Das Rauschenberger Fachwerk-Rathaus

Museumsschriften Titelbild

 

Rauschenberger Museumsschriften

Beiträge und Mitteilungen des Rauschenberger Museums zur Geschichte, Landschaft und Volkskunde

Neuauflage 1997

Gerhard Trost

Das Rauschenberger Fachwerk-Rathaus

Herausgeber: Verkehrs- und Verschönerungsverein

Rauschenberg E.V.

 

 

Das Rauschenberger Fachwerk-Rathaus

Allgemeines

Rathäuser besitzen einen besonderen Stellenwert innerhalb einer Stadt. Sie repräsentieren die regionale Bedeutung eines Ortes und zeugen von seinem Wohlstand.

In Bezug auf die Bauweise haben Rathäuser für Historiker geschichtlichen Aussagewert.

Als öffentliches Gebäude sollten sie auch gestalterische und ortbildprägende Vorbildfunktion im Ort haben. Man das davon ausgehen, dass das Rauschenberger Fachwerk-Rathaus solchen Ansprüchen gerecht wird.

Der im 15. Und 16. Jahrhundert vorherrschende Baustil war die Fachwerkbauweise mit Holz als bevorzugtem Baumaterial und hier die Baumart Eiche, die es im Rauschenberger Stadtwald zur damaligen Zeit reichlich gab. Man konnte also den Hauptbaustoff für einen Rathausbau aus dem eigenen Wald einschlagen. Trotz des damals sicherlich reichlich vorhandenen Holzes ging man bei der Bauplanung von der holzverschwenderischen Ständerkonstruktion ab, bei der man sehr Holzbalken benötigte, und gab dem Stockwerkbau, auch Rähmbau genannt, den Vorzug. Bei dieser Bauweise konnte man kürzere und auch krumme Hölzer verwenden. Außerdem war die Aufrichtung einfacher, da jedes einzelne Geschoss in sich zusammengefügt und als Rähm auf das nächste Stockwerk aufgesetzt werden konnte. Verbunden wurde das ganze durch sogenannte Überkragung (Überstehen des oberen über dem unteren Stockwerk.)

Die Holzkonstruktion für das Rathaus wurde auf einem Sandsteinfundament mit der Giebelsite und dem Eingang zur Schloßstraße errichtet, während die Traufseite (Breitseite) zum Marktplatz zeigt.

Im Allgemeinen ist die Giebelseite eines Gebäudes (Fassade) die Hauptfrontseite, der man besonders Gewicht einräumt. Warum man die Giebelseite zur Schloßstraße gelegt hat, darüber kann man nur rätseln. Vielleicht wollte man die Schloßstraße als den Hauptzugangsweg zum Schloß, zu den landgräflichen Amtsgebäuden und zur Kirche besonders herausstellen, vielleicht betrachtete man Rathaus und Marktplatz als optische Einheit und legte deshalb die Breitseite Richtung Marktplatz. Auch Grundstücksgrenzen könnten eine Rolle gespielt haben. Wir wissen es nicht.

Ein architektonischer Blickfang ist zweifellos der mit einem Rundgang versehene Dachturm an der Rathaus-Nordseite, von dem man einen herrlichen Überblick über das gesamte Stadtgebiet hat.

In besonderer Eigentümlichkeit zeigt sich der sandsteinerne Treppenturm, der in seinem oberen Teil einen Fachwerkaufbau hat. Dieser reicht jedoch nicht über das Rathausdach hinaus, man wollte dadurch einen freien Durchblick von Osten her zur Rathausuhr haben. Bei der ersten eingebauten Uhr, dürfte es sich um eine gewichtangetriebene Räderuhr gehandelt haben.

Rathausansicht mit Treppenturm

 "Rathausansicht mit Treppenturm, Errichtet 1557/66"

 

 

Das Fachwerk-Rathaus

Nach Eduard Bromm hat es ursprünglich in der Altstadt und der Neustadt je ein kleines Rathaus gegeben.

Nach der Stadtwerdung war Rauschenberg zunächst an Umfang und Einwohnerzahl noch klein, umfasste sie doch nur die heutige Altstadt mit den Straßen Pfaffengasse, Schloßstraße und Kraftgasse. Die Bürger umgaben, da sie ja nun das Recht dazu besaßen, ihre Stadt mit Wall und Graben. In dem Wall waren zwei Durchlässe, einer oben nach dem Schloß zu, der andere am Ende der heutigen Schloßstraße, etwa in der Gegend, wo sich jetzt das Rathaus befindet.

