03. Die Straßen des Viertels II

Die Straßen der Viertels II

 

Das Viertel II wird von der ehemaligen Stadtmauer in südlicher Richtung, der Schmaleichertorstraße gegen Südosten und der Schloßstraße (s. Viertel III) gegen Nordwesten umgrenzt. Zu diesem Viertel gehören noch die Kraftgasse, Hinter dem Rathaus und etliche Fahrten, wie die beiden „Groth“ genannten, die wir zur besseren Unterscheidung den „oberen“ und den „unteren“ Groth nennen. Viertel II gehört mit Viertel III zu den ältesten Teilen der Stadt. Der Rundgang beginnt am Markplatz: Links der plätschernde Marktbrunnen, rechts das repräsentative Fachwerkrathaus aus dem 16. Jahrhundert und davor der Blick zum Wohratal hinunter. Hier beginnt, als Verlängerung der Hauptachse der alten Kernstadt, da wo früher Wall und Graben waren, die Schmaleichertorstraße.

 

Ansicht Rauschenberg

Schmaleichertorstraße

 

Schmaleichertorstraße Schild

Schmaleichertorstraße

Die Schmaleichertorstraße1, die in der Karte von 1740 Schmaleichergasse, später wohl auch „Schmaleicher Straße“ (Bromm 1889, S. 58) hieß, beginnt am Rathaus und verläuft dann in südöstlicher Richtung in das Wohratal hinunter und geht nach ca. 200 m in die Bahnhofstraße über. Der Name „Schmaleichen“ geht wohl zurück auf die bereits im 14. Jahrhundert wüst gewordene Siedlung Schmaleichen, von der heute lediglich noch ein Mühlengehöft am rechten Ufer der Wohra bei der Schmaleicher Brücke zeugt. (Vgl. Schmaleichen, Landkreis Marburg-Biedenkopf.) Nach der Eröffnung der Wohratalbahn im Jahre 1914 wurde die Straße zwischenzeitlich zur Bahnhofstraße umbenannt, ehe Mitte der 1950er Jahre der obere Teil den Namen Schmaleichertorstraße erhielt. Bis Ende des vorigen Jahrhunderts gab es in fast jedem der zumeist dreistöckigen Fachwerkgebäude in dieser Straße, von denen einige noch aus dem 16. Jahrhundert stammen, ein Ladengeschäft oder einen Handwerksbetrieb. Darunter waren zwei Bäckereien, zwei Gastwirtschaften, eine Schmiede, eine Sattlerei, drei Metzgereien, drei Lebensmittelgeschäfte, eine Tankstelle, zwei Friseurläden und eine Schneiderei. Heute sind einige Häuser nach Besitzerwechsel und Gewerbeaufgabe zu Wohnzwecken vermietet. Wir beschränken uns bei unserer Beschreibung auf den Teil der Straße, der innerhalb der alten Stadtmauer liegt.

 

Schmaleichertorstraße links

 

Der Rundgang beginnt vor dem Haus Nr. 1, dessen Baugeschichte im 16. Jahrhundert beginnt. In diesem Haus führten die Familie Theiss und ihre Nachkommen über 160 Jahre lang in sechs Generationen ein Einzelhandelsgeschäft, bis sich Renate Gamb 1999 zur Geschäftsaufgabe entschloss. Was konnte man hier im Laufe der Zeit (s. Abb. 3) nicht alles kaufen? Nicht nur Lebensmittel, Porzellan, Geschenkartikel, Haus- und Küchengeräte, Eisenwaren, Öfen und Herde, Kohlen und Baustoffe. Nein, bis ca. 1900 konnte man auch

 

