I. (1682-1725) begann eine erste Einwanderungswelle deutsch- niederländisch Intellektueller nach Rußland. Sie lebten in Moskau und sollten der einheimischen Bevölkerung einen Kulturschub bringen, nach westlichem Vorbild. Ihr Einsatz blieb aber weitgehend auf die Hauptstädte (Moskau – später St. Petersburg) beschränkt, wo sie jeweils in einer Art Ghetto (Vorstadt) lebten mit eigener Sprache, Religion und Selbstverwaltung, aber dem russische Gesetz unterworfen. Die größte Einwanderungswelle begann unter Katharina II. der Großen. (Als Prinzessin Sophie Auguste von Sachsen Anhalt am 02.05.1729 in Stettin geboren und 1796 in Zarskoje Selo verstorben). Während ihrer Regierungszeit (1762-1796) (sie hatte ihren Mann, Peter III., erdrosseln und sich durch die Garde zur Zarin ausrufen lassen) führte sie mehrere Eroberungskriege und war an der Dreiteilung Polens beteiligt. Nach den Türkenkriegen reichte das Russische Reich im Süden bis zum Schwarzen Meer. Die Gebiete waren weitgehend Steppe und bedurften der Kolonisation. Da Rußland selbst keine freien Bauer mehr besaß, Katharina aber sehr westlich orientiert war und den Gedanken der Aufklärung nahe stand (Förderung der wirtschaftliche Erschließung neuer Gebiete und deren Steigerung z.B. u durch mehr Arbeitskräfte, mehr Wirtschaftskraft zu erreichen), musste sie Siedler in ihr Land holen. Sie kannte ihre deutschen Landsleute und vertraute auf deren Tugenden. So erschien 1763 (22.07) ein „Einladungsmanifest“, das an viele europäische Fürstenhöfe gesandt wurde. Dieses versprach den Kolonisten eine Reihe von verlockenden Privilegien:

  1. Religionsfreiheit

  2. Militär- und Zivildienst-Befreiung

  3. Steuerfreiheit bis zu 30 Jahren

  4. Selbstverwaltung

  5. Staatliche Hilfe bei der Umsiedlung

 

Besondere Beachtung fand dieses manifest in hessischen, nordbayrischen, nordbadischen und pfälzischen Regionen, die unter dem Siebenjährigen Krieg(1756-1763) besonders gelitten hatten.

Zwischen 1764 und 1767 wanderten ca. 23. – 29.000 Personen nach Russland aus (einige Franzosen, Holländer und Schweden waren auch darunter). Die meisten von ihnen wurden für die Kolonisten der Wolgasteppe um das Städtchen „Saratow“ bestimmt. Sie gründeten dort insgesamt 104 Kolonien, von denen einige durch Nomadenüberfälle vernichtet wurden. Jede Familie bekam rund 300 Hektar Land zur Bewirtschaftung. Das Land wurde der jeweiligen Kolonie als erblicher Besitz überlassen, aber nicht als Privateigentum. Ab 1779 unterstanden alle Kolonien dem „Fürsorgekomitee“ für Ausländer und waren dessen Kontor in „Saratow“ unterstellt. Die Anfänge der Kolonie waren nicht einfach und die Erwartungen blieben in den ersten Jahren weitegehend unerfüllt. Erst in den Jahren 1800 bis 1803 wurde die „Instruktion für die innere Ordnung und Verwaltung“ der Kolonien gesetzlich verankert. Dadurch waren die „Selbstverwaltung der Kolonien“ durch Personen ihres Vertrauens gesichert und die Voraussetzung für eine gedeihliche, wirtschaftliche Entwicklung geschaffen.

 

Was bedeuteten die Privilegien für die Siedler?

  1. Religionsausübung

  2. Sie durften ihre eigenen Kirchensatzungen und Bräuche behalten (waren nicht mehr abhängig von der Religion des Grundherren bzw. des Fürsten).

  3. Steuer- und Abgabenbefreiung. Egal wie die Ernte ausfällt, der Druck zur Steuerzahlung ist nicht mehr vorhanden, ebenso wenig Frondienste zu leisten. Alle Leistungen kommen der eigenen Siedlung zu- gute.

  4. Die Siedler dürfen Land von Privatpersonen kaufen.

  5. Die von der Krone angewiesenen Landanteile erbt im Allgemeinen der jüngste Sohn.

  6. Die Kolonisten dürfen frei reisen, nachdem sie Steuern auf alles in Russland erworbene Vermögen gezahlt haben.

  7. Kostenfreie Einwanderung sowie die Kosten für das erste halbe Jahr.

  8. Kredite für Baumaterial, Geräte, Saat und Vieh sollten für 10 Jahre gestattet und zinsfrei sei.

  9. Die Kolonisten sollte ihre Kolonien selbst verwalten; Schulen und Kirchen bauen und Deutsch als Umgangs- und Amtssprache beibehalten. (Wahl des Gemeindevorstehers, des Schulzen und der zwei Besitzer; diese Selbstverwaltung blieb so bis Ende des 19. Jahrhunderts)

  10. Der Handel auf Märkten und Jahrmärkten sollte ebenfalls steuerfrei sein.

 

Der Reiseweg der Siedler (s. Literaturverzeichnis unter Hoffmann)

Der Transport fand überwiegend ab Büdingen (Sammeltransport) über Hamburg, Lübeck oder Danzig nach Oranienburg oder Kronstadt (bei St. Petersburg) auf dem Landweg statt. Von hier ging es per Schiff- und auf dem Landweg – bis nach Saratow am Mittellauf der Wolga weiter. Die Strapazen des ca. 3000 km langen Weges in der damaligen Zeit waren fast unmenschlich. Viele kamen nie an.

