05. Die Straßen des Viertels IV

 

Die Straßen der Viertels IV

Das zur „Unterstadt“ gehörende Viertel IV wird von der Marktstraße, der Straße Auf dem Römer und der ehemaligen Stadtmauer eingegrenzt. Hier werden die Straßen Auf dem Römer, die Borngasse, die Milchgasse und die Rosengasse beschrieben. Die Markstraße wird im Viertel I vorgestellt, und das alte Rauschenberger „Amtsgerichtsgefängnis“ wird gesondert betrachtet. Auch wird in diesem Kapitel wieder ein Blick über die „Stadtmauer“ geworfen.

 

Ansicht Rauschenberg Federzeichnung

Auf dem Römer

 

Auf dem Römer Schild

Auf dem Römer

Die Straße Auf dem Römer – ein Teilstück von ca. 100 m der zentralen Durchgangsstraße durch die Kernstadt, das die Viertel III (bergwärts) und IV (talwärts) voneinander abgrenzt – ist in mehrfacher Hinsicht eine „besondere“ Straße. Die Besonderheiten beginnen damit, dass die Namensgebung jüngeren Datums sein muss. Auf den Karten des Landmessers Scheffer von 1740 gab es diesen Straßennamen noch nicht: Es war ein Teil der Albshäuser Thorgasse. Wann und warum dieses Teilstück abgegrenzt wurde und einen eigenen Namen erhielt, konnten wir nicht herausfinden.

 

1 Bromm führt in seiner 1889 erschienenen Chronik alle Straßennamen bis „Auf dem Römer“ und „Milchgasse“ auf. Dennoch gab es 1888 schon die offizielle Bezeichnung „Auf dem Römer“, wie das Sterbe-Nebenregister von 1888, S. 7, mit der Angabe „Auf dem Römer Nr. 159“ belegt.

 

Auf dem Römer vom Marktplatz

Die nächste Besonderheit ist der Name: Auf dem Römer! Straßen mit diesem Namen gibt es in Deutschland einige, wie ein Blick ins Internet zeigt, so beispielsweise im rheinhessischen Dalsheim, im rheinland-pfälzischen Birkenfeld oder im nordrhein-westfälischen Simmerath. Aber wie ist man in Rauschenberg auf diesen Namen gekommen? Auch diese Frage können wir nicht beantworten. Aber die Straße hat noch eine weitere Besonderheit: Geht man vom Wohratal nach Rauschenberg, so steigen die Straßen an bis zum Marktplatz, wo die Straße Auf dem Römer beginnt. Verlässt man die Straße Auf dem Römer bei der Apotheke in Richtung Schwabendorf, so fällt sie ab. Das kurze Zwischenstück Auf dem Römer ist jedoch praktisch steigungsfrei und eben. Dazu erinnert sich Josef Czech, ein Zeitzeuge, dass 1966 durch Straßenbauarbeiten Erde zur Einebnung verschoben wurde, was eine wohl vorhandene Steigung beseitigte. Die Straße Auf dem Römer beginnt an der Kreuzung am Rathaus und endet, wie schon erwähnt, nach nur ca. 100 Metern vor der Apotheke an der Einmündung der rechts liegenden Borngasse und der Straße links Hinter der Mauer. Dieser Endpunkt ist die Stelle, an der früher einmal eines der vier Stadttore, das Albshäusertor, stand. An dieses Tor erinnern heute nur noch eine mit einer Steinkugel versehene Säule aus Buntsandstein (an der Ecke des „Becker’schen Gartens“) und eine Informationstafel.

 

Informationstafel zum Albshäuser Tor

Vier Gassen münden in Auf dem Römer: talwärts die Rosengasse und die Borngasse und bergwärts die Pfaffengasse und die Straße Hinter der Mauer. Insgesamt stehen auf der linken wie auf der rechten Straßenseite je sechs Häuser. In der Mehrzahl handelt es sich um Fachwerkbauten in Rähmbauweise (auch „Stockwerksbau“ genannt). Neben verputzten Häusern gibt es auch solche mit Kunststoff- und Eternitplatten, die die Fassaden schützen (auch dieses war einmal „preiswert“ und „modern“). Bei drei Fachwerkbauten (Nr. 2, 3, 12) können wir auf den das erste Obergeschoss tragenden Balken Inschriften lesen, die den Namen der Erbauer und des Baumeisters sowie die entsprechende Jahreszahl wiedergeben. Das waren zur damaligen Zeit sicher Zeichen eines guten Selbstbewusstseins und Stolzes der Erbauer. So finden wir bei Haus Nr.12: „Tobias Merle und Helena dessen Ehefrau gebohrene Bromm haben dieses Haus Erbaut Aufgericht durch den Zimmermeister Johannes Volland im Jahr 1800 den 1ten Mey“ Das jüngst renovierte Haus Nr. 5 hat im Jahr 2007 in seinen Gefachen etliche symbolträchtige Motive erhalten. Die gekonnt ausgeführten Arbeiten erinnern an viele im hessischen Hinterland übliche Kratzputz-Verzierungen. Heute liest man über dem Geschäfts-Eingang: „Vom Handwerk kann man sich zur Kunst erheben.“ Leider ist das „Damm’sche/Schmidt’sche“ Haus (Nr. 3) – ein prächtiger Fachwerkbau – seit einigen Jahren nicht mehr bewohnt, darbt vor sich hin und steht zum Verkauf. Ein Käufer fand sich bis heute leider nicht. Im Haus Junker Nr. 4, so wird berichtet, hatten sich 1945 nach der Kapitulation die Alliierten mit einer belgischen Gruppe für nur kurze Zeit eingerichtet. Auch vom Haus Nr. 11 gibt es etwas zu berichten. So erfuhren wir von einem Zeitzeugen, dass sich in einem kleinen Holzvorbau eine Bandsäge des Stellmachers und Wagners Wilhelm Seibert befand, mit der er Auftragsarbeiten ausführte. Um 1966 wurde der Vorbau bei den Straßenbauarbeiten abgerissen und die Bandsäge verkauft. Wie auch in den anderen Stadtvierteln stehen die Häuser bis auf eine Ausnahme eng beieinander. Nur zwischen den Häusern Nr. 8 und 10 befindet sich der Hauseingang seitlich in einem etwas breiteren Durchgang. Die kleinen Zwischenräume (nur ein geringer Brandschutz) sind heute durch Holztore verschlossen. Ställe und Scheunen wurden von der Rückseite erreicht. Auf dem Römer war und ist eine wichtige Durchgangsstraße, in der sich neben Gewerbe- auch Handwerksbetriebe befanden und befinden. Die Bürger profitierten früher von der Arztpraxis im Henkel’schen Haus (heute Praxis Doss), einer Zahnarztpraxis Wolf in 1. Obergeschoss im selben Haus, der Gastwirtschaft Gamb-Maikranz, Lebensmittel Müller (mit Eingang Auf dem Römer), der Bromm’schen Kohlehandlung (in der es auch Textilwaren, Töpfe und Lebensmittel gab, – hier war später der Tante-Emma-Laden der Frau Junker, an den sich noch viele der heutigen Rauschenberger erinnern), dem Metzger Konrad Gamb und der Bäckerei Konrad Fischer. Die Handwerker waren der Stellmacher Ludwig Seibert, der Schneider Konrad Klingelhöfer, der Schuster „Doppel-Seibert“, der Stellmacher und Wagner Wilhelm Seibert und der Drechsler Heinrich Merle. (Wissemann 1998, S. 6 ff.) Heute ist die Straße durch die Bäckerei Bubenheim, die Metzgerei Gelach, die auch die Gaststätte „Vesper- Klause“ betreibt, die Arztpraxis Doss und das Raumausstattungs-Geschäft Jesberg belebt. Erstaunlicherweise stehen trotz des Autoverkehrs Sitzmöglichkeiten vor den Geschäften, die auch regelmäßig genutzt werden.

