04. Die Straßen des Viertels III

 

Die Straßen der Viertels III

Das Viertel III wird von der Schloßstraße, der Straße Auf dem Römer und der ehemaligen Stadtmauer eingegrenzt. Hier beschreiben wir die Schloßstraße, die Pfaffengasse und die Straße Hinter der Mauer. Die Straße Auf dem Römer wird im Viertel IV vorgestellt. Viertel III gehört, vor allem im Bereich der Schloßstraße, zu dem ältesten Teil der Stadt. Das „Koch’sche Haus“, ein altes „Burgmannenhaus“, wird gesondert beschrieben.

 

Rauschenberg Ansicht

Schloßstraße

 

Schloßstraße Schild

Schloßstraße

Die heutige Schloßstraße, die in der Karte von 1740 als Teil der „Marktgasse“ erwähnt ist und später „Obere Marktstraße“ genannt wurde, war eine der zentralen Straßen der Stadt. Sie führte vom Rathaus (Nr. 1) zum Koch’schen Haus (Nr. 18), eines der zwei Rauschenberger Burgmannen- Häuser, vorbei am Haus (Nr. 20) des lutherischen Metropolitans zur Kirche und dann durch das Oberthor oder Schloßtor den Berg hinauf zum Schloss. Diese zentrale Bedeutung hat die Schloßstraße inzwischen verloren. Sie ist heute mehr oder weniger eine Seitenstraße der Hauptdurchgangsstraße der Stadt, aber sie gehört immer noch zu den beeindruckendsten Straßen Rauschenbergs. Ihr

 

Schloßstraße Heute

Schloßstraße vom Rathausturm

 Bild ist nach wie vor durch sehenswerte alte Fachwerkbauten geprägt, von denen die meisten auf der rechten Seite dreigeschossig sind. Einige Häu ser zeigen eine ab den 1950er Jahren übliche Eternitverkleidung. Zu den wichtigen Gebäuden in der Straße gehört ohne Zweifel zunächst das Rathaus (Nr. 1). Dieses prächtige Fachwerkgebäude mit seinem achteckigen Turm wurde im 16. Jahrhundert gebaut. Bromm (s. Bromm 1889, S. 24) vermutet, dass der sich heute hinter dem Rathaus anschließende freie Platz der Marktplatz des alten Rauschenbergs gewesen sein könnte. Als 2010 der Rathausplatz neu gepflastert wurde, fand man in der Erde alte gepflasterte ebene Schichten, die diese Vermutung als richtig bestätigen könnten. Auf den heutigen Parkplatz hinter dem Rathaus mündet auf der linken Seite die Gasse „Auf dem Groth“(auch oberer Groth genannt), deren Geschichte im Viertel II erzählt wird. Auffällig ist rechter Hand das im guten Zustand befindliche stattliche Fachwerkhaus Nr. 12 (früher mit einem doppelseitigen Aufgang), das „anno 1630“ erbaut wurde. Seibel u. Trost (s. Seibel/- Trost 1991, S. 19) meinen, dass es ebenfalls ein adliger Burgsitz war; die Reste eines Mainzer Wappens ließen einen Mainzer Besitz vermuten. Als nächstes fällt das in Rauschenberg sogenannte Koch’sche Haus (Nr. 18) auf, ein stattlicher Bau. Da dieses Haus in seiner Funktion zu den wichtigsten Häusern im Viertel III gehört, haben wir es weiter unten besonders gewürdigt.

