Brände- Brandgefahren- Brandschutz in Rauschenberg

Museumsschriften Titelbild

 

Rauschenberger Museumsschriften

Beiträge und Mitteilungen des Rauschenberger Museums

Zur Geschichte, Landschaft und Volkskunde

1/1996

Gerhard Trost

Brände- Brandgefahren- Brandschutz

In Rauschenberg

Herausgeber: Verkehrs- und Verschönerungsverein

Rauschenberg E.V

 

 

Brände - Brandgefahren – Feuerschutz in Rauschenberg

Allgemeines

Seit jeher üben Brände eine faszinierende Doppelwirkung zum positiven und zum negativen auf uns Menschen aus. Positiv wirken sie durch ihre lebensnotwendige Licht- und Wärmewirkung, negativ als Naturgewalt, wenn sie außer Kontrolle geraten und uns so eigene Ohnmacht und Hilflosigkeit ihnen gegenüber deutlich werden.

In der Antike zählte das Feuer zu den vier Elementen neben Erde, Luft und Wasser. Im religiösen Verständnis wird es sogar als göttliche Macht angesehen. Feuer hat auch bei der Entwicklung und Entfaltung der Stadt Rauschenberg eine schicksalhafte Rolle gespielt, wurde doch nach einer Feuersbrunst der damaligen Siedlung das Stadtrecht verliehen. Die dadurch erhaltenen besonderen Befugnisse trugen ganz entscheidend zu einer erfolgreichen wirtschaftlichen städtischen Entwicklung bei.

Durch die besondere Bauweise wurde die Stadt von größeren Brandkatastrophen heimgesucht. Die Häuser waren innerhalb der Stadtmauer zwangsläufig eng aneinandergebaut, sie waren in Holzbauweise und strohbedeckt errichtet. Hinzu kommt noch das Hantieren mit offenem Feuer, so dass von daher größere Brände nicht auszuschließen waren. Auch durch fremde durchziehende Truppen kam es immer wieder zu Schadenfeuern. Außer den großen Brandkatastrohen 1266, 1507, 1529, 1624, 1639 und 1641, die immer wieder Teile der Stadt vernichteten, waren kleinere Brände in Rauschenberg, wenn auch nicht alltäglich, so doch sehr häufig. Merian schreibt über Rauschenberg in seiner Topographie Hassiae: ,,Diese Stadt ist von Brant verseert worden 1266, 1507, 1515, 1529".

Die Brandgefahren und die Feuerordnungen

Durch die Gefährlichkeit der Brände für Leben, Gesundheit, Eigentum und Besitz wurden seit dem sesshaft Werden der Menschen bauliche-, wohnliche- und arbeitsbedingte Maßnahmen gegen Brandgefährdung durch landesherrschaftliche, kommunale und betriebs- und arbeitsbedingte Institutionen angeordnet, die natürlich der jeweiligen Zeitepoche angepasst waren.

Für Rauschenberg hatten die Feuerordnungen der Stadt Marburg und die Landesordnungen eine Gültigkeit, die ab dem 16. Jahrhundert vorliegt.

Der bauliche Zustand der Häuser innerhalb der Stadt barg eine ständige Feuergefahr. Die Bauordnung von 1524 besagte, dass die Scheunen möglichst aus der Stadt verbannt werden, die Fachwerkhäuser mit Lehmputz zu versehen und mit Ziegeln zu decken sind. Hierzu die entsprechende Feuerordnung:

 ,,. ..Außerdem soll eine jede Stadt sich bemühen, soviel Scheunen wie möglich aus den Städten heraus zu bringen, und damit es geschehen kann, sollen die Städte dabei helfen. Wo es aber gar nicht möglich ist, mag man es unterlassen."