 

Werbetafel

 

Borngasse

 

Borngasse Schild

Borngasse

Dort, wo die Straße Auf dem Römer in die Albshäusertorstraße übergeht, biegt rechter Hand die Borngasse ins Tal ab. Die beiden ersten Häuser, rechts eine Arztpraxis und links eine Apotheke, gehören nicht zur Borngasse, sondern zur Straße Auf dem Römer bzw. zur Albshäusertorstraße. Die Gasse verläuft mit leichter Biegung nach rechts und in stets gleichmäßigem Gefälle, bis sie nach ca. 200 Metern am Philipps-Kump die Marktstraße erreicht. Parallel zur Gasse verlief früher auf der linken Seite die Stadtmauer, die (vgl. Klingelhöfer 2001) bis ca. 1897 existierte. Zeitzeugen berichten, dass noch vorhandene Rest- Mauerstücke 1934 abgetragen wurden. Bis zum Abbruch der Stadtmauer gab es einen schmalen „Mauerweg“ hinter den Häusern. Von diesem Weg gibt es heute im Viertel IV nur noch das in obiger Zeichnung angeführte Teilstück, das von Haus Nr. 1 bis Haus Nr. 7 – holprig und steinig – zu begehen ist. Ob die Mauer auch einmal von der Borngasse aus einen Durchlass zum Viehmarkt hatte, ließ sich nicht klären. Zeitzeugen erinnern sich nur daran, dass sie den Viehmarkt über einen Weg zwischen den Häusern Nr. 13 und 15 erreichten. Auf der rechten Seite der Gasse zweigen die Milch- und die Rosengasse ab. Und am Ende der Gasse findet sich der Ausgang der „Fohrt“ (s. Abb. 6); sie wird bei der Rosengasse erläutert.

 

Borngasse Blick

Bis zum Jahr 2012 war die Borngasse die letzte „richtig“ gepflasterte Kernstadtstraße, die Autofahrer wegen ihrer „Hubbel“ und Schlaglöcher nur vorsichtig befahren konnten. Seit Sommer 2012 hat sie im Zusammenhang mit der Straßensanierung in der Kernstadt ein neues Aussehen: mit Basaltsteinen gepflasterte Seitenstreifen und eine geteerte Fahrbahn. Bei der Frage, woher die Gasse ihren Namen hat, ist zu vermuten, dass er auf die beiden am Anfang und am Ende der Gasse liegenden „Wasserstellen“ zurückgeht. Am Anfang lag früher der heute nicht mehr existierende „Stadtborn“ und am Ende der noch vorhandene „Philipps-Kump“. Im Ort wurde die Borngasse auch „Schinnersgasse“ genannt. Woher dieser Name kam, war von uns nicht zu klären.

 