 

Alter Keller

Auf dem Koch’schen Grundstück befindet sich von einem ehemaligen Gebäude noch ein Unterbau, dessen Decke wie auch die aus Buntsandsteinen bestehenden Grundmauern erhalten sind. Es wird erzählt, dass die abgetragenen Balken für den Bau der Apotheke am Albshäuser Tor von Apotheker Wangemann und seiner Tochter genutzt wurden. Diese Apotheke wurde 1833 gebaut. (Vgl. Bromm 1889, S. 84.) Das Haus Nr. 20 war früher das Haus des lutherischen Metropolitans. Damals war die lutherische Kirche in Bezirke unterteilt, die „Klassen“ genannt wurden. An der Spitze einer Klasse stand jeweils der erste lutherische Pfarrer, der den Titel „Metropolitan“ erhielt. Auch Rauschenberg bildete mit seinen Umlandpfarreien eine solche Klasse. Zu Zeiten des Metropolitans Ägidius Heilmann gehörten neben Rauschenberg selbst auch Kirchhain, Rosenthal, Gemünden, Wohra, Hatzbach, Josbach, Speckswinkel, Schönstadt und Betziesdorf zur Klasse Rauschenberg. Der kirchliche Bezirk Rauschenberg unterschied sich damit deutlich von der staatlichen Einheit des Amtes Rauschenberg. (Vgl. Prüser 1966, S. 165.) In diesem Hause lebten nach der Reformation Geistliche (Chorherren, Pfarrer und Metropolitane) der lutherischen Kirchengemeinde. Über die Bewohner informiert ein Foto einer heute nicht mehr zugänglichen Tafel.

 

Pfarrer vor Tafel

Diesem Foto haben wir u.a. die folgenden Namen entnehmen können: Johannes Dusserode (1469), Diedrich Warke (1520-1552), Johannes Michelbach (1557-1570), Johannes Michelbach (1584- 1606), Johannes Morius, Georg Belzer (1625- 1636), Gerhard Heilmann (1644-1697), Stephan Merle (1718-1729), Phil. Ludw. Boss (1764- 1780), Christian Soldan (1795-1833) und Theod. Herm. Ruetz (1860-1879), August Soldan.

 

1 Es handelt es sich vermutlich um Heinrich Fischer, der von
1861 bis 1889 lutherischer Pfarrer in Rauschenberg war.

 

Später hat dort Pfarrer Franz Berthoud gewohnt, der insbesondere wegen seines Widerstandes in der Nazizeit und seiner Zugehörigkeit zur „Bekennenden Kirche“ bekannt ist. Eine Würdigung seines Wirkens hat der ehemalige Rauschenberger Pfarrer Gernot Schulze-Wegener geschrieben. (S. Schulze-Wegener 2012.) Angrenzend an dieses Pfarrhaus (heute im Privatbesitz Lauer) zur Pfaffengasse hin befand sich die sogenannte Pfarrscheune, die in den 1960er Jahren abgerissen wurde. Früher gab es gegenüber der Kirche drei Fruchtböden, die Bäue. (S. dazu die Ausführungen zur „Alten Oberförsterei“ und zum „Renthof“ im Viertel II.) Und die Rauschenberger Kirche selbst mit ihrem berühmten Altar, vor dem Schlosstor und innerhalb der Stadtmauer gelegen, ist ein Rauschenberger Kleinod. Beschreibungen über sie sind in vielen Schriften zu finden, so dass es an dieser Stelle bei einer Erwähnung bleiben kann.2 Beachtenswert in der Schloßstraße sind die kleinen Wege und Gassen, die in keinem Straßenplan, keinem Kataster auftauchen. Der Gassen-Name „Zwischen den Häusern“ (zwischen den Gebäuden Nr. 4 und 6 – s. Abb. 6) ist in Rauschenberg noch geläufig. Der Weg verbindet die Schloßstraße mit der Pfaffengasse, er führt an Hauseingängen und Scheunen vorbei, die früher den Bewohnern der Schloßstraße gehörten und von ihnen genutzt wurden. Es gibt entlang dieses Weges weitere kleine verwinkelte Einfahrten zu den jeweiligen Scheunen. Der Privatweg „Seligs Winkel“ (zwischen den Häusern Nr. 8 und 10) ist heute ein aufgemauerter Betonsteg. Er zeigt hier die Grenze zwischen den beiden Häusern und dass die Dach-Senkrechte, die Traufe, die Grenze des Eigentums war. „Seligs“ war der Dorfname der Familie Plaut. In Rauschenberg kaufte man damals nicht bei „Plauts“ ein, sondern bei „Seligs“. Isaak Plaut, der im Haus Nr. 8 neben Lebensmitteln auch Bekleidung, Nähmaschinen, Fahrräder und Drogeriewaren verkaufte, wanderte 1936 mit seiner Frau Regina (geb. Katz-Stiefel) in die USA aus.