Zeitungsanzeige

Branntwein und Munition erwerben und noch bis in die 1970er Jahre Stabeisen und Petroleum; nebenher wurde eine Tankstelle betrieben. Heute befindet sich dort eine Praxis für Physiotherapie. In Haus Nr. 3 gab es eine Schmiede. Über mehrere Generationen übte hier die Familie Steller die Berufstätigkeiten des Schmieds aus. Manchen Anwohnern klingen noch heute die frühmorgendlichen Klänge des „Sensendengelns“ in den Ohren. Friseur Peter Klein kaufte das Anwesen und ersetzte das alte Fachwerkgebäude durch einen Massivbau. Im Erdgeschoss richtete er in den 1960er Jahren seinen Friseursalon ein. Zwischen den Häusern Nr. 3 und 5 verläuft eine zum Anwesen Nr. 5 gehörende Fahrt. Die Besitzer des Hauses Nr. 3 haben ein „Wegerecht“, um zu den dahinterliegenden Gebäuden zu gelangen. Im Haus Nr. 5 befand sich bis zur Schließung im Jahr 1956 die Bäckerei Moll, deren Backwaren auch auf dem Wochenmarkt in Marburg verkauft wurden. In Rauschenberg hießen Molls nur „Bilsings“ – nach dem Geburtsnamen der Ehefrau des Bäckers Wilhelm Moll senior. Zur Zeit des Baus der Main-Weser-Bahn in der Mitte des 19. Jahrhunderts befand sich in dem Gebäude auch eine Gaststube. Die Besitzer dieser drei Häuser betrieben neben ihren kaufmännischen bzw. handwerklichen Berufen eine Nebenerwerbslandwirtschaft. Die Stallungen waren entweder im hinteren Teil der Wohnhäuser oder in angrenzenden Gebäuden untergebracht. Die Vorratsgebäude standen hinter der Stadtmauer im sogenannten Scheunenviertel. (S. Viertel IV „Blick über die Mauer“.) In Haus Nr. 7 wohnte der Landwirt Heinrich Gamb (genannt „Hanjohst‘s Hennerche“). Eine Zeitlang führte in diesem Haus Elisabeth Baehr, die nach dem Zweiten Weltkrieg mit ihrer Familie nach Rauschenberg kam, einen Laden mit einem vielseitigen Angebot an Gebrauchsartikeln. Dann wurde das Haus zu einem Ärztehaus: erst Dr. Schaacke, dann Dr. Kayling und danach die Zahnärzte Löchel. Dort, wo heute die nach hinten liegenden Garagen den Durchgang versperren, war früher das „Rattegässchen“, eine vielgenutzte Abkürzung zwischen der Blauen Pfütze und der Schmaleichertorstraße. So gelangte die Hausfrau schnell zu ihrem Kaufmann in Haus Nr. 9, wo sich bis 1932 das Lebensmittelgeschäft Nikolaus Bromm und bis 1999 der Edeka-Markt der Familie Seibert befanden. Ihnen folgte ein 2012 geschlossener Schleckermarkt. Heute gibt es im Zentrum der Kernstadt leider keinen Lebensmittelladen mehr. Direkt unterhalb des Eingangs zur Blauen Pfütze steht am Anfang eines Fußweges an der Stadtmauer entlang (s. Viertel I „Blick über die Mauer“) ein großes ehemaliges Doppelhaus (Nr. 13). Dieses war bis 2011 das „Gasthaus zur Post“, zu dem auch ehemals eine Metzgerei gehörte. Bis 1958 war hier – mit zeitlichen Unterbrechungen – die Poststelle angesiedelt. Beim Rückweg auf der anderen Seite der Schmaleichertorstraße wird der untere Straßenabschnitt bis heute noch „Saugasse“ genannt, über die in früheren Jahren der Schweinehirt mit seiner Herde zwischen den Häusern den Hang hinunter in den Wald zog. Die Sackgasse zur Linken führt zum „Haus der Begegnung“ (evangelisches Gemeindehaus) und weiter zum Friedhof. Hier ist an der Stadtmauer eine Gedenktafel für die Opfer des NS-Regimes angebracht. Dort, wo heute das Gebäude der VR Bank, Haus Nr. 14, steht, befand sich früher das Wohnhaus des Landwirts Helfrich Gamb. Eine Tafel am Gebäude der Bank (s. Abb. 4) erinnert an das ehemalige Stadttor, das Schmaleicher Tor, das hier gestanden hat. Das Fachwerk-Eckhaus Nr. 12 (s. Abb. 5) war früher ein Doppelhaus. Die untere Hälfte bewohnte Anfang des 20. Jahrhunderts die jüdische Familie des Metzgers Isaak Plaut („Isaaks“). Isaak Plaut zog 1936 zu seiner Tochter Selma nach Allendorf, von wo er 1939 nach England und 1940 in die

 