„...Sie (die Städte) sollen darauf achten, daß jeder sein Haus mit Ziegeln oder Schieferstein oder Stein decke, und überall soll die Stadt den vierten Ziegel dazu geben, Strohdächer sollen hinfür nicht geduldet werden, sondern man soll sie abbrechen, auch hinfürter keine von neuem mehr machen, und so einiger eines machet oder machen lässt, dem soll solches nicht allein abgebrochen, eingerissen, sondern noch über das unnachlässige gestraft werden.“

Bis zur Einrichtung einer zentralen Wasserversorgung (1900) wurde alles Wasser, auch das Löschwasser aus den Kämpfen bezogen. Ein sogenannter Brunnenleiter wurde städtischerseits berufen, der dafür sorgen musste, dass stets ausreichend Wasser zur Verfügung stand. Notfalls musste Löschwasser aus der Wohra geholt werden. Auch sollte im Falle eines Brandes Löschwasser in Kübeln vor den Häusern stehen, damit sich die Löschmannschaft damit bedienen konnte. In der Feuerordnung hieß es hierzu: „Diejenigen Leuthen, so in der Strassen, wo das unglück entstand, wohnen, sollen so bald wie gnugsame faßbütten vor die thüren schaffen, damit das Weibsvolck das Wasser darein schütten und die leschende Bürgerschaft an Wasser keinen Mangel haben möge, auch wo sichs tun lassen will soll das vergossene Wasser in hangenden gassen mit schütten von mist und anderer materi gedämmet, und also zu fernerm gebrauch behalten werde.“

Des Weiteren musste die Stadt dafür sorgen, dass immer eine ausreichende Menge an Leitern, Feuerhaken und ledernen Eimern bereitstanden. Auch jeder Bürger hatte sich mit entsprechendem Löschgerät auszustatten. Hierzu die Feuerordnung:

„In einer jeden Stadt soll eine ausreichende Menge an Leitern, Feuerhaken und ledernen Eimern bereitgestellt werden.

Es sol sich auch ein jeder Bürger im seinem Hause mit guten feuer Instromenten als Sprützen oder lederne Eymer versehen, sich solcher im fall der noth haben zu gebrauchen, auch seinen Eimern mit einem gewissen Merckzeichen bezeichnen, damit solcher unter den Stadteymern erkäntlich sey.

Und weil man wahrgenommen, daß je und allwege bei solchen fällen von der Stadt ledderne Eimer viel verkommen und vereusert werden, so soll ein Jeder erinnert und ermahnet seyn, sich dessen bey höchster Straff zu enthalten.

Auch soll jeder, so allhier Bürger sein will, sobald Er den Eyd abgelegt, einen leddernen Eimer auff das Rathhaus zu geben schuldig seyn.

Bey dem Brand sollen die Feuer-Herren mit allem fleiß dahin sehen, damit die Leute ordentlich in zwey Reihen vom Wasser an bis an das Feuer gestellt und in einer reihe die Eymer mit Wasser, in der anderen reihe aber die ledigen Eymer wieder zurück nach dem Wasser gereicht werden möge.“

Bei den täglichen Arbeitsabläufen musste man sich, wenn die Tage wieder kürzer wurden, künstlicher Lichtquellen bedienen, die eine Hauptbrandgefahr bedeuteten. Dies bezog sich sowohl auf die Außenbeleuchtung der Stadt als auch auf die Innenbeleuchtung der Häuser.

Als Straßenbeleuchtung dienten Fackeln, präpariert mit Harz, Pech oder Tierfett die sehr brandgefährlich waren. Auch wurden reine Strohbüschel als Fackeln verwendet. In der Landesordnung von 1558 hierzu:

„Mit brennenden Wischen soll man bei nacht nicht gehen, noch viel weniger die verbrannten Strümpfe derselben auf Straßen oder sonst, besonders den Misten, niederwerfen. Wer bei Nacht mit licht gehen will, der soll es tragen in einer Leuchte.“

Im 18. Jahrhundert (genaue Jahreszahl nicht bekannt) wurde in Rauschenberg der erste Straßenpetroleumbrenner angeschafft. Ein Laternen-Wärter musste für seine Funktion sorgen. Es wurde abends so viel Brennstoff eingefüllt, wie die Lampe bis zum Hellwerden benötigte.