War auch der Anfang sehr schwierig, so kam der Aufschwung doch schon bis Ende des 18. Jahrhunderts. Die Gründe dafür waren zum einen die Privilegien der Krone, zum anderen aber die fortgeschrittene Produktionsweise, die Disziplin und der Fleiß der Kolonisten sowie das Streben nach effektiver Produktion.

Man kann nun schon von „Wolgadeutschen“ reden. (1798 gab es bereits 39.000 Einwohner)

Die zweite Einwanderungswelle begann um 1785 und betraf die Besiedlung von Neu-Russland (ungefähr der heutigen Ukraine), Oberster Fürsorgebeamter war Fürst Potemkin. Diese geschah mit kleineren Gruppen von „Mennoniten“ aus Westpreußen, die aus dem Danziger Gebiet stammten. Sie waren bekannt als tüchtige Landwirte und sollten Musterbetriebe errichten.

Die Mennoniten hatten andere Bedingungen als die Wolgadeutschen. Sie brachten ihr eigenes Vieh, Geräte, Hausrat und zum Teil nicht unbeträchtliches Vermögen mit, erhielten oft größere Landzuteilungen und diese als Privatbesitz. Wichtigster Grund für ihre Auswanderung war: Religionsfreiheit und Befreiung vom Militärdienst.

 

Alexander I. (1801-1825)

hat die Siedlungspolitik Katharinas konsequent fortgesetzt und teilweise erweitert. Diese Aussiedler kamen vermehrt aus deutschen Kleinstaaten, sie waren nicht nur Bauern, sondern auch Handwerker, Winzer, Tagelöhner und Soldaten. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts hatten sich etwa 10.000 Familien mit 55.000 Personen in Neurussland niedergelassen. Auch in den Schwarzmeerkolonien gab es ähnliche Anfangsschwierigkeiten wie an der Wolga, aber diese Siedler hier verfügten über bessere landwirtschaftliche Kenntnisse und über beträchtlich mehr Kapital und Boden. Die Landzuteilung betrug bis zu 50 Hektar und war „Privatbesitz“. Das „Erbrecht“ schrieb die ungeteilte Vererbung des Hofes an die nächste Generation vor. So blieben Höfe ausreichend groß und leistungsfähig. Andererseits bildeten sich große Gruppen von „Landlosen“, das erste Landproletariat, das als Tagelöhner, Knecht oder Handwerksgehilfe arbeitete. Ab 1830 entstand eine „Waisen- und Sparkasse“; deren Kredite auch landlosen Siedlern zum Landkauf verhalf. Mais, Roggen und Weizen waren die Haupterzeugnisse. Aus Handwerksbetrieben wurden häufig Fabriken zur Herstellung landwirtschaftlicher Maschinen und Geräte, nicht nur für die Kolonien. Die wirtschaftlichen Erfolge waren größer als die der Wolgadeutschen und der Einheimischen, begünstigt durch eine bessere Agrarordnung, aber auch anderer Besteuerungen. Mennoniten mussten bis 1869 nur ein Elftel (1/11) der Steuerlast tragen.

 

Ende der Auswanderungswelle nach Russland           

Um 1820 war die Einwanderungswelle nach Russland so ziemlich beendet. In den großen Siedlungen an der Wolga, in Neurussland, in kleineren Kolonien bei St. Petersburg, im Südkaukasus und in innerasiatischen Regionen gab es etwa 100.000 Kolonisten.

Bis 1862 zählte man mehr als 3.000 Kolonien. Diese einzelnen Kolonien waren konfessionshomogen; rein katholisch, rein lutherisch, mennonitisch oder andersgläubig. Die Kolonisten leben in relativ gutem Einvernehmen mit ihren russischen Nachbarn, Politik spielte eine geringe Rolle. Die Kontakte innerhalb der deutschsprachigen Kolonien waren gut, aber infolge der großen Entfernungen nicht sehr eng.