 

2 S. beispielsweise Trost, Gerhard 1997.

 

Zwischen den Häusern

Woher der Dorfname „Seligs“ kommt, konnten wir nicht ermitteln. Aber wir fanden einen Hinweis bei Wissemann, der bei seinen Informationen zur Familie Plaut „Seligs Korn-Kaffee“ (s. Wissemann 2001, S. 2) erwähnt. Und eine Zeitzeugin konnte sich an den bei Seligs gekauften „kandierten Kornkaffee“ erinnern. Das führte zu der Vermutung, dass sich der Name „Selig“ von einer damals weit verbreiteten Kaffee-Marke, und zwar „Seelig’s kandierter Korn-Kaffee“, bezieht. Zwar schreibt sich die Kaffeemarke mit zwei „e“, da die Dorfnamen aber nur mündlich überliefert und später irgendwann aufgeschrieben wurden, ist das erklärlich. (S. nächste Seite.) Die Häuser Nr. 20 (Lauer) und Nr. 18 (Koch’ sches Haus) sind durch das sogenannte „Pfarrgässchen“ getrennt, das früher auch mal „Brennnesselweg“ genannt worden sein soll. Es verbindet die Schloßstraße mit der Pfaffengasse, ist nicht sehr breit, kann jedoch mit einem Handkarren mühelos befahren werden. Es hat heute einen gepflasterten Belag. Prüser berichtet, dass die Schloßstraße nach der Währungsreform von 1948 ein neues Pflaster erhielt. (Vgl. Prüser 1966, S. 303 f.) Aber das ist schon lange her. 2011 wurde im Zusammenhang mit einer neuen Kanalisation die Straße renoviert. Bürgersteige aus Basaltstein und eine asphaltierte Fahrbahn geben der Straße ein gepflegtes Aussehen. Und was gab es früher und heute in der Schloßstraße an öffentlichen Einrichtungen, Geschäften und Betrieben? Wilhelm Wissemann (s. Wissemann 1998, S. 6 ff.) informiert uns mit seiner Aufstellung „bis in die 1930er Jahre“. Damals gab es selbstverständlich im Rathaus die Behörden: Stadtverwaltung, Amtsgericht (bis 1932) und Stadtpolizei. Auch die städtische Sparkasse war im Rathaus untergebracht. Und dann gab es das Pfarramt. Aber es gab auch Handwerk und Geschäfte. Wissemann benennt die Klempner und Installateure Wilhelm Christ und Heinrich Schein, das Fuhrunternehmen Konrad Schäfer, den Fleischbeschauer Daniel Wittekindt und das Geschäft Plaut („Seligs“). Später gab es dann auch noch, so wird von Zeitzeugen berichtet, für kurze Zeit das Fischgeschäft Fries; in dieses Haus (heute Sparkasse) zog anschließend das Malergeschäft August Kurz ein. – Das war einmal! Heute findet man in der Schloßstraße neben der Stadtverwaltung im Rathaus und der Sparkasse Marburg-Biedenkopf (Nr. 3) nur noch das Busunternehmen Schein.