Geschichtstafel

USA emigrierte. (Vgl. Händler-Lachmann u.a., S. 184.) In der oberen Hälfte wohnte die Familie des Landwirts Wilhelm Wittekindt („Paul-Wilhelms“). Der neue Eigentümer des Doppelhauses, Familie Wilhelm Gamb, hatte einen Metzgereibetrieb. Heute befindet sich dort ein Antiquitätenladen mit Werkstatt. Das Haus Nr. 10 beherbergte über Generationen hinweg eine Bäckerei. Bereits im Jahre 1876 wird ein Bäcker namens Kaspar Moll erwähnt. Der letzte Bäcker in diesem Haus war Konrad Moll, genannt das „Bäckerchen“. Hier sucht man vergeblich nach einem Eingang. Dieser wurde nach einem Umbau in die Kraftgasse verlegt. Das nächste Fachwerkhaus Nr. 8 war schon immer ein Wohnhaus, früher mit landwirtschaftlichem Betrieb der Familie Damm, auch „Treppedamms“ genannt, da bis 1966 eine doppelseitige Treppe in das Haus führte. Die Wirtschaftsgebäude befanden sich in der Kraftgasse bzw. im hinteren Teil ihres Wohnhauses. Das Wohnhaus Nr. 6 hatte der Posthalter Peter Keil Ende des 19. Jahrhunderts erworben; zwischenzeitlich zog hier auch die Poststation mit ein. In den 1950/60er Jahren befand sich im Erdgeschoss der Friseursalon Rettig, anschließend kurzzeitig der Salon Klein. Nr. 4 und Nr. 2 sind auch heute noch ein Doppelhaus, ein breites dreistöckiges Fachwerkgebäude, das aus dem 16. Jahrhundert stammt. Nach dem Krieg eröffnete Herr Schwirsinsky im Erdgeschoss von Nr. 4 ein Textilgeschäft. Elisabeth Baehr kaufte diese Haushälfte und führte den Laden mit Kurz-, Spiel- und Schreibwaren weiter. Nach einem Umbau wurde das Angebot erweitert (u.a. Lotto-Toto-Annahmestelle). Seit 2012 befindet sich in diesen Räumen die Rauschenberger Schatzkiste, eine Einrichtung der Stadt Rauschenberg, der evangelischen Kirchengemeinde und des Diakonischen Werkes Oberhessen.

 

Schmaleichertor

 

Haus Nr. 2 wechselte mehrmals den Besitzer, bis Anfang 1980 Christel Schein hier einen Blumenladen eröffnete. Die Rauschenberger erinnern sich noch heute an ihre „Blumen-Christel“. Am Ende der Straße biegt eine schmale Fahrt ab, die die Bewohner der anliegenden Häuser nutzen, um zu ihren dahinterliegenden Gebäuden zu gelangen. Die Verlängerung dieser Fahrt ist der untere „Groth“, über den bei der Kraftgasse berichtet wird.

 

Kraftgasse

 

Kraftgasse Schild

Kraftgasse

Ihren Namen führt die Kraftgasse (lt. Karte von 1740: Krafft Gasse) nach einem früheren Rauschenberger Bürger, der Mitte des 17. Jahrhunderts sein am Südhang unmittelbar vor der Stadtmauer gelegenes Gartengrundstück für die Anlage eines neuen Gottesackers zur Verfügung stellte; die vorherige Begräbnisstätte bei der Kirche war durch die hohe Zahl der Opfer während des Dreißigjährigen Krieges zu klein geworden. (Vgl. Prüser, S. 9, S. 21.) Der heutige, inzwischen mehrfach erweiterte Friedhof befindet sich noch immer dort. Die Kraftgasse – mit ihren beiderseits der Straße etwas ungeordnet eingestreut erscheinenden Häusern – verläuft in zwei s-förmigen Bögen parallel zur Stadtmauer und verbindet die Schmaleichertorstraße mit der Schloßstraße. Zahlreiche Fußwege zweigen rechts und links von der Kraftgasse ab: der untere Groth und der obere Groth, die „Fahrt“ zur Schloßstraße, der Weg zum Friedhof über das „Krafttor“ und der Weg entlang der Stadtmauer. In der Kraftgasse lebten überwiegend Handwerkerfamilien mit einer kleinen Landwirtschaft. Um 1900 finden sich unter den Berufen u.a. ein Klempner, ein Küfer, ein Anstreicher, ein Metzger, ein Schneider, drei Schreiner, zwei Schuster und ein Schäfer. Heute existiert hier nur noch ein Elektriker mit einem eigenen Geschäft.

 

Untere Kraftgasse

Die Fachwerkhäuser stehen vornehmlich giebelseitig zur Straße und besitzen - wie etliche Rauschenberger Häuser - einen Gewölbekeller. Bei einigen Gebäuden ist das Fachwerk verkleidet, und hohe Treppen führen zum Hauseingang, da die Straße an mehreren Stellen ein starkes Gefälle aufweist. Die Kraftgasse ist heute etwas ganz Besonderes, nicht nur im Viertel II, sondern in der gesamten Altstadt: Seine Bewohner – zumeist im mittleren Alter – sind die „Kraftgässer“, die einen von den Bewohnern ernannten eigenen „Bürgermeister“ (zur Zeit Gerhard Schein) haben. Auf dem Plätzchen oberhalb einer Linkskurve befindet sich der „Rübenstein“, eine Art Marktplatz der „Kraft gässer“, auf dem sich sogar eine Tafel mit „amtlichen“ Bekanntmachungen befindet. Auf ihm wird in jedem Jahr auch ein eigener Maibaum bzw. Weihnachtsbaum aufgestellt.