Für die Innenbeleuchtung der Häuser wurde zunächst der Kienspan (aus harzreichem Kiefernholz) und das Talglicht verwandt. Auch benutzte man Kerzen (allerdings nur in begüterten Häusern, da sie sehr teuer waren). Die verbreiterte Form der Innenbeleuchtung war jedoch später die Öllampe, als Ständerlampe an einem Lichterknecht oder als Hängelampe an der Decke im Gebrauch. Danach folgten Petroleumlampen, Karbidlampen und ab 1921 das elektrische Licht.

Eine herausragende Bedeutung in den Häusern hatte der Küchenherd mit dem Herdfeuer. Die Küche war in den meisten Häusern der einzige beheizbare Raum, wo sich die Familie in der kalten Jahreszeit versammelte. Auf dem Küchenherd wurde das Essen gekocht, zugleich war er auch Wärmequelle für das ganze Haus. Bei den mittelalterlichen Fachwerkhäusern bestand aber auch Brandgefahr, weil die Rauchfänge und Schornsteine sich sehr oft in schlechtem Zustand befanden. In der Feuerordnung von 1732 heißt es hierzu:

„Desgleichen sollen die gefährlichen Rauchfänge, Schornsteine, Maltz- und Holtzdörren abgeschafft, du einem jeden, welcher dergleichen eine hat, bei unnachlässiger bestraffung befohlen seyn, solches bald zu ändern und einen teuglichen Schornstein aufzuführen, mit der Verwarnung, da solches nicht geschehen sollte, daß alsbald solche gefährliche Rauchfänge, Schornsteine, Maltz- und Holzdarren ex officio über einen Haufen geworfen, und die angedrohte bestraffung angebracht, auch sonsten gegen den nachlässigen ferner verordnung ergehen und keineswegs länger hierin nachgesehen werden sol

Es soll ein jeglicher bey Tag und nacht, auff sein Licht und Feuer fleisige achtung haben, die Schornsteine jederzeit rein und unzerbrechlich halten, umb dieselbe weder Stroh, Heu, Kohlen, Holitz, Spän, Werck, Flachs, Lohe noch dergleichen sich leicht anzündende Materialien legen: und des Nachts über das ingeschorne feuer oder aschen, mit Pfannen oder Kesseln verwahrlich zudecken, sonderlich aber die Offenlöcher mit nötigen Thürlein verwahren soll.“

Häufig gingen Brände durch Hantieren mit offenem Feuer in landwirtschaftlichen Gebäuden, Scheunen, Ställen und Schuppen aus, so bei der Flachsbearbeitung, beim Dreschen und anderen Arbeiten, da die Lichtverhältnisse oft so ungenügend waren, dass man Licht anzünden musste, das aus einer offenen Lampenflamme bestand.

Die Arbeitsabläufe vergangener Jahrhunderte waren stets mit der Anwendung von offenem Feuer verbunden, so dass von daher eine ständige drohende Brandgefahr ausging. Hinzu kamen noch die enge Bebauung innerhalb der Stadtmauer und der oftmals schlechte Bauzustand der Häuser. Für die Bewohner brachten besonders die großen Brandkatastrophen Not und Elend.

Das Feuerlöschwesen

In früheren Jahrhunderten riefen bei einem Brand Glocken und Brandhörner zur Hilfeleistung auf. Jeder, der konnte, war verpflichtet zu helfen.

In Rauschenberg wurde bei ausbrechendem Feuer die 121 kg schwere Stadtbürgerglocke geläutet, die im Rathausturm hing und nur bei besonderen Ereignissen (Feindangriffen, Parlamentswahlen und Feuer) erklang. Auch blies bei Feuerausbruch am Tage der Stadtturmmann, bei Nacht der Wächter mit dem Feuerhorn.

Als Brandschutz waren zuallererst lederne Wassereimer, Hakenstangen und eiserne Brecheisen im Einsatz. Mit den Wassereimern wurde das Löschwasser durch eine Menschenkette vom Brunnen (Kump) zum Brandherd transportiert, die leeren Eimer wurden in gleicher Weise zum Kump zurückgereichet. Bis 1669 wurde das Löschwasser nur aus dem Marktkump geholt, erst danach auch aus dem alten Kump und ab 1840 aus dem Philippskump. Letztere waren nur als Löschwasserreservoirs vorgesehen. Bei größeren Bränden wurde auch Löschwasser durch Fuhrwerke mit Wasserfässern aus der Wohra geholt. Durch Feuerordnung waren die Bürger angewiesen, vor ihren Häusern mit Wasser gefüllte Bottiche bereitzuhalten.