 

Seligs Winkel

Pfaffengasse

 

Pfaffengasse Schild

Pfaffengasse

Schon der Name Pfaffengasse hört sich interessant an. Prüser schreibt dazu: „Die Pfaffengasse, die von der ‚Albshäusertorstraße’ nach oben führt, wird wohl so genannt, weil die geistlichen Herren diesen Weg zu gehen pflegten, wenn sie schnell zum oben gelegenen Pfarrhause kommen wollten.“ (S. Prüser 1966. S. 9.) Die Pfaffengasse ist eine von Auf dem Römer aufwärts gehende leicht gebogene Straße zur Kirche. Sie gehört mit der Borngasse, der Blauen Pfütze und der Kraftgasse zu den vier Nebenstraßen der Kernstadt, die zusammen einen Kreis bilden und die beiden Hauptstraßen schneiden. Ein Vergleich zwischen Schloßstraße und Pfaffengasse zeigt für die Pfaffengasse eine andere Ausstrahlung, die Häuser sind meist kleiner, hocken dichter beieinander – oftmals ist die Dachtraufe die Grenze – und haben nur einen kleinen Vorplatz. Dennoch gibt es viele Durchgänge zu Hinter der Mauer. Wie sich die Gasse in den letzten 80 Jahren verändert hat, zeigen Abb. 7 und Abb. 8. 1930 sehen wir eine grob gepflasterte Gasse mit den „Misten“ vor dem Haus und eine „Sutterpumpe“. Diese ursprünglichen Zeugen der Landwirtschaft sind schmucken Vorgärten und Sitzplätzen gewichen. Neue Laternen beleuchten abends die renovierte Gasse. Zwar sind die „Rinnen“ noch mit alten Steinen gepflastert, die Straße jedoch hat eine Teerdecke. Hier haben Kinder mit weißer Kreide ihre Hickelfelder gezeichnet. Was gibt es von der Pfaffengasse zu berichten? Wir gehen zur Kirche hinauf. Wie erwartet, hat das erste Haus auf der linken Seite der Pfaffengasse die Hausnummer 1. Das gegenüberliegende Haus, wir hätten die Nr. 2 erwartet, gehört trotz seines Hauseingangs in der Pfaffengasse zu Auf dem Römer. Links des Hauses Nr. 3 sind von einem großen Hof aus die Rückseiten der Scheunen zu sehen, die zu den Häusern Auf dem Römer gehören. Und auf der linken Seite zwischen den Häusern 3 und 3a mündet eine noch heute genutzte Querverbindung zur Schloßstraße, die in Rauschenberg „Zwischen den Häusern“ heißt.

 