 

Die Entwicklung bis zur Oktoberrevolution

Der allgemeine wirtschaftliche Aufschwung, besonders in den deutschen Kolonien, setzte sich bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts fort. „Ihre Fremdheit in der russischen Umgebung motivierte die Kolonisten, ihre ethnisch-religiöse Sonderstellung durch weitgehende Anpassung an die Wünsche der Kolonialverwaltung, durch besondere wirtschaftliche Leistungen, Zukauf von Land, Einführung neuer Techniken und Gewerbe langfristig zu sichern und Institutionen zur gegenseitigen Hilfe aufzubauen.“ Bei der Volkszählung 1897 erreichte die deutschsprachige Bevölkerung die Zahl von 1,8 Mio. – davon lebten etwa 20% an der Wolga und am Schwarzen Meer, den größten relativ zusammenhängenden deutschen Siedlungsgebieten. In Sibirien und Mittelasien lebten nur je ein Prozent, der Rest im europäischen Teil des Zarenreiches und in den Städten. 76% aller Russlanddeutschen waren bei dieser Volkszählung Lutheraner, 13,5% römisch-katholisch, je knapp 4% Mennoniten und Baptisten, 1,3% Juden und Nichtchristen. Durch wirtschaftliches Wachstum und steigende Bevölkerungszahlen wurde mehr Land gebraucht. Da dieses in den angestammten Gebieten zu teuer wurde, begann ohne ostwärts gerichtete Binnenwanderung zu Gebieten am Don, im Nordkaukasus, nach Sibirien und Mittelasien – besonders nach Kasachstan.

Auch in den Städten gewannen die Deutschen immer mehr Ansehen, politisches und soziales Gewicht. Aber – wo zu viel Tüchtigkeit herrscht, beginnt der Neid.

 

Die erste Krise

Die 1. Krise beginnt, als die nationalistische russische Presse die deutschen Bauern als angebliche Vorposten des mächtigen Deutschen Reiches (also nach 1871) und potentielle Vaterlandsverräter bezeichnet.

Das führte zur so genannten 1. Krise unter Alexander II. Pan(pro)slawis(tis)che und antideutsche Agitationen begannen. Die rechtliche und politische Stellung wurde immer schlechter. Durch die „Bauernbefreiung“ (1861) wurde der Gegensatz von deutschen und russischen Bauern sehr deutlich, da Letztere nicht die gleichen Privilegien bekamen. Daher wurde auch in den deutschen Bauern der Status des „freien Bauern“ aberkannt durch formalrechtliches Angleichen an die russischen Bauern. Im Laufe der Jahre wurden schrittweise die Privilegien der deutschen Siedler immer mehr abgebaut, die weitgehende politische und rechtliche Autonomie sowie die persönlichen Sonderrechte der Kolonisten aufgehoben. 1871 verschwand auch die östliche Selbstverwaltung; alle wurden der russischen reformierten Verwaltung unterstellt. Deutsch als Amtssprache wurde abgesetzt -  Zwang zum Erlernen der russischen Sprache gefordert. Nur im eigentlichen Deutsch- und Religionsunterricht durfte ab 1880 auch in den Schulen noch Deutsch gesprochen werden.

1874 wurde auch die Befreiung vom Militärdienst aufgehoben. Das heißt: Dienstverpflichtung bis 25 Jahre; wer Soldat wurde, bestimmte das Los; das bedeutete für viele Bauernfamilien das „Aus“.

Als Konsequenz wanderten Großteile der Mennoniten nach Amerika aus (bis 1879 bereits 18.000).

Durch den Bau der transsibirischen Eisenbahn (1891- 1907) begann eine weitere Auswanderungswelle nach Osten, wo man hoffte, von der Zentralregierung nicht so betrachtet zu werden.

Der wichtigste Grund für die erste Krise aber war die Gründung des deutschen Reiches und das außenpolitische Verhältnis der beiden Staaten. Seit etwa 1880 wurden die Russlanddeutschen, d.h. alle Einwanderer deutscher Sprache, ohne Rücksicht auf ihre Herkunft als Deutsche angesprochen, obwohl die Russlanddeutschen zarentreu waren und sich für das Bismarckreich nicht weiter interessierten.

Dennoch blieb die Gesamtsituation bis zum Ausbruch des 1. Weltkrieges befriedigend. Durch die hohe Geburtsrate war die deutschsprachige Bevölkerung 1914 auf 2,4 Mio. angewachsen. Rund 4% siedelten bereits nach Sibirien und Mittelasien um. Nach wie vor findet auf dem Land fast keine Integration mit der russischen Bevölkerung statt. Man bleibt lieber unter sich und hilft sich gegenseitig.

  1. Die entschädigungslose Enteignung aller Grundbesitzer

  2. Allen Völkern Russlands standen die Rechte auf Gleichheit, Souveränität und Selbstbestimmung zu.

Im März 1918 wurde die Partei der Bolschewiki umbenannt in die Kommunistische Partei Russlands, kurz KPdSU. Der Sowjetstaat war geboren. Anfang 1918 aktivierten sich die Russlanddeutschen und forderten die Bildung einer selbstständigen deutschen Wolgarepublik im russischen Förderationsstaat. Lenin schickte den deutschen Kriegsgefangenen Ernst Reuter (Berliner Bürgermeister 1948 zur Zeit der Blockade) an die Wolga als Volkskommissar, um die neue Kommune zu organisieren.

Durch Reuters Aktivitäten wurden 1918 in Moskau das „Dekret zur Gründung der Arbeitskommune“ des Gebietes der Wolgadeutschen erreichte und von Lenin beglaubigt. Wichtigster Hintergedanke: Ernährung der Sowjetrepublik und Hilfe zur „Weltrevolution“, die sich Lenin mit Unterstützung Deutschlands erhoffte. Tatsache ist, dass in den Hungerjahren 1921/22 die „Arbeitskommune“ Lebensmittel auch nach Deutschland lieferte.