In diesem Umfang blieb die Stadt jedoch nicht lange. Die größere Sicherheit, die die Umwallung gewährleistete, lockte immer mehr Bewohner der umliegenden Dörfer an, sich als Pfahlbürger außerhalb der Befestigungsanlagen anzusiedeln. Zu ihnen gesellten sich Kaufleute, oft von weit hergekommen, die die Märkte und den Handel begünstigten. So entstand die untere Hälfte der Stadt, die „Neustadt“. Sie wurde ebenfalls durch Wall und Graben gesichert. Längere Zeit bestanden, so meint Eduard Bromm, zwei Stadtgemeinden nebeneinander, jede mit eigener Verwaltung, ja sogar mit einem eigenen Rathaus. Endlich hörte der Zuzug hierher auf. Viele Dörfer der Umgebung waren völlig in Rauschenberg aufgegangen. Jetzt erst vereinigten sich beide Stadthälften zu einer Gemeinde.

Nach der Vereinigung wurde vermutlich auf dem zugeschütteten alten Stadtgraben ein Rathaus errichtet, das aber abbrannte.

Danach plante man, an einer anderen Stelle ein neues Rathaus zu erbauen, und da die Stadt zur damaligen Zeit wohlhabend war, sollte es auch größer werden und einen feuersicheren steinernen Treppenturm haben. Diese Planung wurde von 1557-1568 in die Tat umgesetzt.

Leider sind keine Baupläne vorhanden und der Architekt ist unbekannt. Man kann jedoch davon ausgehen, dass Architekt der damalige Bürgermeister städtischer Zeichner und Baumeister war. Ebenfalls deutet die Inschrift auf dem durchgehenden Querbalken über dem Rathauseingang auf eine solche Vermutung hin:

„Im fünfzehnhundertfünfzig und sieben Jahr, als Christus, der Herr geboren war, Heinrich Agnes, Bürgermeister dieser Stadt, dieses Rathaus angefangen hat mit Hilfe und Rat, so er empfand von Rentmeister Baltasar Weytershausen und ist vollendet in folgenden Jahren mit Gottes Hilfe er wollte bewahren.“

Diese Inschrift zeigt aber zugleich, dass die Landesherrschaft, vertreten durch den Rentmeister, auf die städtischen Maßnahmen großen Einfluss nahm.

So wurde 1557 mit dem Rathausbau begonnen. Auf einem Sandsteinfundament im Ausmaß von ca. 12x18 m wurde ein dreigeschossiges Gebäude mit vorkragenden Stockwerken errichtet. Wegen des Brandschutzes wurden die Fachwerkflächen bis in das 19. Jahrhundert hinein verputzt, und erst später wurde das Fachwerk freigelegt und Balken und Gefache gestrichen. Eine Totalrenovierung erfolgte 1985/87. In diesen Zustand zeigt sich das Rathaus in der Jetztform.

 

 

 

Rathaus 19. Jahrhundert

Rathausansicht nach der Renovierung

 

  

 

 

 

 

 

 

 

"Rathausansicht nach der Renovierung 1985/87"

 

 "Wegen des Brandschuzes war das Rathaus bis in das 19. Jahrhundert hinein verputzt."

 

  

 Bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts hatte das Rathaus Schiebefenster. Die damaligen Ratsherren (Schöffen) stifteten sogenannte Schöffenscheiben als Zeugnis der Verbundenheit mit der Stadt. Die bunten in Kranzform bleigefaßten Glasscheiben waren in die Rathausfenster eingelassen. Meistens zeigten sie Ornamente in sinnbildliche Darstellung zum Namen, die auch teilweise mit der Jahreszahl versehen waren. Die Zahl der gestifteten Schöffenscheiben ist unbekannt. Erhalten sind nur noch vier: zwei im Rauschenberger Stadtmuseum (Chunrad Fink und Reiz Weckesser), eine in der Stadtkirche (Reiz Daum) und eine im Heimatmuseum Korbach (Huot).

 

Schöffenscheibe

 "Schöffenscheibe von Reiz Daum in einem Fenster der Rauschenberger Stadtkirche"

 

 

Während der 450 jährigen Geschichte des Rathauses sind mehrere Umbauten vorgenommen worden, die im Laufe der Zeit den jeweiligen Verwendungszweck angepasst wurden.