Ausgang aus der Fohrt

Wie sieht es mit den Häusern in der Gasse aus? Heute haben wir 18 bewohnte Häuser, von denen das älteste das mit der Nr. 3 aus der zweiten Hälfte des 17. Jahrhundert stammt. Es ist wohl kurz nach dem Dreißigjährigen Krieg errichtet worden. Bei den Häusern spiegelt die Borngasse die allgemeine baugeschichtliche Entwicklung ab 1900: Bestand, Abriss und Neubau. Beim Bestand handelt es sich um Fachwerkhäuser (teilweise mit Eternit verkleidet oder geschindelt), dazu kommt der Buntsandsteinbau des ehemaligen Amtsgerichtsgefängnisses1 aus den 50er Jahren des 19. Jahrhunderts. Aber es gibt auch Neubauten: ein älteres (Nr. 15) und jüngere (die Nr. 17a und 23a). Bei den Letzteren haben die Kinder auf den Grundstücken ihrer Eltern ihr eigenes Haus gebaut. Aus den beiden Häusern 9 und 11 wurde ein Haus mit der Nr. 9. Abgerissen wurde das Haus Nr. 6, das einem Parkplatz des Eigentümers gewichen ist. Sicher ist positiv zu bemerken, dass es heute in der Borngasse keine „Leerstände“ gibt, bedenklich stimmt jedoch, dass z.Zt. sechs Häuser von nur jeweils einer Person bewohnt werden. Zwischen, an und hinter den Wohnhäusern gibt es auch heute noch etliche Nebengebäude, die früher Stall und Scheune beherbergten. Es gab in der Borngasse zwei Häuser mit Ställen „unten“ und Wohnräumen „oben“. Aber diese Zeiten sind vorbei. Heute erkennt man die ehemaligen „Misteplätze“ manchmal noch an kleinen Mauern. Die Borngasse war die Straße der einfacheren Leute, die Berufen mit geringem Erwerb nachgingen. In der Kirchenchronik vom Ende des 19. Jahrhunderts werden für die Borngasse folgende Berufe genannt: zwei Fuhrleute, zwei Leineweber, zwei Schuhmacher, zwei Schneider, ein Metzger und ein Küfer. Für die 1930er Jahre nennt Wissemann (Wissemann 1998, S. 6 ff.) die Schreinerei Jakob Hebeler, die Schuster Damm und Konrad Balzer, den Schneider Seibert, den Stellmacher Seibert sowie den Küfer Moll. Heute müssen die Bewohner „ihr Geld“ außerhalb der Stadt verdienen. Auch diese Zeiten haben sich geändert.

 

1 Dieses Gebäude wird in „Das Amtsgerichtsgefängnis in Rauschenberg (1855 – 1932)“ gesondert vorgestellt.

 

Darüber, wie es früher zuging, informiert die folgende Abbildung.

 

Vorgang früher

 

In dem mit Schindeln verkleideten Haus Nr. 1 kann man in etwa Kopfhöhe einen leicht zu übersehenden Sachverhalt entdecken. Da ist etwas ausgesägt worden. Und die Erklärung? Hier befand sich früher eine Schreinerei. Direkt hinter der Hauswand war die Küche und im Anschluss war die Werkstatt. Lange Bretter wurden hier von der Straße aus hineingeschoben und über den Küchenherd hinweg zur Werkstatt geführt, wo sie „gesägt“ werden konnten. So informierte uns der Zeitzeuge Heinrich (Henner) Wissemann, der in dieser Schreinerei gelernt hat. Und was gibt es sonst noch von der Borngasse zu berichten? Da haben wir einiges erfahren: Vor der Apotheke und dem Haus Nr. 1 gibt es das sogenannte Hatte- oder Herreplätzchen. „Herre“ soll von „Hirten“ kommen. Prüser erwähnt neben anderen Hirtenhäusern (hier schliefen die Hirten) in Rauschenberg auch „ein Hirtenhaus vorm Albshäuser Tor“. (Prüser 1966, S. 248) Später, bis in die 1950er Jahre, war es ein Spielplatz für Kinder mit Sandhaufen und einem größeren Stein oder Trog in der Mitte. Heute hat sich das „Plätzchen“ zum städtischen „Parkplatz“ gewandelt. Der zweite Platz (s. Straßenskizze) ist die „Hofstatt“. Der Name klingt „herrschaftlich“, woher er jedoch kommt, ist unklar. Es handelt sich um einen quadratischen Platz, vielleicht 20 m mal 20 m. Der Name „Hofstatt“ ist schon 1889 bei Bromm zu finden: „...in der Borngasse stehen dem Gefangenenhause gegenüber, zwei kleine Häuser, hinter denen ein leerer Platz ist, welcher die ‚Hofstatt’ genannt wird.“ (a.a.O., S. 36) Obwohl die Bezeichnung „Hofstatt“ nicht offiziell existiert, tauchte sie, so haben wir im Rathaus erfahren, noch in den 1950er Jahren in Bauakten auf. Und weiter: Zwischen den Häusern 3 und 5/7 gibt es, auf den ehemaligen „Mauerweg“ zu, einen sehr geräumigen Platz, der früher wohl für die Scheunennutzung so großzügig angelegt wurde. Ab den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts hatte man nach dem Abriss von einigen kleineren Nebengebäuden von diesem Platz aus freien Blick auf das heutige Roßmeier’sche Anwesen (früher Propfe), die sogenannte Ziegelhütte. Wenn für das Vieh auf diesem Hof gehäckselt werden musste, lief auf dem freien Platz hinter der Scheune ein Pferd im Kreis und bewegte dadurch ein Rad, das wiederum in der Scheune einen sogenannten Göpel-Antrieb für das Häckseln in Betrieb setzte. Die Borngasse war eine schmale Gasse, weswegen in einer Kurve das „störende“ und inzwischen abgerissene Haus mit einem überkragenden Giebel gebaut wurde, damit die Erntewagen die Kurve passieren konnten.

 

Beengte Borngasse

Bei der Borngasse gab es ein Gässchen, das sogenannte „Stiehl’s Gässchen“, das auch heute noch als Abkürzung von der Borngasse an der Hofstatt vorbei zur Milchgasse dient. Seinen Namen hat es wohl von der Familie Stiehl, die das Haus gegenüber von Borngasse Nr. 17 bewohnte. Bei unseren Gesprächen mit den Zeitzeugen wurden neben den „offiziellen“ Namen auch immer wieder die Dorfnamen genannt. Einige dieser Namen erklären sich von selbst, bei anderen ist jedoch die Herkunft unklar. Hier für die Borngasse einige Beispiele zur Illustration: Eine Familie Seibert war die „Dolle Reins“, eine andere Familie mit gleichem Nachnamen die „Dulluluds", da gab es die „Vizes“ (Vizebürgermeister), den „Taubenkarl“, den „Haupt-Schein“, die „Baddewins“ (Badouins) oder die „Käse-Butters“. Diesen Dorfnamen und ihrer Geschichte nachzugehen, wäre eine spannende Aufgabe.