 

Rübenstein

Die ganze obere Kraftgasse nannte sich früher der Rübenstein. Dazu ist der Spottvers überliefert: „Dreck am Backe, Schess am Bee, ich glowe, du best vom Rüwestee.“ Während der Adventszeit beleuchten und schmücken die „Kraftgässer“ ihre Gasse selbst. Auch gibt es in jüngerer Zeit den Brauch, dass jeden Abend von den Anliegern bei einem anderen Nachbarn Weihnachtslieder gesungen werden. Die „Kraftgässer“ verbindet ein ausgeprägter Gemeinschaftssinn, der auf dem für sie selbstverständlichen Prinzip der gegenseitigen Hilfe beruht. Anna Moll, in der Kraftgasse aufgewachsen, erinnert sich: “Ich verbrachte meine Kindheit und Jugend bis 1961 in der Kraftgasse und hebe auch ganz besonders die gegenseitige Hilfsbereitschaft hervor. Es war Kriegsbzw. Nachkriegszeit, und es gab nicht viele Männer für die schweren Arbeiten in Landwirtschaft und Haus. Die Männer waren im Krieg, in Gefangenschaft oder ‚gefallen’. Da war Hilfe notwendig, und auch wir Kinder wurden mit ‚eingespannt’. Kinder gab es zahlreiche in der Kraftgasse. In meinem Alter waren es dreißig. Wir mussten aber nicht nur bei den anfallenden Arbeiten helfen, sondern wir nutzten natürlich unter anderem die Kraftgasse auch als Spielstraße: So im Sommer zum ‚Verstecken spielen’, für Ballspiele, ‚Hickelhäuschen’ und v.a.m. Im Winter war die Kraftgasse eine ideale Rodelbahn, die bei der ‚alten Kegelbahn’ anfing und je nach Schneeverhältnissen durch die Kraftgasse und noch weiter verlief. – Auf den sog. ‚Druseln’, das waren die Abwässer bzw. die Abläufe der Misten, konnte man toll ‚glanern’ (schlittern mit Nagelschuhen: das waren hohe Lederschuhe mit Ledersohlen, die mit Pins genagelt waren, um sie gegen Abnutzung zu schonen; aber zum Glanern waren sie bestens geeignet). Zu Hause wurden wir dann häufig mit einem gewissen ‚Naserümpfen’ empfangen.“ Beim Gang durch die Kraftgasse von der Schmaleichertorstraße aus – es wird zunächst die rechte Seite vorgestellt – passiert man zunächst Hinterhöfe bzw. rückwärtige Garagen der Häuser Schmaleichertorstraße 8 und 6 und gelangt dann zum Haus Nr. 2, das im Jahre 1574 erbaut wurde und in dem noch ein alter Gewölbekeller erhalten geblieben ist. Bei Renovierungsarbeiten entdeckte man vor einigen Jahren Standplätze von mehreren Webstühlen, die hier bis ins frühe 19. Jahrhundert betrieben wurden. Um 1900 war es ein Einzelhaus mit einer Schreinerei, das später zum Doppelhaus mit separaten Eingängen umgebaut wurde. Das nächste Haus mit der Nr. 4 liegt jenseits des Fußwegs unterer „Groth“, der die Kraftgasse mit der Schmaleichertorstraße verbindet. Bei dem nach hinten hin gegliederten Doppelhaus führt eine hohe Treppe zum Hauseingang im ersten Obergeschoss. Die Stallungen befanden sich darunter. Der Hausname lautete „Soanewels“ nach dem Besitzer Samuel Klingelhöfer. Haus Nr. 6 war früher eine Metzgerei mit Laden und Schaufenster zur Straße hin, die der jüdischen Familie Moses Plaut („Mausches“), später dem Schwiegersohn Siegfried Kugelmann gehörte. Dessen Familie wanderte 1937 in die USA aus. Die Familie Plaut kam 1939 in das jüdische Altersheim in Frankfurt/M., wurde dann ins Ghetto Theresienstadt deportiert, wo sie 1942 ums Leben kam. (Vgl.: Händler-Lachmann u.a., S. 185.) Das aus dem 16. Jahrhundert stammende Eckhaus Nr. 8 (Ecke Kraftgasse/oberer „Groth“) sollte in den 1980er Jahren bereits zu Gunsten von Parkplätzen für die Sparkasse abgerissen werden. In letzter Minute wurde dieses Vorhaben jedoch durch das Veto des zuständigen Denkmalschutzamtes verhindert. Das Haus wurde inzwischen renoviert. Der obere „Groth“, auch Friedhofsweg genannt, war früher ein Fußweg. Heute ist er eine befahrbare Straße zwischen Kraftgasse und Schloßstraße. Dieser ca. 3,50 m breite Weg konnte früher nur befahren werden, wenn die Anlieger im Frühjahr und im Herbst ihren dort gelagerten Mist auf das Feld gebracht hatten. Nach mündlicher Überlieferung war diese Regelung eine stille Übereinkunft, auch Gewohnheitsrecht genannt, die nicht immer friedlich