Pfaffengasse oben

Im Haus Nr. 5 auf der linken Straßenseite gab es früher (um 1950) eine Milchausgabestelle, die eine Dora Kreyling, auch in Rauschenberg als „Milch- Dora“ bekannt, für die Wohrataler Molkerei unterhielt. Im Haus Nr. 7 wurde ebenfalls mit Milchprodukten gehandelt, und zwar nahm in den fünfziger Jahren eine Familie Wißner, auch Buttermanns oder Butterwißner genannt, Butter (und Eier) an, die sie weiterverkaufte. Auf der rechten Straßenseite zwischen den Häusern (ehemals) Nr. 8 und Nr. 10 gibt es heute in „luftiger Höhe“ einen Übergang zwischen den beiden Häusern, der wohl die Kontakte zwischen den verwandten Familien – Eltern und Kindern – vereinfacht. Die sich anschließenden Häuser auf der rechten Seite sind alle getrennt durch Winkel, die man auch heute noch zum Teil begehen kann; teils sind sie mit Türen versehen. Diese kleinen Wege führen zu Hinter der Mauer. Lediglich im unteren Teil der Pfaffengasse zwischen den Häusern Nr. 4 und 6 gab es einen breiteren Durchfahrtsweg. Ihn nutzten die Kinder früher, als es die heute vorhandene Treppe noch nicht gab, als Start zum Schlittenfahren. Auch zwischen den Häusern Nr. 18 und 20 führt ein breiter Durchgang zu Hinter der Mauer, der auch heute noch genutzt wird. Als letztgelegene Häuser gibt es die Gebäude Nr. 22 und Nr. 24, die wir wegen ihrer Bedeutung etwas ausführlicher beschreiben. Das Haus Nr. 22 wurde 1857 – so die in das Fundament eingehauene Jahreszahl – erbaut. Es hat eine wechselvolle Geschichte. Nach einem Umbau wurde es 1929 als zweites lutherisches Pfarrhaus und als ev. Jugend- und Gemeindehaus eingeweiht. Der Kreisjugendpfarrer Fischer soll mit großem Eifer die Sache betrieben, alle Verhandlungen mit der Stadt und den Behörden geführt, die Gelder beschafft haben. Pfarrer Vogel zog als Ruheständler ins obere Stockwerk, während das untere Stockwerk zum Gemeindehaus umgewandelt wurde. Ein „Saal“ für Gemeindearbeit, Konfirmanden- Unterricht, Jugendarbeit, in kalten Wintern auch für Gottesdienste wurde geschaffen. Gleichzeitig wurden Räume links vom Treppenaufgang, also im Hochparterre, als öffentliche Bade-Anstalt mit Wannen und Duschbädern eingerichtet. Zeitzeugen berichten, dass sie als Kinder samstags ein paar Groschen in die Hand gedrückt bekamen und zur „gründlichen Reinigung“ geschickt wurden. Ein Fräulein Balzer (später Frau Giebner) verkaufte die Eintrittskarten. Im 2. Weltkrieg wurden dort sogar Solebäder angeboten, wie uns eine Rauschenbergerin berichtet. Wahrscheinlich wurden diese Badeeinrichtungen einige Zeit nach 1945 geschlossen. Das Gemeindehaus war bis 1953 noch in Betrieb. 1957 wurde ein neues Gemeindehaus („Haus der Begegnung“ vor dem Friedhof) gebaut, und das 2. luth. Pfarrhaus wurde an den Gärtner Czech verkauft, dessen Frau Hebamme in Rauschenberg war. Das Haus ist zur Zeit nicht bewohnt, die Besitzer bemühen sich jedoch immer mal wieder um den Erhalt des Hauses. Vor dem ehemaligen „Gemeindehaus“ führt eine Treppe zum „alten Kindergarten“ (Nr. 24), der in den heutigen Neubau integriert ist. Durch den Umund Anbau im Jahr 2010 können in dieser Kita „Mäuseburg“ über 100 Kinder betreut werden, die mit dem nahe gelegenen Wald und einer großen bergan steigenden Wiese auch draußen ihre Zeit verbringen können. Den alten Kindergarten haben viele Rauschenberger Kinder besucht, und viele der heute noch Lebenden werden sich an Kindergärtnerinnen wie „Tante Lore“ (Krüger), an „Tante Elsbeth“, an „Tante Lore“ (Doll) oder an „Tante Dorothea“ (Wenderoth) erinnern. Was gab es früher sonst noch in der Pfaffengasse? Wilhelm Wissemann (s. Wissemann 1998, S.6 ff.) führt an Handwerkern neben der bereits erwähnten Milch-Dora und Buttermanns für die 1930er Jahre noch den Fleischbeschauer Friedrich Damm, das Malergeschäft Balzer, den Schneider K. Kreyling, die Schreinerei Merle und den Schuster Wetzel auf. Doch davon hat sich nichts bis in die Gegenwart gerettet.

 

Brennesselweg

 

Hinter der Mauer

 

Hinter der Mauer Schild

Hinter der Mauer

Die Straße geht von Auf dem Römer zunächst hoch zur Kirche, biegt oben rechtwinklig nach links ab und mündet in die Pfaffengasse. Sie ist eine im doppelten Sinn ungewöhnliche Straße. Ungewöhnlich zunächst, weil der Name irreführend ist. Die Straße verläuft vor der alten Stadtmauer (vgl. Klingelhöfer 2001) und nicht außerhalb – also „hinter“ – der Mauer. Ungewöhnlich aber auch deswegen, weil sie die Rückseite der Pfaffengasse bildet. Die Wohnhäuser standen an der Pfaffengasse und hatten dort ihren Eingang. Auf der Rückseite zu Hinter der Mauer lagen die Nutzgebäude und jenseits der Straße die Gärten. Dieser Sachverhalt lässt sich auf dem Stadtplan von 1740 (s. Rückseite der Schrift) gut erkennen.