 

Zeichen

Rosengasse

 

Rosengasse Schild

Rosengasse

Die erste Gasse, die von Auf dem Römer nach Osten ins Tal abbiegt, trägt den schönen Namen Rosengasse. Woher der Name kommt, war nicht zu klären.1 Eine nicht unplausible Erklärung wird am Ende beschrieben.

 

1 Gepflegte Vorgärten haben wir gesehen, aber keine Rosen. Dass die Rosengasse, wie uns alte Rauschenberger erzählten, auch die „Hertingshäuser Allee“ genannt wurde, ist wohl darauf zurückzuführen, dass einige junge Frauen aus Hertingshausen durch Heirat nach Rauschenberg in die Straße mit dem schönen Namen Rosengasse gezogen waren, wie das Schicksal spielt.

 

Die Gasse fällt talwärts leicht ab und mündet nach ca. 150 m auf die vom Eingang der Rosengasse her sichtbare Borngasse. Geht man die Rosengasse talwärts, so fallen am Eingang rechts und links zwei große Häuser auf, die ihren Hausnummern nach zwar zu Auf dem Römer gehören, deren Hauseingänge jedoch, z.T. nach etlichen Umbauten, in der Rosengasse liegen. Nach ca. 50 Metern mündet auf der linken Seite die kleine Milchgasse ein. Auf der rechten Seite führt ein unbefestigter Querweg zu Marktstraße. Hier befanden sich auf dem heutigen freien Platz die inzwischen abgerissenen Betriebsgebäude und Scheune der Malerfamilie Kurz und auf dem Weg selbst der „Entenpfuhl“. Eine Entenschar soll früher hier gehalten worden sein, die eine mehr oder weniger gefüllte Wasserpfütze nutzte. Dieses Areal muss wohl morastig gewesen sein; ein Zeitzeuge berichtet, dass die Kühe, wenn sie nach einem Regenschauer hindurch mussten, anschließend „schwarze Stiefel“ gehabt hätten. Wenige Schritte weiter biegt rechts ein schmaler Durchgangsweg zur Markstraße ab, der dicht von Haus- und Gartenmauern abgegrenzt wird: früher „Heckerts Winkel“, heute „Kreylings Winkel“ genannt. Auch heute wird dieser Winkel als Abkürzung von der Marktstraße zur Rosengasse genutzt. Und wieder einige Schritte weiter geht rechts eine Gasse ab, die so schmal ist, dass sie gerade die Breite eines „Fuhrwerks“ hat. Dieser Weg wird die „Fohrt“ genannt. In heutiger Sprache handelt es sich um einen Versorgungsweg zu Scheunen und Ställen der anliegenden Häuser. Die „Fohrt“ war wirklich sehr schmal. Sie biegt nach ca. 30 Metern fast rechtwinklig zur Borngasse ab. Eng stehen hier die Gebäude, und um, um die Biegung zu kommen, war an der Kurve das Erdgeschoss zum Unterschied zum Obergeschoss zurückversetzt gebaut, so dass die Wagen die enge Kurve nehmen konnten. (S. Abb. 8.) Die „Fohrt“ hatte noch eine Besonderheit: Sie war eine Einbahnstraße: „Oben rein, unten raus“ war die Regel, die angesichts der Straßenbreite sicher sehr sinnvoll war.2

 

Scharfer Knick in der Fohrt

In der Rosengasse gab und gibt es nur wenige Wohnhäuser. Talwärts finden wir rechts zwei mit den Hausnummern 2 und 4 sowie zwei Scheunen. Links finden wir fünf Häuser mit den Nummern 1, 3, 5, 7 und 11. Da stellt sich die Frage, wo das Haus Nr. 9 geblieben ist. Die heutige Situation zeigt uns Abb. 9. Dort, wo früher das Haus Nr. 9 stand, befinden sich heute drei Garagen. Und vorher? Vorher stand hier die Synagoge der Rauschenberger Juden, die, wie einigen Quellen3 zu entnehmen war, um 1858 erbaut wurde. Wie mag sie damals ausgesehen haben? Wir haben ein Bild der Rosengasse gefunden, das um 1930 die Häuser Nr. 7, 9 und 11 zeigt. (S. Abb. 10.) Ein Vergleich der Balken des Fachwerks auf den beiden Abbildungen bestätigt: Das mittlere Haus war die Synagoge in Rauschenberg. Was wissen wir von dieser Synagoge? Schneider informiert mit einigen Details:

 

2 Der Ausgang der „Fohrt“ ist bei der Borngasse in der Abb. 6 wiedergegeben.

3 Beispielsweise Seibel / Trost 1991, S. 51

 