ablief. Das Haus Nr. 10 im oberen Groth kaufte nach dem zweiten Weltkrieg eine Flüchtlingsfamilie, die im Erdgeschoss eine Schuhmacher-Werkstatt betrieb. Zeitzeugen erinnern sich noch heute daran, wie sie als Kinder in der Schusterwerkstatt gerne den Erzählungen von Schuster Weigel lauschten. Auf dem Rückweg vorbei an der heutigen Sparkasse Marburg-Biedenkopf zurück zur Kraftgasse standen früher zwei Fachwerkhäuser (davon eines ein Doppelhaus) mit den Hausnummern 12, 14, 16. Diese Häuser wurden zugunsten des Neubaus der Sparkasse 1978 abgerissen.1 Bevor die Kraftgasse wieder erreicht wird, führt ein Weg zwischen dem Sparkassen-Parkplatz und dem Haus Nr. 20 bergan zu dem Doppelhaus Nr. 18, das aus dem späten 17. Jahrhundert stammt, seit einiger Zeit aber unbewohnt ist und langsam verfällt. Vorbesitzer einer Haushälfte war Familie Koch. Johann Koch kam 1949/50 aus Tann in der Rhön nach Rauschenberg und arbeitete als Holzrücker. Ältere Rauschenberger erinnern sich noch heute, wie er seinerzeit mit seinem von zwei Kaltblütern gezogenen Fuhrgespann in der Stadt eintraf. Das darunter stehende Haus Nr. 20 ist ebenfalls dem Verfall preisgegeben. Eine der früheren Eigentümerinnen war die Familie Konrad Fischer (genannt: „Backhenners Kon“). Wieder auf der Kraftgasse, geht man am oben erwähnten Rübenstein und an Haus Nr. 22 vorbei zum Haus Nr. 24, dessen Eingang in der „Fahrt“, dem Verbindungsweg zwischen Kraftgasse und Schloßstraße liegt. Einer der ehemaligen Besitzer dieses Hauses war der Bahnangestellte Ludwig Wissemann (Dorfname: „Davids“); im Nebenberuf war er Musiker. In einer leichten Rechtskurve geht es steil bergan. Das Haus Nr. 26 ist das ehemalige reformierte Pfarrhaus bzw. seit der Vereinigung von lutherischer und reformierter Kirchengemeinde Mitte der 1920er Jahre (vgl. Prüser, S. 281) das evangelische Pfarrhaus. Es ist ein zweistöckiges Traufenhaus in Fachwerk mit Satteldach. Auf diesem Gelände befand sich einst einer der drei Rauschenberger Burgmannenhöfe. (S. das „Koch’sche Haus“ in Viertel III.) Das ist das obere Ende der Kraftgasse. Am „Gänserain“ vorbei führt der Weg auf der rechten Seite wieder talwärts. Als erstes fällt ein stattliches dreistöckiges Fachwerkhaus Nr. 25 auf, das weiter unten in „Vom „Renthof“ zur „Alten Oberförsterei“ vorgestellt wird. Im Fachwerkhaus Nr. 21 lebte die Familie Wittekindt, die hier neben einer Klempnerei auch eine Landwirtschaft betrieb. Wittekindts Dorfname war „Krafttors“, da über ihr Grundstück ein öffentlicher Weg zum Friedhof führt. Haus Nr. 19 bewohnte Familie Konrad Mann, ein Bruder des bekannten Malers und Zauberers Wilhelm Mann, der den Künstlernamen Arado Bellachini trug. (Vgl. Trost 1994.) Einer der nachfolgenden Hausbesitzer war der Rauschenberger Wassermeister Heinrich Seibert, genannt der „Pumpenhenner“. In der folgenden Rechtskurve steht das Eckhaus Nr. 13, in dem die Brüder Heinrich und Konrad Schein lebten, die 1913 zusammen das Rauschenberglied „Rauschenberg mein Heimatland“ verfassten.2 Im Eckzimmer dieses Hauses standen früher, wie sich Zeitzeugen erinnern, ein großer Schneidertisch und schwere Bügeleisen, die auf der Ofenplatte erhitzt wurden. Kinder durften auf dem Schneidertisch sitzen und den Erzählungen des Schneidermeisters folgen. Im Fachwerkhaus Nr. 11 (heute integriert in Haus Nr. 13) wohnte u.a. die im ganzen Ort bekannte Zeitungsfrau Elisabeth Press. Im nächsten Haus Nr. 9 lebte die Familie Vincon, eine alteingesessene Hugenottenfamilie, die über Generationen hinweg dem Beruf des Anstreichers nachging. Heute steht das Haus leer. Am mit Schnitzereien in den Eckbalken reich verzierten zweistöckigen Giebelfachwerkhaus Nr. 7, zu dessen Eingangstür eine siebenstufige Treppe führt, befindet sich eine Tafel. Die Vorderseite das Hauses Nr. 12 wurde 1985 im Freilichtmuseum Hessenpark in Neu-Anspach in der „Baugruppe Marktplatz“ wieder aufgebaut. Das Besondere an diesem wegtransportierten Gebäude war das vorkragende Obergeschoss. (S. auch Abb. 7 in der Borngasse.)