Deutsch wurde als Muttersprache in Schulen, bei Gericht und in der lokalen Verwaltung als Verkehrssprache wieder erlaubt.

Der Bürgerkrieg zwischen Roten und Weißen wogte immer noch heftig hin und her und traf in den Jahren 1919/20 besonders die Siedler in Südrussland. Erst 1920, nach dem General Wrangel auf der Krim geschlagen worden war, konnten auch die Deutschen in diesen Gebieten wieder den Aufbau beginnen. Durch die verheerende Hungersnot 1921/22, der viele russische und deutsche Bauern zum Opfer fielen, durch Bürgerkrieg und Auswanderung war die Wolgadeutsche Bevölkerung um 1/4 dezimiert worden. Die „neue Ökumenische Politik von 1921-1928“ erlaubte dann den einzelnen Bauern wieder begrenztes Eigentum, was gerade bei den deutschen Bauern zu einem raschen Wiederanstieg der Produktion führte.

Am 06.01.1924 wurde die „Autonome Sozialistische Sowjetrepublik der Wolgadeutschen“, mit eigener Amtssprache und Verwaltung gegründet. Die Entwicklung war am Anfang sehr positiv. Man gründete deutsche Schulen, Hochschulen, Fachhochschulen, Theater, Verlage, und Zeitungen. Da die Bedingungen so günstig waren, arbeitete man mit der Sowjetregierung zusammen, zur direkten Mitarbeit in der KPdSU waren jedoch nur wenige bereit! Die Posten in der Verwaltung wurden deshalb oft von deutschen Industriearbeitern, ehemaligen Kriegsgefangenen und Emigranten auch anderer Nationalitäten besetzt.

Neben der Wolgarepublik entstanden in anderen Teilen der SU etwa 150 Dörfer mit deutscher Amts- und Schulsprache, größere deutsche Siedlungsgebiete wurden zu Rayons (Bezirken) mit begrenzter Autonomie innerhalb der sowjetischen Republiken zusammengefasst. So entstanden bis 1931 15 deutsche Rayons.

 

Der 2. Weltkrieg und seine Folgen

Am 23. August 1939 unterzeichneten von Rippentrop und Molotow einen Nichtgriffspakt, den so genannten „Hitler – Stalinpakt“! Gemeinsame wirtschaftliche Interessen standen hier vor den bisherigen Gegensätzen von Faschismus und Kommunismus – der Zweck heiligt die Mittel! Dazu gab es ein wichtiges geheimes Zusatzprotkoll: die baltischen Staaten (mit Ausnahme Litauens), Finnland, Bessarabien und das östliche Polen wurden zur russischen das westliche Polen zur deutschen Einflusssphäre erklärt.

Das machte Hitler den Weg frei zum Beginn des Krieges – England und Polen würden nicht angreifen und Russland blieb neutral. Am 1. September 1939 begann der 2. Weltkrieg mit Deutschlands Einmarsch in Polen und mit der fast gleichzeitigen Besetzung des östlichen Polens durch die Russen.

Am 28. September besetzten die Russen Litauen, Lublin und Warschau die Deutschen, womit die neue Grenze festgelegt war.

Die Russlanddeutschen in diesen Gebieten, oft auch „Volksdeutsche“ genannt, wurden im Winter 1939/40 umgesiedelt.

Ungefähr 400.000 wurden überwiegend im Warthegau und in Westpreußen angesiedelt, in Höfen und Wohnungen zuvor vertriebener (deportierter) Juden und Polen.

Am 22. Juni 1941 wurden Stalins Hoffnungen auf Frieden durch den „Fall Barbarossa“ und Hitlers Angriff zunichte gemacht. Dieser traf die UdSSR überraschend und unvorbereitet. Die „Rote Armee“ war durch die stalinistische Säuberung der dreißiger Jahre ohne führende Militärs und hatte zu Kriegsbeginn der deutschen „Blitzkriegstaktik“ nichts entgegenzusetzen.

Der russische Winter stoppte den deutschen Vormarsch (im September) vor Leningrad, Mitte Dezember vor Moskau und am Don im Süden. Der „Blitzkrieg“ wandelte sich zum „Abnutzungskrieg“, und im Winter 1942/43 durch die „Schlacht um Stalingrad“ begann dann die Wende. Und wieder kam für die Russlanddeutschen eine Zeit der Einschränkungen. Schon während des Hitler –Stalinpaktes wurde wieder die Hauptidentifikation der Russlanddeutschen, nämlich die deutsche Sprache, verboten. Ab 1938/39 gab es nur noch in der Autonomen Wolgarepublik muttersprachigen Schulunterricht. Von November 1938/39 gab es nur noch in der Autonomen Wolgarepublik muttersprachigen Schulunterricht. Von November 1938 bis März 1939 wurden die Rayons im „Altaigebiet“ und der Ukraine aufgelöst.

 

Die 3. Krise

beginnt 1924 mit Stalins Machtübernahme und der Kollektivierung der Landwirtschaft.

Im Wolgagebiet waren bis 1926 fast 45% der Betriebe genossenschaftlich organisiert, bis 1929 1,4% der kleinen und mittleren Betriebe. Sie wurden in Kolchosen zusammengefasst.