Synagoge

„Das Synagogengebäude mit der Hausnummer 204 besaß eine Größe von 7,7 auf 8,7 m; daneben besaß die jüdische Gemeinde im Jahre 1890 auch ein sog. ‚Betehäuschen’ (Hs. Nr. 232), das aber vor 1923 schon abgebrochen war. Aus den Jahren 19l0 – 1922 datiert ein ‚Sammelfond zum Synagogenbau’, in dem alle Spenden und Ausgaben aufgeführt sind. Er schließt im Oktober 1922 mit einem Guthaben von 5466 Mark und war wohl für anstehende Umbaumaßnahmen gedacht.“ (Schneider 2006, S. 172) Die in diesem Zitat erwähnte „alte“ Hausnummer 204 entspricht der heute nicht mehr existierenden Hausnummer 9. Und das Betehäuschen mit der alten Hausnummer 232 muss außerhalb der Stadtmauern gelegen haben. Ob der von Schneider erwähnte Umbau stattgefunden hat, wissen wir nicht. Die Pogromnacht im November 1938 hat die Synagoge unbeschadet überstanden. Ältere Rauschenberger berichten, dass Bürgermeister Moll, Stadtdiener Löwer und Anwohner mögliche Absichten verhindert hätten. (Wie würde wohl ein Brand in diesem engen Häuserbestand gewirkt haben?) Über das weitere Schicksal der Synagoge schreibt Schneider (a.a.O.): „Das Gebäude gelangte nach Erhebung des Marburger Landratsamtes vom 21. Mai 1946 im Jahre 1939 durch Verkauf in private Hände und diente danach zu Wohnzwecken. Nach dessen Abbruch wurden auf der Baufläche drei Garagen errichtet.“ Diese in der Mitte des 19. Jahrhunderts errichtete Synagoge war nicht die erste Synagoge in Rauschenberg. Schon im Jahre 1604, so informiert Schneider, gab es „Schutzjuden“. (a.a.O., S. 167) Als die Zahl der jüdischen Bewohner zunahm, gab es auch eine Synagoge. 1753 befanden sich im Hause von Isaak Katz die Synagoge und Schule. (Eine genauere Ortsangabe war nicht zu finden.) Sie wurde noch 1802 auch von Halsdorf und Wohra aus besucht. (Vgl. Schneider, 169.)

 

Der Name Rosengasse

 

Milchgasse

 

Milchgasse Schild

Milchgasse

Geht man von der Apotheke aus die Borngasse hinunter, so zweigt nach ca. 30 m die Milchgasse rechts ab. Woher der Name kommt, ist unklar. Die Vermutung, es habe hier früher eine Milchbank oder eine Milchsammelstelle gegeben, trifft jedoch – so haben uns die Anwohner informiert – nicht zu. Bis in die 1950er Jahre gehörte die Milchgasse zur Borngasse, wie aus den Bauakten jener Zeit hervorgeht und wie Zeitzeugen berichten. Die Milchgasse ist eine ca. 50 m lange Gasse, die in die Rosengasse mündet. Wohnhäuser stehen nur auf der linken Seite. Von den fünf Häusern hat eins ein sichtbares Fachwerk, die anderen sind verkleidet. Zwischen den Häusern Nr. 8 und 6 führt das bei der Borngasse erwähnte „Stiehls Gässchen“ zur „Hofstatt“ und dann weiter zur Borngasse. Die rechte Seite weist Bauten aus, die kaum mehr ihre ehemalige Nutzung vermuten lassen. Es handelt sich um frühere Scheunen und Ställe der Häuser von Auf dem Römer. Die Bewohner der Milchgasse hatten also auf der anderen Straßenseite keine direkten Nachbarn, sondern nur deren Zufahrten zu Ställen und Scheunen. Wie sich die Verhältnisse in einem halben Jahrhundert geändert haben, zeigen die folgenden Abbildungen. In der Abb. 11 sieht man das um 1650 erbaute Haus Nr. 8 so, wie es um 1950 aussah. Die nachfolgende Abbildung zeigt das Haus in seinem heutigen Zustand.

 

Milchgasse Haus Nr 8

Das Amtsgerichtsgefängnis in Rauschenberg (1855 – 1932)

 

Geht man die Borngasse von Auf dem Römer hinunter, so fällt nach wenigen Schritten auf der linken Seite ein großes aus Buntsandstein gebautes Haus auf, das sich von den Häusern der Umgebung, vorwiegend alte Fachwerkhäuser, deutlich abhebt: das ehemalige Rauschenberger Amtsgerichtsgefängnis. Gefängnisse in Rauschenberg und ein „Amtsgerichtsgefängnis“? Erfreulicherweise gibt es eine veröffentlichte Recherche zu diesem Themenkreis, auf die im Folgenden immer wieder zurückgegriffen wird. 1 „Richterliche Einrichtungen“ sind in Rauschenberg schon von Anfang an verbürgt. So berichtet Bromm, dass es schon um 1260 Schöffen in Rauschenberg gegeben habe. (Bromm 1889, S. 23) Viel später muss es ein „Justizamt“ gegeben haben, das 1866 mit der Annektierung Kurhessens durch Preußen ein „Amtsgericht“ wurde. (Kolling 1989, S. 20) Gerichtsbarkeit und Gericht und die Gefängnisse? Über die „Haftlokale“ findet man bei Seibel und Trost zusammenfassend: „Als Haftlokal diente bis zum 17. Jahrhundert ein Raum im Stadttor, vermutlich im ‚Neuen Tor’. Seit dem 18. Jahrhundert wurden die Festgenommenen im Turm des ‚Albshäusertores’ und in einem Gebäude unmittelbar daneben inhaftiert. Später wurden Gefängnisräume in einem Haus in der Kraftgasse eingerichtet; das Gebäude wurde aber wegen seines schlechten Zustandes abgerissen.“ (Seibel/Trost 1991, S. 49) Zu dem „schlechten Zustand“ zitiert Kolling aus einem Schreiben des Rauschenberger Justizamtmanns Johann Christoph Wangemann der Kurfürstlichen Regierung vom Februar 1816: „Es befinden sich nämlich hier folgende Behälter, die Gefängnisse heißen sollen. Das Hauptgefängnis ist zu des Amtmanns Stippius Zeiten auf der Erde, nahe am Thore an der Hauptstraße der Stadt angelegt worden. Dies mag der Landesherrschaft viel gekostet haben, indes ist die Anlage gar übel angebracht. Außerdem daß es einen ganz unschicklichen, dem frequentiertesten Platz der Stadt, wo gleich der schäusliche Anblick der Gefangenen und Gefängnisse auffällt, angelegt, ist es ein einzelnes daneben ungesundes Gefängnis; auch sind schon oft vermittelst des Ofens gefährliche Kerls daraus entsprungen.“ (Kolling 1989, S. 21)

 

1 S. Kolling, Hubert (1989). Dieser Beitrag wurde von den heutigen Eigentümern initiiert, die mehr über die Geschichte ihres Hauses erfahren wollten.