Die ersten beiden Feuerkübelspritzen werden 1722 erwähnt, Fassungsvermögen von ca. 300 bis 500 Liter hatten. 1740/41 wurde eine Spritze angeschafft. Die Kübelspritzen befinden sich im Heimatsmuseum.

Eine fahrbare Feuerspritze wurde 1749 gekauft und vierspännig mit Pferden gefahren. Sie hatte bemalte Seitenbretter und Stadtmotive (die Seitenbretter befinden sich im Heimatmuseum). Wegen der roten Hintergrundmalerei der Seitenbretter wurde sie „die rote Spritze“ genannt. Damit nun auch Einsatz und Wartung durch geeignete Männer erfolgen konnte, wurde unter Bürgermeister Johannes Bott eine Spritzenmannschaft gegründet, die aus 30 Männern unter Führung von Conrad Scheffer bestand.

1832 wurde eine sogenannte Feuer-Companie aufgestellt. Sie umfasste 74 Mitglieder unter Spritzenmeister Johannes Jockel.

1838 schaffte man eine neue Hand-Kübelspritze an, die von zwei Mann getragen, auch innerhalb brennender Häuser eingesetzt wurde. Eine zusätzliche Steigermannschaft wurde 1877 zusammengestellt, die mit einer Spezialausrüstung ausgestattet war.

Das Feuerlöschwesen in Rauschenberg verbesserte sich zu 1900 ganz erheblich durch den Bau der Wasserleitung. Bei ausreichendem Druck konnten nun die Schläuche direkt an die Hydranten angeschlossen werden. Die bisherigen Feuerspritzen wurden nun nur noch außerhalb des Wasserleitungsbereiches oder bei niedrigem Wasserdruck eingesetzt. Sie wurden wie bisher mit Eimern gefüllt oder durch ein Überbrückungsrohr von Hydranten aus mit Wasser versorgt.

1933 wurde in Rauschenberg eine freiwillige Feuerwehr gegründet, die 1935 eine erste Motorspritze erhielt.

Mit fortschreitender Technik ist heute die freiwillige Feuerwehr Rauschenberg mit modernstem Feuerschutzgerät ausgestattet, und hierfür ist auch ein eigenes Feuerwehrhaus errichtet worden.

Gegenüber früheren Jahrhunderten ist das heutige Feuerschutzwesen in gesicherten Händen. Heute leistet die freiwillige Feuerwehr neben dem Brandschutz zugleich auch Katastrophenschutz, Hilfe bei Verkehrsunfällen, bei Unfällen in Haushalten und Betrieben, und das Einsatzgebiet reicht u.a. bis zum Strahlenschutz.

Das ehrenamtliche Engagement der Frauen und Männer der heutigen freiwilligen Feuerwehr verdient höchstes Lob. Sie handeln nach dem Leitgedanken „Mut zum Helfen-Bereitschaft zur Tat“. Ihr Einsatz steigt von Jahr zu Jahr und damit aber auch das Gefahrenrisiko für die Feuerwehrangehörigen selbst, weil Technisierung und der Einsatz chemischer Stoffe zunehmen. Es sollte damit die Pflicht der Allgemeinheit sein, den Ehrendienst der Feuerwehr nach besten Kräften zu fördern, da ihr opferbereiter Einsatz dem Schutz von Leben und Gut unserer Bürger dient.

Quellen:

Friedrich Prüser:

„700 Jahre Stadt Rauschenberg“, Marburg 1996

August Werner Seibel/Gerhard Trost: „725 Jahre Stadt Rauschenberg“, Kirchhain 1991
Uwe Geese:

„Konzeption für die Gestaltung des Stadtmuseums Rauschenberg“, unveröffentlicht

Petra Koll: „Vom Ledereimer und Haken zu modernem Atemschutzgerät“, Jahrbuch 1993 des LdKr. Marburg-Biedenkopf