Im Schwarzmeergebiet und im Kaukasus waren die, an Privatbesitz gewöhnten, Deutschen wieder zu einem gewissen Wohlstand gekommen. Diese Bauern traf die Zwangskollektivierung besonders hart. Widerstand kam von den Großbauern du den russischen Kulaken.

Stalin ließ das „Kulakentum“ als Klasse beseitigen. Ab 1930 wurden etwa 5 Millionen „Kulaken“ und deren Familienangehörige nach Sibirien, in den Ural und nach Kasachstan „deportiert“, ein Großteil kam in Zwangsarbeitslagern um, darunter auch ca. 50.000 Deutsche. 5.583 Deutschen gelang es, nach Deutschland auszureisen.

Im Wolgagebiet begann diese Krisenzeit gegen Ende der 20er Jahre. Nach Hitlers Machtergreifung nahm sie an Schärfe zu. Verhaftungen, Deportierungen, Säuberungswellen und Liquidation fanden meist „massenhaft“ statt. Wieder wurden Deutsch als Amtssprache und eigene Rechte abgeschafft. Bis 1932/33 war die Wolgarepublik bis zu 95% kollektiviert, das übrige Russland nur 60%; daraus entstand eine erneute verheerende Hungersnot, bei der auch etwa 300.000 Deutsche umkamen.

Durch Hitlers Machtergreifung und seiner Erklärung vom jüdischbolschewistischen Kommunismus als Hauptfeind der Menschheit war das relativ gute Verhältnis beider Staaten während der Weimarer Republik schlagartig abgekühlt.

Damit war Deutschland wieder der Hauptfeind Russlands, was sich auf die Russlanddeutschen auswirkte. Die Propaganda tat ihr Übriges. 1934 wurden heimlich Listen verfasst, die später als Grundlage für Säuberungen und Deportierungen galten.

Ab 1936 begannen diese Säuberungswellen und Schauprozesse, sie erreichten 1938 ihren Höhepunkt, als es die Intelligenz des gesamten Landes betraf: Spionage, Propaganda für eine feindliche Macht, illegale Verbindungen zum Ausland, Zellenbildung einer sowjetfeindlichen Partei waren die Anschuldigungen.

Die Funktionäre mussten ihren Plan erfüllen, d.h. jedes Verwaltungsgebiet hatte eine bestimmte Anzahl von sog. „Volksfeinden“ zu stellen. Kamen die Funktionäre dieser Sollerfüllung nicht nach, wurden sie selbst verhaftet. Das Strafmaß reichte von der Todesstrafe bis hin zu langjähriger Zwangsarbeit mit Lagerhaft, was meistens der Todesstrafe gleich kam.

Die Säuberungswelle betraf fast die gesamte deutsche Intelligenz. Die Gesamtzahl der Opfer deutscher und russischer Herkunft ist nie bekannt gegeben worden. Man schätzt, dass es bis zum Ende der 30er Jahre zwischen 5 und 10 Mio. Menschen waren. Die Zwangsarbeiter waren die Basis zum Erreichen der Industrialisierung bei geringfügigem Lohn und unter unmenschlichen Bedingungen.

Inzwischen wurden auch die Religionen verboten, ohne Ausnahme, Kirchen etc. gingen in Staatsbesitz über und wurden völlig zweckentfremdet. Trotz all dieser Widrigkeiten hatten die Wolgadeutschen immer wieder landwirtschaftliche Produktionsrekorde aufgestellt, waren Vorreiter in der Mechanisierung und Industrialisierung. Und all das, obwohl die meisten Männer verbannt oder tot waren. Die Frauen standen ihren Mann. 1940 waren sie in fast einem Drittel (1/3) der Familien das Familienoberhaupt.

 

Die 4. Krise

Beginnt das Ende der Geschichte der russlanddeutschen Minderheit als präsente und erkennbare Volksgruppe einzuleiten. Zum zweiten Mal im 20. Jahrhundert sind sie Mitglieder der Nationalität, die Krieg mit der Sowjetunion führt, und werden so Opfer der Machtkämpfe der kriegsführenden Parteien.

Wieder folgen Deportationen nach Sibirien, in die mittelasiatischen Republiken und nicht zuletzt nach Deutschland.

Ihre großfamiliären Zusammenhänge und Sozialstrukturen werden zerstört, die autonome Wolgarepublik als Ort ihres Deutschtums wird ihnen genommen – was bleibt, ist die Sprache.

Im Verlauf des Krieges gerieten die Deutschen im Süden unter deutsche Verwaltungen, als die Ukraine erobert wurde.

Die restlichen Deutschen wurden deportiert und blieben während des Krieges unter sowjetischer Verwaltung.

Nach dem Krieg trafen sich große Teile beider Gruppen in Sibirien und Mittelasien in der Verbannung wieder.

Die Wege dorthin waren vielseitig. Beim Vormarsch der deutschen Truppen und dem allmählichen Zurückweichen der Roten Armee wurden so viele Russlanddeutsche wie möglich an Hand der Listen von 1934 nach Sibirien, Kasachstan, Kirgisien und Tadschikistan transportiert, ihre Güter, Vieh, Industrieanlagen und Maschinen in den Ural und nach Sibirien verfrachtet. Das traf die Wolgadeutschen ebenso.