 

Straße Hinter der Mauer

Geht man heute von der Apotheke Hinter der Mauer hoch zu Kirche und Schlossruine oder zur neuen Kindertagesstätte, so bestätigt sich dieser Eindruck: Links sieht man vor allem die Rückseiten der Häuser aus der Pfaffengasse und rechts einen vielfältig genutzten Bereich mit Gärten, Carports, Ställen usw. Nur wenige Häuser stehen auf der rechten Seite. Zu den älteren gehören ein Bauernhof (Haus Nr. 4) und ein kleines im Volksmund „Paradieschen“ genanntes Haus (Nr. 6). Jüngeren Datums sind der Umbau einer alten Scheune zu einem Wohnhaus (Nr. 2.) und ein Neubau (Nr. 8). Aber auch auf der linken Seite ergaben sich Veränderungen. Scheunen wurden zu Wohnungen umgebaut und Haupteingänge von der Pfaffengasse auf Hinter der Mauer verlegt, s. die Nr. 1a und 1b. Da ist es kein Wunder, dass sich für Hinter der Mauer in der Kirchenchronik I nur zwei Angaben befinden: Die Hausnummern 136 (heute Nummer 3) und 153. Im Haus Nr. 3 (letztes Haus auf der linken Seite) vor der Einmündung in die Pfaffengasse wohnte früher der Feldschütz Fries. Renate Gamb erzählt: „Er war unser Feldschütz in Rauschenberg, vor dem wir Kinder großen Respekt hatten, vor allem, wenn wir Obst von den städtischen Bäumen pflückten oder auch nur auflasen. Er wurde gelegentlich bei den Eltern der Kinder vorstellig und verwies auf Zöpfe und Ähnliches als Erkennungszeichen der ‚Straftäter’!“ Im Haus Nr. 153 (gehört heute zum Haus Nr. 3) soll der Tagelöhner Carl Wendelmuth gewohnt haben. Steht man vor diesem sehr kleinen Haus (es handelt sich wohl um das kleinste Haus innerhalb der Stadtmauern), dann ist kaum vorstellbar, dass darin eine Familie und ihr Vieh (mit einer Miste vor der Tür) gelebt haben. Bedenkt man die historischen Zusammenhänge – Hinter der Mauer als Rückseite der Pfaffengasse –, dann sind die zahlreichen teils geschlossenen, teils offenen Durchgänge (s. Abb. 10) zwischen beiden Straßen leicht erklärbar. Die Lage der Häuser zwischen zwei Straßen konnte auch unerfreuliche Konsequenzen haben. So berichtete ein Anwohner, dass vor längerer Zeit – im vorigen Jahrhundert – ein Bürgermeister den Anwohnern gesagt habe, dass sie bei einer Erneuerung von Pfaffengasse und Hinter der Mauer zweimal „Straßenkosten“ zu zahlen hätten. Aber dazu sei es nicht gekommen, weil Hinter der Mauer nur ausgebessert wurde.

 

Durchgang

In der Straße gab es bis vor kurzem nur Anliegerverkehr. Das hat sich mit der neuen Ev. Kindertagesstätte geändert. Wenn heute Eltern ihre Kinder im Kindergarten abholen, nutzen sie selbstverständlich auch diese Straße. Angesichts der Geschichte der Straße wundert es nicht, dass es hier von Handwerk (eine Ausnahme bildete der Schuster Ludwig Kreyling, Nr. 3), Geschäften und historischen Gebäuden kaum etwas zu berichten gibt.

 

Zeichen

Das Koch’sche Haus Burgmannenhaus in Rauschenberg

 

Geht man die Schloßstraße hinauf, so fällt einem auf der rechten Seite sofort ein beeindruckender mehrgeschossiger Fachwerkbau mit Erkern und einer Doppeltreppe auf. Zum Haus gehörten etliche Nebengebäude, von denen auch heute noch einige von der Schloßstraße und der Pfaffengasse aus zu sehen sind.