 

Und einige Jahre später (1821) schrieb der Baumeister Arend an die Regierung in Kassel. Aus seinem Schreiben die folgende Passage: „Innerhalb der Stadt neben dem Albshäuser Thore ist ein steinernes Gefängnis, aus einem Behälter bestehend, es liegt aber so tief auf der Erde, daß einem Gefangenen darinnen von außen alles zugereicht, und daß mit demselben gesprochen werden kann.“ Obwohl der Raum „innen ruiniert“ sei, könne er immerhin geheizt werden. Über das zweite Gefängnislokal, das „oben auf dem Thurm des unten sehr baufälligen Albshäuser Stadtthores“ lag, wird gesagt, „es ist gar nicht zweckmäßig und kann nicht bewohnt werden.“ (a.a.O.) Da entschied sich der Kurhessische Staat für einen Neubau. Kolling ist zu entnehmen: 1843 kaufte er von dem Rauschenberger Wasenmeister Valentin Rathmann dessen „Auf der Hofstätte“ (ein Flurname) liegende Haus- und Hofreite mit einem Garten dabei. „Das Areal von 6 ar 10 m2 und das darauf stehende Haus hatte damals einen Steuerwert von 30 Gulden. Das für den Neubau vorgesehene Gelände lag in der Borngasse Haus Nummer 255 (heute Borngasse 13) ..., knapp zwei Gehminuten von den Geschäftsräumen des Amtsgerichts entfernt.“ (a.a.O., S.22) Dieses Haus wurde 1846 abgebrochen und an anderer Stelle wieder aufgebaut. Konkrete Angaben zum Neubau hat Kolling bei seiner Archivrecherche nicht gefunden. Der einzige Hinweis auf die Fertigstellung des neuen Gebäudes lässt sich aus dem Kataster der Stadt Rauschenberg entnehmen. Dort findet sich im Jahr 1855 der Eintrag: „Wohnhaus, worin das Gefängnis, Holzschuppen und Hofraum“. (a.a.O.) Den alten Lageplan haben wir Kolling (a.a.O., S. 23) entnommen:

 

Lageplan Amtsgerichtsgefängnis

Das neue Gefängnis war ein wuchtiger zweigeschossiger Bau aus Bruchsteinen mit einer großen Geschosshöhe und einer Mauerstärke bis zu einem Meter, der sich früher sicher von den ihn umgebenden kleineren Fachwerkhäusern deutlich abhob. Alle vier Ecken weisen von unten bis unters Dach reichende versetzt gemauerte Eckkanten auf, wie sie den Rauschenbergern von der Kirche her geläufig sind. Ein umlaufender Fries unterhalb der Fenster der ersten Etage sowie die schönen Tragsteine des Daches fallen auf. Früher hatte das Haus eine aus je 16 Stufen bestehende Doppeltreppe, von der eine Hälfte jedoch in den 1970er Jahren abgebrochen wurde. Das Aussehen (vermutlich um 1927) zeigt folgende Kolling (a.a.O., S. 24) entnommene Abbildung.

 

Amtsgerichtsgefängnis

Das nur teilweise unterkellerte Erdgeschoss bewohnte der „Gerichtswachtmeister“ mit seiner Familie. Das Geschoss bestand aus einer Kammer, einer Stube und der Küche; hier war auch der „Dienstraum“ für das Gefängnis. Die Gefängniszellen befanden sich neben Wohnräumen in der 1. Etage auf der Rückseite des Hauses. (So konnten die Insassen keine unerlaubten Kontakte zur Außenwelt auf der Straße aufnehmen.) Was die Anzahl der Zellen angeht, gibt es unterschiedliche Informationen: Eine Quelle spricht von zwei, eine andere von vier Zellen. (a.a.O., S. 23) Wie Zeitzeugen berichten, gab es aber nur zwei Zellen – der Grundriss des Hauses lässt es vermuten –, und es handelte sich um keine „Isolationshaft“, da oft die Mittagsmahlzeit von den Einsitzenden gemeinsam mit den Hausbewohnern in der Küche eingenommen wurde. Der unterkellerte Teil diente als Kohlenraum und als Stall und das Dachgeschoss als Vorratsraum, der auch eine Räucherkammer enthielt. Ein Bad war nicht vorhanden, und eine elektrische Beleuchtung gab es bis 1927 nur im Dienstraum, geheizt wurde mit Kanonenöfen und Dauerbrennern. (a.a.O.) Zu dem Anwesen gehörten noch ein Dienstgarten und ein Holzschuppen hinter dem Hause. Ein beeindruckender Bau, der aber dennoch Mängel aufwies. Kolling berichtet von Klagen über die „Feuchtigkeit der Dienstwohnung“ und über „Kälte“. (a.a.O., S. 24.f.) 1931 wurde – wie die Argumente den heutigen gleichen – aus Kostengründen das Rauschenberger Amtsgericht aufgelöst und1932 nach Kirchhain verlegt. Das Gefängnis wurde geschlossen. Bis in die 1950er Jahre blieb der Justizwachtmeister Diebner in dem Haus wohnen und zahlte nach dem offiziellen Kassenbuch im Jahr 1948 320 RM Miete. Damit endet die „offizielle“ Geschichte des Rauschenberger Amtsgerichtsgefängnisses. Den weiteren Verlauf beschreibt Kolling (a.a.O.): „Im Oktober 1945 waren die beiden Zellen zur Linderung der Wohnungsnot beschlagnahmt und in ihnen eine Familie mit vier Kindern untergebracht worden. Deshalb wurden auch auf Anordnung des Regierungspräsidenten dann im Dezember 1946 die recht kleinen Zellenfenster durch normale ersetzt und die Gitter vor den Fenstern entfernt. Am 1. Juli 1947 ging die Verwaltung des ehemaligen Gerichtsgefängnisgebäudes auf das Finanzamt Marburg über.“ Und 1955 kaufte die Stadt Rauschenberg das Haus vom Finanzamt und machte daraus Mietwohnungen. Einige Jahre später wurde das Haus an Privatleute verkauft. Das waren zunächst Willi Benner und Ehefrau Gerda, geb. Werner, und Johannes Heinrich Hammer; dann (1976) war Walter Heinrich Bretthauer der Eigentümer, der im gleichen Jahr von Katharina Bretthauer, geb. Carl, abgelöst wurde. 1977 kauften die heutigen Eigentümer das Haus.