De Reisebedingungen waren unmenschlich, in den Zielorten mangelte es an allem: Unterkunftsmöglichkeiten, Nahrung und Winterkleidung. Wieder konnte man nur durch gegenseitige Hilfe überleben.

Neben den Wolgadeutschen wurden ca. 80.000 Deutsche aus anderen Teilen der UdSSR und 25.000 aus Georgien, Aserbaidschan und anderen Kaukasusgebieten nach Mittelasien und Sibirien deportiert. Man machte auch vor anderen Nationalitäten nicht Halt: Kalmücken, Tartaren und Tschetschenen erlitten das gleiche Schicksal, so wie bis 1944 ca. 50.000 Deutsche aus Leningrad und Umgebung.

Alle Deportierten wurden in Sondersiedlungen zusammengepfercht und durften diese nur mit Genehmigung verlassen. Ab Oktober 1941 wurden die russlanddeutschen Männer zwischen 16 und 60 zur „Arbeitsarmee“ (Trudarmija) eingezogen, von ihren Familien getrennt; Das galt auch für die in der Roten Armee Dienenden. Sie wurden ebenfalls der Arbeitsarmee zugeteilt.

Ab 1942 geschah dasselbe mit allen kinderlosen Frauen, dann allen Frauen ohne Säuglinge. Sie kamen ebenso zur „Trudarmija“ und wurden überwiegend zum Bau von neuen Industrieanlagen, Bahnlinien, Straßen, Kanälen und im Bergbau eingesetzt.

Insgesamt waren etwa 100.-120.000 russlanddeutsche Frauen zur „trudarmija“ eingezogen worden. Die unmenschlichen Bedingungen, unter denen sie lebten, arbeiteten und starben, entsprechen in etwa denen im Lager des „Archipel GULAG“ beschriebenen.

Nachdem Rückzug der deutschen Truppen und dem Vorrücken der Roten Armee bis 1944 mussten die Russlanddeutschen, die es bis in den Warthegau geschafft hatten, wieder in Richtung Westen gebracht werden. Jedoch 200.000 von ihnen wurden von der Roten Armee bis zur Elbe überrollt und nach Russland „repatriiert“. Ebenso erging es - mit Hilfe der Alliierten – ca. 100.000 Menschen, die es weiter nach Westen geschafft hatten.

Der Leidensweg setzte sich fort. 15-30% starben bereits auf dem Transport. Die Überlebenden kamen in Sonderlager in Sibirien und Kasachstan. Hier trafen sich „Verwandte“ aus der Ukraine und anderen Gebieten wieder, die schon 1941 deportiert worden waren.

Alle, die im Krieg direkten Kontakt mit dem Feind gehabt hatten, egal ob als Kriegsgefangene, Zwangsarbeiter, Zwangsumgesiedelte, waren von Stalin als „Kollaborateure“ verdächtigt worden.

Die Lage der Russlanddeutschen änderte sich auch nach Beendigung des Krieges nicht. Auch nicht, als 1948 die „Trudarmija“ aufgelöst wurde. Zur Zeit des „kalten Krieges“, als die kommunistische Welt mit den ehemaligen Verbündeten sich nicht mehr verstehen konnte, zählten wieder die Russlanddeutschen zu den Verlierern.

Im November 1948 wurden die Auflagen gegen sie nochmal verschärft. Die Deutschen mussten sich einmal im Monat melden, sie durften den Wohnort nicht verlassen.

Unter diesem Druck versuchten besonders die Jüngeren unter ihnen, sich den Russen anzunähern und ihre deutsche Herkunft zu verleugnen.

Stalins Tod 1953 erweckte wieder Hoffnungen, und diese verstärkten sich durch Adenauers Besuch in Moskau, der erreicht hatte, dass bis Mitte 1955 die letzten Kriegsgefangenen entlassen wurden.

Aber erst am 13. Dezember 1955 wurden auch die Russlanddeutschen (immer noch 1,5 Mio.) freie Sowjetbürger, ohne die während der Zwangsumsiedlung konfiszierten Werte nicht zurückzubekommen; sie wurden nicht rehabilitiert und sie durften nicht in ihre „Heimat“, die Vertreibungsgebiete, zurückkehren. Sie blieben die „Faschisten, Fritzen und Vaterlandsverräter“. In dieser Zeit verteilen sich die Russlanddeutschen endgültig über das ganze Land, mit Schwerpunkt Sibirien und Mittelasien.

 

Die 5. Krise

beginnt mit dem Rückkehrverbot; sie verhindert die Entstehung von geschlossenen Gebieten, verliert den Kampf um die deutsche Sprache und Kultur sowie neuer deutscher Autonomie.

Eine völlig neue Bevölkerungsverteilung der Russlanddeutschen in der UdSSR – nach dem Krieg – beginnt.