Zunächst befand sich im Erdgeschoß ein geräumiger Saal, in dem die großen Hochzeiten abgehalten wurden. In der Regel dauerten diese bis zu acht Tage, und fast die ganze Stadt war dazu eingeladen. Jeder brachte sich seinen Teller und sein Besteck mit und leistete bei der Vertilgung von Speisen und Getränken sein Möglichstes. Später wurde der große Saal umgebaut und das Amtsgericht bezog die Räume und nutzte sie bis zur Auflösung 1932. Nach Auflösung der städtischen Spar- und Leihkasse 1933 und Umwandlung in eine Zweigstelle der Kreissparkasse wurden die Räume von der Sparkasse übernommen, die sie bis zum Umzug in einen Neubau (1979) nutzte. Danach bezog die Stadtverwaltung, die bis dahin allein die oberen Geschosse genutzt hatte, auch das Erdgeschoss als Verwaltungsgebäude.

Im ersten Stockwerk war die Ratsstube, wo die Sitzungen des Stadtrates stattfanden. Die Ratsstube war u.a. ausgestattet mit einem kunstvoll aus Hirschgeweih gearbeiteten vielarmigen Leuchter. Dieser Kronleuchter befindet sich heute im Stadtmuseum. Im zweiten Stockwerk befanden sich die Amtsstube von Bürgermeister und Sekretär sowie ein Raum der städtischen Spar- und Leihkasse, die 1866 gegründet wurde. Im Turmgeschoss war die Wohnung des städtischen Polizeidieners. Über der Wohnung hing die 121 kg schwere Bürgerglocke, die stündlich schlug, Feindangriffen zur Verteidigung läutete und zu den Parlaments- und Gemeindewahlen rief. Vom Turm wurde auch täglich geblasen, morgens um 4:00 Uhr, als Weckruf, dann um 11:00 Uhr, um den Mittag anzuzeigen und um 20:00 Uhr anzumahnen, das Tagewerk zu beenden. Auch wurde jedes Mal nacheinem überstandenen schweren Gewitter geblasen. Beide Bräuche werden seit 1870 nicht mehr ausgeübt. Vom Umgang des Turmes verkünden seit alters her zum Jahreswechsel Trompeten und Posaunen den Beginn eines neuen Jahres.

 

Der Treppenturm

Der achteckige Treppenturm ist 1566 aus rotem Sandstein errichtet worden mit abschließendem Fachwerk. Er wurde auch Feuerturm genannt und hatte zu jedem Stockwerk einen Zugang. Im Falle eines Brandes wollte man den im Rathaus Anwesenden einen feuersicheren Abgang verschaffen. Ein anderer Baumeister als am Rathaus hat hier gewirkt. Vermutungen schließen auf Ebert Baldewein der Hofarchitekt des Landgrafen Ludwig IV. war und der in Marburg verschiedene Bauten errichtet hat. Eine breite Steinwendeltreppe führt bis ins obere Stockwerk.

Im Fachwerkaufbau des Obergeschosses wohnte der „Stadt-Turmmann“, der die nächtlichen Stunden abblies.

Bogenfeld Turmeingang

 "Bogenfeld über dem Turmeingang"

 

Seitlich des Portals ist eine Namenstafel der damals amtierenden Ratsherren angebracht nämlich: Heinrich Agnes, Claus Stöcker, Curt Finck, Johann Möller, Johann Huot und Reiz Daum, ein Name ist nicht mehr zu entziffern.

 

Seitenrelief am Rathausturm

"Seitenrelief am Rathausturm mit den Namen der damaligen Ratsherren"

 

1985/87 wurde das Rathaus neu renoviert: Das Fachwerk rotbraun gestrichen, das Gefache weiß abgetönt, so dass es heute in neuem Glanz erstrahlt. Zu dem besonderen Erscheinungsbild tragen u.a. auch die 90 (!) Fenster bei. Damit ist das Rathaus wieder das stattlichste und schönste Bauwerk unter den vielen Fachwerk- Bauten der Stadt und stellt den Mittelpunkt Rauschenbergs seit Mitte des 16. Jahrhunderts dar.

Wappen Landgrafen Philipp

 "Wappen des Landgrafen Philipp des Großmütigen

über dem Bogenfel des Turmeingangs"

 

Literatur

Bromm, Eduard   

„Die Stadt Rauschenberg in Oberhessen“ Marburg 1889

Kippenberger, Albrecht

„Das Portal am Rathaus von Rauschenberg “ Hess. Heimat, 14.

Jahrgang 1964, Heft 3

Großmann, G. Ulrich

„Der spätmittelalterliche Fachwerkbau in Hessen“         Königstein/Taunus 1983

Prüser, Friedrich

„700 Jahre Stadt Rauschenberg“ Marburg 1966

Seibel, August Werner

Trost, Gerhard

„725 Jahre Stadt Rauschenberg“ Kirchhain 1991

Wissemann, Wilhelm

Fischer, Erich

Fotos:

Kison, Ulrich

5 Stck
1 Foto unbekannt