 

Gedenktafel Haus Nr 7

Links befindet sich ein geschnitzter farbiger Eckbalken, dessen oberen Teil Abb. 10 zeigt. Das Haus war später das landwirtschaftliche Anwesen der Familie Heinrich Wittekindt, genannt „Woaner Hei“ (Woaner = Wagner). Dessen Ehefrau „Hei-Marie“ oder „Linse-Marie“ (geb. Lins) gehörte zu den drei letzten Trachtenträgerinnen in Rauschenberg. Im Gewölbekeller des Hauses erlebten zahlreiche Anwohner den Beschuss und den Einmarsch der Alliierten 1945. Heute bewohnen die Nachkommen – Uwe Moll, Elektrobetrieb – das Haus. Zwischen den Häusern Nr. 7 und 5, die ihre Stallungen und Misten seitlich bzw. hinter den Wohnhäusern hatten, gibt es eine private Durchfahrt. Diese ist seit alters her unter den Anliegern genau geregelt: „Krafttors“ in Haus Nr. 21 und die

 

Eckpfosten Haus Nr 7

Bewohner von Haus Nr. 7 durften mit ihrem Gespann von oben über das „Krafttor“ kommend über den Privatweg in die Kraftgasse fahren, vorausgesetzt, die dort gelagerten Misthaufen waren so aufgesetzt, dass ein Gespann vorbeikommen konnte. Für die Besitzer von Haus Nr. 5 ging es an der Stadtmauer entlang. Zwischen den Häusern Nr. 5 und 7 sieht man heute noch, wie an einigen anderen Gebäuden in der Altstadt auch, gespannte und über Rollen geführte Leinen, an denen gelegentlich Wäsche im Winde flattert. In Haus Nr. 5 befand sich die Schreinerei Heinrich Moll, die in den 1930er Jahren in die Bahnhofstraße umgezogen ist. Das Haus kaufte die Familie Helfrich Moll, deren Nachkommen noch heute dort wohnen. Von 1942 bis 1966 lebte hier die evangelische Gemeindeschwester Elisabeth Krieg, ab 1946 gemeinsam mit der Hebamme Fräulein Ida Pauls. An dem Haus Nr. 3 ist Folgendes interessant: Das dreistöckige Giebelfachwerkhaus, in dem die Familie Wagner/Propfe wohnte, hat eine quergeteilte Haustür aus dem späten 16. Jahrhundert (Abb. 11). Die zweigeteilte Haustür war „eine nützliche Einrichtung in einer Zeit, da die Hausflure noch recht dunkel waren. So konnte die Hausfrau den oberen Teil öffnen und Licht und Luft ins Haus lassen. Gleichzeitig hinderte der verschlossene untere Teil Hühner, Schweine, Schafe, Kühe und Hunde daran, die Türschwelle des Hauses zu überschreiten und bot Gewähr dafür, dass sich die kleineren Kinder nicht aus der Obhut des Hauses entfernten.“ (Jacobi 1999, o.S.) Der Text kann bei Seibel 1979, S. 66 nachgelesen werden. Dort findet sich auch noch ein anderer Liedtext der Brüder: „Rouscheberg – frieher on jetzt“.