Geschichtswerkstatt

An dem Haus ist folgende Tafel angebracht:

Tafel am Kochschen Haus

Ein Burgmannenhaus – was ist ein Burgmann? Informationen haben wir in „Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart“ von Adelung gefunden. Von den vielen dort aufgeführten Beschreibungen erscheint uns die folgende für Rauschenberg zutreffend: „3) Einen Kriegsmann, welcher sich zu Vertheidigung und Beschützung einer Burg verpflichtet hat, deren es wieder verschiedene Arten gab. Dahin gehören, (a) diejenigen von hohen und niederm Adel, welche mit einer Burg und deren Zubehör belehnet wurden, und sich dafür verpflichteten, entweder Kriegsdienste zu leisten, oder doch die Burg zu beschützen ... (b) Diejenigen, welche für den Genuß eines Lehengutes zur Vertheidigung einer Burg verbunden waren ... “ (Adelung 1793, S. 1267) Wie war der Beginn in Rauschenberg? Der Burgherr war der Graf von Ziegenhain, der die Burgmannen verpflichtete. Den die Rauschenberger Burgmannen betreffenden Regesten1 des Grafen können wir beispielsweise entnehmen, dass 1339 der Ritter Heinrich Riedesel als Burgmann aufgenommen wurde: „Ritter Heinrich Riedesel (Ryetesel) bekundet, dass er von Graf Johann [I.] von Ziegenhain (Cygenhain) zum Burgmann in dessen Schlosse Rauschenberg (Ruschenberg) aufgenommen worden sei für 8 Pfund Heller, 3 zu Ernsthausen (Ernsthusen), 3 zu Wolferode, 2 zu Helmersdorf. Sollte er ohne den Willen des Grafen von ihm unter einen anderen Herren fahren, so sollte das Burglehen verfallen. Siegler: der Aussteller Datum anno domini m ccc xxxix ipso die beati Laurentii martiris.“ (Regesten des Grafen von Ziegenhain; Regest-Nr. 503)