Ein paar Zahlen:

1926 wohnten 1,24 Mio. Deutsche in der UdSSR, davon in der Ukraine 31,8%, in Sibirien 6,6%, in Kasachstan 4,1%, in Mittelasien 0,8%, in den anderen europäischen Teilen (einschließlich Kaukasus und der Krim) 54,6%. Bis 1979 war die Zahl der Deutschen auf insgesamt 1,94 Mio. gestiegen; davon lebten in der Ukraine (einschließlich Krim und Karpato) 1,8%, im restlichen europäischen Teil 18,6%, in Sibirien 23,8%, in Kasachstan 46,5% und in Mittelasien 9,3%.

In geschlossenen traditionellen Gebieten wohnten 1959 kaum noch 10% der Deutschen, hauptsächlich in den Gebieten, in denen es im 2. Weltkrieg keine Deportationen gegeben hatte, nämlich in der Nähe von Omsk und Tomsk in Sibirien, in Kasachstan und Kirgisien.

Deutsch als Muttersprache verlor in den Jahren bis 1989 immer mehr an Bedeutung. Die Russifizierung, besonders der Jugend, schritt voran. Bis 1957 hatten über 100.000 Deutsche die Ausreise beantragt, 1958 durfte die erste Gruppe Russlanddeutscher gehen. Es waren so genannte „Vertragsumsiedler“, die aufgrund des Hitler-Stalinpaktes ab 1939 ins Deutsche Reich umgesiedelt worden waren und nach dem Krieg von Stalin „repatriiert“ wurden. Daneben gab es als Grund nur die Familienzusammenführung, d.h. nur die Anforderung eines Verwandten ersten Grades aus der BRD wurde anerkannt. Die russlanddeutschen Antragsteller hatten häufig unter Repressalien von Nachbarn und Arbeitskollegen zu leiden. Sie mussten sogar mit Verhaftung rechnen, wenn ihr Name öffentlich gemacht wurden; je nach politischer Wetterlage zur Zeit des Kalten Krieges.

Es gab aber auch immer wieder Bestrebungen Russlanddeutscher zur Wiedererrichtung einer deutschen autonomen Republik an der Wolga.

Dort lebten aber schon seit 20 Jahren „Russen“, die das nicht zulassen konnten und wollten.

1964 gab es einen zweiten Ukas zur Rehabilitierung der Russlanddeutschen, d.h., die Beschuldigungen der Kollaboration mit dem faschistischen Deutschlands wurden zurück genommen. Es gab aber keine Aussicht auf eine autonome Siedlung in der SU wie auch in den Nachfolgestaaten nach 1991. Daher mehrten sich die Anträge auf Ausreise in die BRD und auch in die DDR. Nach der Konferenz von Helsinki 1975 besserte sich das politische Klima allmählich, trotzdem wurden die Abreiseanträge immer drastischer von negativen Sanktionen begleitet, bis 1985.

 

Die Ära Gorbatschow mit Glasnost und Perestrojka

Die Masse der Russlanddeutschen stand den Umbruchgedanken und Reformen abwartend gegenüber. Sie misstrauten „denen in Moskau“ aus leidvoller Erfahrung.

Eine kleine Minderheit von ihnen jedoch begann erneut eine Diskussion um die Errichtung einer autonomen Republik. Sie machte diese Forderungen öffentlich, auch direkt in Moskau. Am 14. April 1988 wurde ein inoffizieller Zirkel der Autonomiebewegung von einem Mitarbeiter des Zentralkomitees der KPdSU empfangen, und sie unterbreiteten diesem Vorschläge. Ende März 1989 gründeten 105 Delegierte aus den größeren Wohngebieten der Russlanddeutschen die „Unionsgesellschaft der sowjetischen Wiedergeburt“, die bis 1990 etwa 500 Mitglieder umfasst

Ziele: Bewahrung der Kultur, der Tradition, der deutschen Sprache.

Den russischen Bewohnern der Wolgarepublik versichern sie: keine Rückforderung des 1941 beschlagnahmten Eigentums, keine Verdrängung der jetzigen Bewohner, sondern Bau neuer Orte!

Am 13. September 1989 erklärte der Oberste Sowjet, dass „den Sowjetdeutschen eine Staatlichkeit in Form einer Autonomie gewährt und eine Reihe von nationalen Rayons und Dorfsowjet“ geschaffen werden sollten. Die Autonomiebewegung (mittlerweile von der BRD politisch und finanziell durch einen Sonderbeauftragten unterstützt) sollte die Massenausreise eindämmen.

 

Am 1. Juli 1991

wurde im Altai – Gebiet die Bildung eines deutschen nationalen Rayons durch Erlass ermöglicht; in den sibirischen Gebieten um Omsk, Nowosobirsk und Tomsk, den am stärksten zusammenhängenden Siedlungsgebieten, lebten noch 500.000 Deutsche.

Mit ihnen wurden 1991 und 1992 zwei „Deutsche Nationale Rayons“ gebildet; das erste in Halbstadt, das zweite im Gebiet Omsk in Asowo. Diese förderte die BRD genauso wie zwei Projekte im Gebiet Wolga, Wolgagrad und Saratow. Bis Mitte 1994 bekommen diese letzteren Rayons Fördermittel in Höhe von 160 Millionen DM.