 

Propfe Haus

 

Seitlich am Propfe-Haus vorbei führt ein öffentlicher Weg an der Stadtmauer entlang bis zum „Krafttor“, dem Eingang zum Friedhof.

 

Hungerbögen

Von hier hat man einen besonders schönen Blick auf sieben rundbögige Nischen in der Stadtmauer. Im Volksmund heißen diese Mauervertiefungen „Hungerbögen“, eine Anspielung darauf, dass an diesen Stellen Steine im Mauerwerk eingespart worden waren, da man wohl davon ausging, dass hier wegen des davor befindlichen steilen und unwegsamen Geländes feindliche Angriffe nicht zu erwarten waren. Im fünften Bogen ist das „Krafttor“ eingebaut. In einem Sandstein sind die Worte eingemeißelt:
ANNO 1578
ALS HEINR: DAVM
BVRGERMEISTER
GEWESEN ERBAUT
Weiter links unten vom „Krafttor“, an der Stadtmauer, stehen heute in der Höhe des Propfe-Hauses Garagen. Nach dem Zweiten Weltkrieg befand sich an deren Stelle vorübergehend in einem zweistöckigen Fachwerkhaus eine Wäscherei, die von Raiffeisen unterhalten wurde.

 

Krafttor

Beim Weitergehen fällt uns ein stattliches Fachwerkwohnhaus ins Auge. Es trägt die Hausnummer 1. An dieser Stelle stand früher eine große Scheune, die beim Einmarsch der Alliierten am 29. März 1945 durch Beschuss mit Panzergranaten vom „Ruhestein“ an der Himmelsberger Straße aus zerstört wurde und bis auf die Grundmauern niederbrannte. Als Scheune wieder aufgebaut, verkaufte sie der Besitzer Damm („Treppedamms“) Ende der 1960er Jahre an den Bäckermeister Konrad Moll; später wurde sie zu einem Wohnhaus umgebaut. Zwischen Kraftgasse 1 und Schmaleichertorstraße 12 stand ursprünglich ein kleines Fachwerkhaus, in dem sich früher die Schreinerei Jockel befand. Nach dem Einzug in ihren Neubau in der Straße Im Sand kaufte der Schäfer Sauer das Häuschen. Mitte der 1950er Jahre wurde es durch Blitzschlag zerstört und nicht wieder aufgebaut. Heute befindet sich an dieser Stelle ein Carport zum Haus Kraftgasse 1. Ältere „Kraftgässer“ erinnern sich noch an das nächtliche Bellen der Schäferhunde und an den Auszug des Schäfers mit seiner allmählich anwachsenden Schafherde, wenn er die Tiere zum Hüten einsammelte.

 

Hinter dem Rathaus

 

Hinter dem Rathaus Schild

Hinter dem Rathaus

Sofort sticht den Passanten ein repräsentativer dreigeschossiger Fachwerkbau in der Gasse Hinter dem Rathaus ins Auge. Dieses eindrucksvolle Eckgebäude aus Jahr 1567 mit der Nr. 1 war früher ein Doppelhaus.

 

Baeckerei

 

Die Bäckerfamilie Erich Hofmann kaufte beide Haushälften und richtete nach einem Umbau um 1950 im Erdgeschoss eine Bäckerei mit Café und Gaststätte ein. Eine Zeitlang gab es im 1. Obergeschoss auch Gästezimmer. Zeitzeugen erinnern sich, dass sie gelegentlich nach den Übungsstunden des Kirchenchores gern zu einem gemütlichen Abschluss ins sogenannte „Rathaus-Café“ einkehrten. Die Nachkommen der Familie Hofmann führten die Bäckerei nicht weiter. Sie renovierten und bauten um und richteten, um mit der Zeit zu gehen, in dem Gebäude eine Gaststätte mit einer Diskothek ein, „Backhaus“ genannt. Über viele Jahre war die Diskothek, die an zwei Tagen in der Woche geöffnet hatte, der „Hit“ bei der Jugend in und um Rauschenberg, die sogar der beliebten Trachtengruppe Konkurrenz machte. Später wurden die beiden unteren Geschosse des Gebäudes verpachtet und bis zur Schließung im Jahre 2006 als Gaststätte weitergeführt. Der auch heute noch sehenswerte Türbogen über dem Eingang zum Backhaus zeigt folgende Abbildung:

 

Türbogen Backhaus

Der Text der Inschrift lautet: „Illo hann – Ist diz Haus Durch Henrich Ducke Bausen mit Gottes Hilff Der wolles bewahren 1567“.