1 Regesten sind zusammenfassende Inhaltsangaben von Urkunden.

Und ein Jahrzehnt später lesen wir in einem anderen Regest, dass 1348 Godebrecht von Diedenhausen und Otto Döring: „...Burgmannen des Grafen Johann [I.] von Ziegenhain (Cygnhein) auf dem Schloss Rauschenberg (zu dem sloße Ruschinberg) geworden sind und geloben dem Grafen und seinen Nachfolgern alle verlangten Dienste redlich und treu auszuführen.“ (Regesten des Grafen von Ziegenhain, Regest-Nr. 838) Damit gab es wohl nicht nur einen, sondern gleichzeitig mehrere Burgmannen, die für den Burgherrn eine wichtige Funktion hatten. Doch wo und wie sie ursprünglich wohnten, wissen wir nicht. „Unser“ Haus soll, so die Tafel (s. Abb. 13), „um 1600“ gebaut worden sein, als Rauschenberg schon zu Hessen gehörte. Darüber, welche Burgmannenhäuser in Rauschenberg existierten, sind sich die Chronisten der Rauschenberger Geschichte weitgehend einig. Bromm schreibt in seiner Chronik: „Adeliger Burgsitze gab es in der Stadt zwei, beide in der oberen Marktstraße. Der v. Hornbergische, nachher v. Seyboltsdorff’sche lag rechts derselben, wenn man vom Marktplatz nach dem Schloßthore hinaufgeht, gleich unter der Metropolitanswohnung und bildete hinter dem Hause einen geschlossenen, von der Straße nicht sichtbaren Hof, von dem auch noch Hintergebäude stehen. ... Der v. Weitershausen’sche Burgsitz lag links der Straße, und bildete ebenfalls einen geschlossenen Hof, in den man, da außer dem zur Seite liegenden Wohnhause (neueren Ursprungs) nichts mehr steht, jetzt von der Straße hineinsehen kann. Die Stadt machte ihn zur Wohnung des reformirten Stadtpfarrers.“ (Bromm 1889, S. 64) Auch Prüser (1966, S. 252) gibt zwei Gebäude an, die der adelig freien Ritterschaft gehörten. Seibel/Trost jedoch führen drei „Adelshöfe“ auf: „Auf Verlangen der Grafen siedelten sich auch adelige Burgmannen an. Sie bauten geschlossene Hofanlagen und zogen dadurch wieder Handwerker nach. Drei solcher Adelshöfe lassen sich in Rauschenberg mit Sicherheit feststellen. Einmal ist dies der Renthof, die spätere Oberförsterei. Er war der Wirtschaftshof der Burg. Dort befanden sich drei große Fruchtböden, in die aus dem Amt Rauschenberg Frucht (Getreide) als Abgaben geliefert wurde. Ein zweiter darunter liegender Hof war Lehnshof der Herren von Weitershausen. Als der Hof später durch Feuer vernichtet wurde, trat ein Neubau an die Stelle, der dann Wohnung des reformierten Pfarrers wurde. Das gegenüberliegende noch erhaltene Haus war zuletzt im Besitz der Herren von Seyboltsdorff, die von hier aus die Ländereien ihres Lehnsgutes Zitrichhausen bestellten.“ (Seibel/Trost 1991, S. 24) Auch Bromm und Prüser gehen auf den „Renthof“ ein, für sie ist dieser Hof zwar wichtig, aber kein „Adelshof“; Bromm spricht von einem: „herrschaftlichen Amtshof (nachher Renterei, jetzt Oberförsterei), der ‚unstreitig der ehemalige Oekonomiehof der Burg’ war, zu dem die Umwohner der Gegend frohnen d.h. Dienste leisten mussten“. (Bromm 1889, S. 18) Als letzte Adelsfamilie lebte, so Bromm, in „unserem Haus“ die Familie des Grafen von Seyboltsdorff. „Als der letzte seiner adligen Besitzer, Obrist Graf von Seyboldsdorff nach der Rückkehr des Kurfürsten nicht in seine vor der westphälischen Zeit innegehabte geringe militärische Charge zurücktreten wollte, wurden ihm seine hessischen Lehen entzogen (der Hof Fiddemühle erwies sich als allodial2, sodaß ihm derselbe schließlich belassen werden mußte) und der Staat verkaufte nachher die Hofreide zu Privatbesitz. Sie kam zuletzt an den Dr. med. Scheffer, dessen Erben ihn noch jetzt innehaben.“ (a.a.O., S. 64) Stock informiert (s. Stock o.J., S. 30) zusätzlich, dass nach Dr. Scheffer das Haus in den Besitz der Familie Koch überging, womit sich der heutige Name erklärt. Doch wieder zurück in die Gegenwart. Gehen wir vom Schloss aus auf die Treppe des Koch’schen Hauses zu, so sehen wir ein „Eisen“ in der Wand. Dabei handelt es sich um die „Rauschenberger Elle“. (S. Abb. 14.) Dass sich diese Elle heute noch am Hause befindet, ist Ludwig Pigulla zu verdanken. Er fand dieses Zeitzeugnis auf dem Boden liegend und brachte es am angestammten Platz wieder an. Außerdem informierte er, dass früher noch ein zweites, senkrecht angebrachtes Maß vorhanden war.

2 „allodial“ war im Gegensatz zum Lehnsgut ein Eigengut oder Erbgut, das frei von Abgabepflichten war und über das die Eigentümer frei verfügen konnten.

Elle am Kochschen Haus

Diese Hinweise belegt noch einmal die Bedeutung des ehemaligen Burgmannenhauses für die Rauschenberger Geschichte. Doch was ist daraus geworden? Das Haus wurde an einen Interessenten aus dem Rhein-Main-Gebiet verkauft, der es – aus welchen Gründen und mit welchen Absichten auch immer – langsam verfallen lässt, wie Abb. 15 anschaulich belegt.

Treppe Kochsche Haus

Eine großer Schaden für Rauschenberg und kein Ruhmesblatt für den jetzigen Eigentümer.

Regeste Nr 503