 

Anekdote aus der Gegenwart

 

Blick über die Mauer: „Hinter der Stadt“

 

Geht man die Markstraße talwärts, so münden links die Borngasse, rechts die Blaue Pfütze ein. Danach kam früher die Stadtmauer mit dem Neuen Tor. Wenige Schritte weiter biegt heute rechts Auf der Neustadt ab und links Hinter der Stadt. Diese Straße verläuft, in etwa parallel zur ehemaligen Stadtmauer und zur Borngasse, hoch zur Albshäusertorstraße. Zwar schreibt Bromm dazu: „Der außen um die Stadt her vom Albshäuser Thor bis nach der neuen ‚Pforte’ ziehende breite Weg, ‚Hinter der Stadt’ genannt, ist eine Anlage erst aus unserm Jahrhundert und nicht etwa ein stehen gebliebenes Stück einer alten ‚Schaar’ oder ehemaligen ‚Damm’s’ “. (Bromm 1889, S. 38) Dennoch hat diese Straße aus unterschiedlichen Gründen eine sehr bewegte und für Rauschenberg wichtige Vergangenheit. Nach einigen Schritten in die Straße hinein fällt auf der rechten Seite eine alte Scheune (Abb. 15) auf.

 

Judenscheune

Hier befindet sich ein Teil des „Scheunenviertels“ 2. Scheunenviertel? Was bedeutet das? Im Mittelalter waren Scheunenviertel außerhalb der Stadtmauern eine Möglichkeit, sich gegen verheerende Stadtbrände zu schützen, deren Ursache vor allem an der Bauweise innerhalb der Stadtmauern lag: Haus an Haus, dicht gedrängt, viel Fachwerk und oft strohgedeckte Dächer. Auch Rauschenberg wurde von diesen Feuersbrünsten mehrfach heimgesucht. So schreibt Merian in seiner „Topographia Hassiae“: „Diese Stadt ist von Brant verseert worden. 1266. 1507. 1515. 1529.“ (Merian 1655, S. 113) Dem versuchte schon 1524 der Landgraf Philipp von Hessen mit einer Feuerordnung Abhilfe zu schaffen. Dazu finden sich bei Trost einige Hinweise: Die Städte sollen sich bemühen, die Scheunen außerhalb zu bauen. Dabei sollten sie den Eigentümern helfen. Nur, wo es nicht möglich sei, möge man es unterlassen. Die Fachwerkhäuser sollen einen Lehmputz erhalten und mit Ziegeln3 gedeckt werden, wobei jeder vierte Ziegel auf Kosten der Stadt gehen solle. Neue Strohdächer seien verboten. Wer dennoch eins errichte, sei unnachlässig zu bestrafen. (Vgl. Trost 1996, S. 1 f.) Die Umsetzung dieser Feuerordnung stieß aber wohl auf Schwierigkeiten. So berichtet Prüser, auf der großen Landesvisitation 1666 habe sich der Burgmann Curt von Weitershausen beschwert: „...daß viel zu viele Strohdächer in der enggebauten Stadt seien und Scheuern ‚schwarz’ gebaut worden, obwohl sie nach den Vorschriften an ihrem Rande stehen sollten“. (Prüser 1966, S. 6.) Erst am Ende des 18. Jahrhunderts findet sich an anderer Stelle: „Die Strohdächer sind bis auf zwei vor den Toren stehenden Scheunen bis jetzt alle abgeschafft und wird es dem Magistrat bei seiner unendlich sich viel machenden Mühe diese auch in aller Kürze abzuschaffen noch gelingen.“ (Stock o.J., S. 8 f.)

 

1 Auf diese Scheune wird weiter unten noch einmal eingegangen.

2 Da auch an anderen Stellen Scheunen vor die Mauer verlagert wurden, s. beispielsweise in der Albshäusertor straße, Auf der Neustadt, in der Jahnstraße usw. könnte man eher von einem „Scheunenkranz“ sprechen.