Doch der erhoffte Erfolg – Stopp der Ausreise stellt sich aus verständlichem Misstrauen gegenüber der russischen Regierung – nicht ein. Es scheint, als würden die westlicheren Rayons als Zwischenstopp für Ausreiswillige aus den östlichen Gebieten benutzt.

Der Landrat des Gebietes Omsk stellte im Infodienst fest: „Für zwei wegziehende Deutsche kommen drei aus Mittelasien nach.“

Die Lage in Mittelasien – Kasachstan, Tadschikistan, Kirgisien und anderen Republiken mit deutschen Bevölkerungsanteilen – ist durch die mittlerweile selbstständigen Staaten sehr unsicher geworden durch Bürgerkriege und Nationalitätenkonflikte.

Der „Umweg“ zur Ausreise über die russische Föderation ist sicherer, da es mit den anderen Staaten keine Verträge gibt.

Bis 1994 ist gut eine Million Russlanddeutscher ausgesiedelt. Bis 2004 rechnete man mit einer jährlichen Quote von 22.000; dies sollte dann das Ende der Ausreisewellen bedeuten.

 

Und dies ist die 6. Krise

für das Russlanddeutschtum in der ehemaligen Sowjetunion (UdSSR), die schwerste und zugleich größte nach dem 2. Weltkrieg:

Die massenhafte Aussiedlung in die Bundesrepublik mag für den Einzelnen ein Gewinn sein, für do9e zurückbleibende Gruppe ein großer Verlust. Auch diese Gruppen werden in absehbarer Zeit verschwunden sein, und als Russlanddeutscher wird nach 200 Jahren kaum noch einer in „dieser alten Heimat“ leben.

Literaturverzeichnis

„Auswanderung aus Hessen“ (Ausstellung der Hessischen Staatsarchive zum Hessentag 1984 im Lampertheim), 2. Verbesserte Auflage 1986 – Marburg. – Hess. Staatsarchiv.      

Unter wissenschaftlicher Mitarbeiter von:Privat-Doz. Dr. Inge Auerbach, Hess. Staatsarchiv Marburg, Dr. Jürgen Rainer Wolf, Hess. Staatsarchiv Darmstadt, Dr. Winfried Schüler, Hess. Staatsarchiv Wiesbaden

Bundeszentrale für politische Bildung

Informationen zur politischen Bildung, (Heft 267), Die Entwicklung in Russland und in der Sowjetunion.

Hoffmann, Hermann

Auswanderung nach Rußland im Jahre 1766, in: Mitteilungen der Hessischen Familiengeschichte Vereinigung (Darmstadt), Band 1, Darmstadt 1925-1928, S. 109 ff.:                  

„Im Copulationsregister des evangelischen Pfarramts Büdingen aus dem Jahre 1766 finden sich 375 Eheschließungen eingetragen, die damals auf Veranlassung und Verlangen des Russischen Kayserlichen Commisariates zwischen Personen erfolgten, die als Colonisten nach Rußland auswanderten. In Anbetracht des besonderen Interesses dieser Auswanderung, sowohl für die Colonisationsgeschichte Rußlands wie für die Familienforschung in Hessen und den Nachbargebieten werden die Personalien der auswandernden Eheleute, wie sie im Büdinger Kirchenbuch eingetragen, hier mitgeteilt.“                                                          

In den zwischen dem 24.2.1766 und dem 8.7.1766 erfolgten Eheschließungen findet sich am 14.4.1766 auch der Eintrag: „Valentin Reich v. Niederohmen m. Elisab. Trimberin v. Rauschenberg“ (S. 114 des o. g. Buches)

Genaue Herkunftsangaben finden sich nur bei einem Teil der Eintragungen. Bei anderen sind oft gar keine Herkunftsangaben erfolgt, manchmal ist das damalige Territorium genannt: aus den Mainzischen, aus dem Darmstädtischen, aus dem Meiningenschen, aus dem Würzburgischen, aus Holland, aus dem Löwensteinischen, aus der Franche Comtée, aus dem Württembergischen etc.

Die Auswanderer stammten überwiegend aus vielen verschiedenen Staaten, die das heutige Hessen bilden oder daran angrenzen, es gab aber auch einzelne Kolonisten aus Frankreich und Holland. Büdingen in der kleinen Grafschaft Isenburg-Büdingen war offenbar der Sammelplatz für die Rußlandauswanderer, da vermutlich andere größere Territorien wie Hessen-Kassel, HessenDarmstadt, das geistliche Fürstentum Fulda ihr Gebiet als Sammelplatz verweigerten und an einer zahlreichen Auswanderung ihrer Untertanen ganz sicher nicht interessiert waren. Familien namens Trümper/Trimper sind vom 16. bis 19. Jahrhundert in Rauschenberg ansässig gewesen.                                 

(recherchiert von Helmut Klingelhöfer/mit Hinweisen auf Rauschenberg)

Ingenhorst, Heinz

„Die Russlanddeutschen“, Aussiedler zwischen Tradition und Moderne, Campus Verlag, Frankfurt 1997, Forschung Bd. 747, ISBN 3-593-35731-3, S. 25

Paust, Ingerose

„In der Ferne reift mein Weizen“, Brunnen-Verlag, Gießen, 1. Aufl. 2005, ISBN 3-7655-3839-6