3 Von den „Ziegeln“ wird unten noch einmal die Rede sein.

 

Das Scheunenviertel ist auf der Federzeichnung (s. die Abb. auf S. 6) von Wenzel Hollar (um 1628) links unten gut zu erkennen Zum Scheunenviertel gehörten 1788, so Prüser , „69½ ‚separate’ Scheuern.“ (Prüser 1966, S. 252) Das Rauschenberger Scheunenviertel war im Dreißigjährigen Krieg Ziel eines schwedischen Angriffs. Bei Bromm findet sich folgende Schilderung: „Da wurde plötzlich, im Herbst 1639, diese tödliche Ruhe unterbrochen. Der 30. September dieses Jahres wurde zum großen Unglückstag für das Städtchen. Wir haben keine Augenzeugenberichte; aber so viel wissen wir, daß schwedische Völker vor der Stadt erschienen. Ihr erstes Angriffsziel und ihr erstes Opfer waren die Scheunen, genauso, wie es die Marburger Regierung vorausgesagt hatte. Als dann der Sturm begann, waren die vernachlässigte Befestigung und die kleine Besatzung dem Angriff auf die Dauer nicht gewachsen, so tapfer sich diese auch verteidigen mochte. ... Es wird erzählt, daß Rauschenberger Frauen schon bei Beginn des Kampfes versucht hätten, das Feuer in den Scheunen zu löschen.“ (Bromm 1889, S. 128) Vor dem Verlassen des Scheunenviertels sei noch einmal auf die Judenscheune (s. Abb. 15) verwiesen. Sie wurde 1779 von Isaak Katz erbaut: „Ein stolzer Fachwerkbau mit einem hohen Ständerunterbau und einem aufgesetzten Rähmgeschoss mit profiliertem Überstand“, so haben wir beim Besuch des Amtes für Denkmalschutz in Marburg erfahren. Der Geschossvorsprung über dem Scheuneneingang birgt eine Überraschung: Dort ist auf dem Querbalken über dem Tor eine Zeile in deutscher und hebräischer Schrift eingeschnitzt, die sich über den gesamten Balken bis zur Hausecke erstreckt. Bei einem Rundgang 1985 waren, wie Abb. 16 zeigt, die Buchstaben noch recht gut lesbar; heute ist das nicht mehr der Fall. Aber Aufschluss fand sich in „Rauschenberg: ein historischer Stadtführer“, der 1999 von Jacobi geschrieben wurde. Die Autorin hat damals die deutschen Buchstaben der Inschrift festgehalten. Sie lauten: „DISE SCHEIER HAT ISAAK KATZ UND REWECKA SEINE EHFRAU ER BAUT ANNO 1779“. (Jacobi 1999, S. 23) Weiter bergwärts Hinter der Stadt hoch sieht man nach wenigen Schritten auf der linken Seite das

 

Inschrift Eingang der Judenscheune

1955 auf dem Viehmarkt eingeweihte neue Gerätehaus mit Schlauchtrockenturm der Rauschenberger Feuerwehr. Zum Viehmarkt haben wir nur erfahren, dass hier früher mit Tieren gehandelt wurde. Aber dieser Platz hatte auch noch andere Funktionen. So war er, wie Zeitzeugen berichteten, bis zum Neubau der Schule im Jahr1955 in der „großen“ Pause der Schulhof der Kinder aus der unten erwähnten „alten“ Schule. Im letzten Kriegsjahr des II. Weltkriegs hat es hier „Luftschutzgräben“ für die Schulkinder gegeben. Und bis in die 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts war dieser Platz ein immer wieder genutzter „Festplatz“ für die Kernstadt. Wieder einige Schritte weiter steht auf der linken Seite die Gaststätte „Zur Ziegelhütte“. Ziegelhütte? Und damit sind wieder die oben erwähnten „Ziegel“ angesprochen. Zwar ist in Rauschenberg die inzwischen stillgelegte Ziegelei außerhalb der Kernstadt unweit des Hofes Zettrichshausen gelegene Fabrik bekannt, aber es gab schon früher eine städtische Ziegelhütte, die im Zusammenhang mit den oben erwähnten Stadtbränden errichtet wurde. So findet sich beispielsweise auf der Internetseite der Sarnauer Feuerwehr: „Mit staatlicher Hilfe wurden in Gemünden und Rauschenberg die ersten Ziegelhütten gebaut und im Jahr 1545 in Betrieb genommen.“ (Feuerwehr Sarnau, o.J.) Eine Zeitzeugin berichtet, dass einer ihrer Vorfahren, Nikolaus Bromm, der von Beruf Ziegelbrenner war, im Jahre 1830 das Anwesen mit Brennofen von der Stadt gekauft hat. Wann hier die letzten Ziegel gebrannt wurden, ließ sich nicht in Erfahrung bringen. Das Gelände um die Ziegelhütte hat aber auch eine noch ältere Geschichte. Hier soll sich früher ein „Kirchhof“ befunden haben. Dazu schreibt Bromm: „Auf diese Art konnte sich der alte Friedhof sehr lange behaupten und es ist nicht nöthig, anzunehmen, ein zweiter, auf dem Platze der jetzigen Ziegelhütte gelegen gewesener sei der spätere Stadtfriedhof gewesen, dieser war wahrscheinlich nur ein Nebenkirchhof des dreißigjährigen Krieges für verstorbene feindliche Einquartierung.“ (Bromm 1889, S. 71) Ähnliches findet sich bei Stock: „Der Totenhof unserer Vorfahren soll früher rechts zum Albshäuser Tor hinausgehend, auf demselben Platz wo jetzt die Ziegelhütte steht, gewesen sein. Bei Anlegung dieser Ziegelhütte hat man noch ganze Menschen-Skelette ausgegraben. Nach dieser höchst traurigen Periode ist er rechts vor das Schmaleicher Tor verlegt worden.“ (Stock o.J., S. 5) Am Ende von Hinter der Stadt befindet sich die alte Rauschenberger Schule. (S. Abb. 17.) Sie wurde in den Jahren 1827 bis 1828 auf dem ehemaligen Zimmerplatz der Stadt erbaut. (Vgl. Seibel/ Trost 1991, S. 43.)

 

Alte Schule

Heute dient sie „kommunalen Zwecken“. An der Eingangstür ist eine Erinnerungstafel an den ehemaligen Rauschenberger Lehrer und Heimatdichter Valentin Traudt angebracht.

 

Erinnerungstafel