Vor diesem Haus führt ein schmaler Fußweg hinauf zur Schloßstraße. Dieser, wie auch der danebenliegende Parkplatz, wurde im Zuge der Straßensanierung 2009/10 mit Beton-Verbundsteinen gepflastert. Auf der linken Seite stehen liebevoll restaurierte Fachwerkhäuser, darunter das Doppelhaus mit den Nummern 5 und 7. Die untere Hälfte gehörte einst der jüdischen Händlerfamilie Isaak Katz-Stiefel („Schnaps-Michel“), die Ende 1941 ins Ghetto Riga deportiert wurde. (Vgl. Händler-Lachmann u.a., S. 183.) Ihre Haushälfte kaufte die aus Ernsthausen stammende Familie Weckesser. Um eine zusätzliche Einnahmequelle zu erschließen, hielt sie offiziell den städtischen Geißbock. In der oberen Hälfte mit der Nr. 7 wohnte der Ackerbürger Helfrich Gamb, genannt „Heiich“.

 

Misten

Beide Häuser hatten ein Problem: Wohin mit dem Viehmist aus den hinter dem Haus liegenden Ställen? Im Haus Nr. 5 wurde der Mist durch den schmalen Durchgang zwischen den Häusern 3 und 5 mit dem Misthaken auf die Miste vor dem Haus gezogen. Und im Haus Nr. 7 wurde der Mist durch den Hausflur auf die Miste vor dem Haus transportiert. Vor dem Haus? Da war doch die Rückseite des Rathauses. Abb. 16, ein Privatfoto, zeigt diese Situation 1961: Links ein Teil des Rathauses, in der Mitte der Blick auf die Schmaleichertorstraße, rechts die Häuserfront von Hinter dem Rathaus und vorne in der Mitte die beiden Misten. Früher war der Platz hinter dem Rathaus viel steiler. Zeitzeugen erinnern sich: „Im Winter fuhren die kleineren Kinder zwischen den Misten und dem Rathaus Schlitten. Abends trafen sich dann die Jugendlichen zum Schlittenfahren. Sie waren mutiger. Ab der Kegelbahn, heute Wohnhaus der Familie Pigulla, ging es los über die Schloßstraße, auf dem Gang zwischen dem Rathaus und den Misten die Schmaleichertorstraße hinunter bis in die Straße Im Sand oder geradeaus in Richtung Wohratal. Häufig fuhren sie auch über die querliegende Hauptstraße (Schmaleichertorstraße/Auf dem Römer) in die Marktstraße und dann weiter die Siedlungsstraße hinunter. Beschwerlich war nur wieder der Rückweg zum Berg hinauf. Zur damaligen Zeit konnte man so eine waghalsige Gaudi noch riskieren.“

 

Balkeninschriften

Vom „Renthof“ zur „Alten Oberförsterei“

 

Geht man durch das Schlosstor in die Stadt hinunter, so sieht man rechts eine wuchtige Mauer. Gegenüber der Kirche erstreckt sie sich hinab ins Tal. Der Mauer entlanggehend, gelangen wir in die Kraftgasse und stehen nach wenigen Schritten vor einem prächtigen Fachwerkhaus.

 

Oberfoersterei

 

Aber die Mauer geht weiter, bildet einen Bogen und stößt an die Stadtmauer am Friedhof. Es handelt sich um ein „umfriedetes“ Areal, das in Rauschenbergs Vergangenheit eine wichtige Rolle spielte. Doch davon später mehr. Betrachten wir zunächst dieses große und prächtige Haus. Wir sehen als erstes ein stattliches Wohnhaus, dazu einen weitläufigen Hof mit hohen alten Bäumen und einer quer zum Haus und in die Stadtmauer integrierten Backstein-Remise. Nach rechts oben führen einige Stufen in einen Garten. Geheimnisvoll wirkt der wie ausgestorben liegende Hof, und man möchte sich in die Vergangenheit träumen, auf Spurensuche gehen. Aber die Mauern beginnen nicht zu erzählen, die alten Bäume rauschen nur. Eine am rechten Eingangspfosten angebrachte Schrifttafel (s. Abb. 18) gibt uns die ersten Informationen: Seit mehr als 400 Jahren steht dieses Gebäude. Es wurde einmal „privat“ erbaut, wurde an den „Landgrafen verkauft“, war Teil des „Renthofbezirkes“, wurde zum „Wohn- und Amtshaus des Amtsschultheißen“, war dann „Rentamt“ und später Sitz des „Forstamtes Rauschenberg“, und heute ist es wieder im Privatbesitz.

 

Informationstafel

Was wissen wir von diesem Haus? Einen Hinweis fanden wir in einer hektographierten Unterlage von einer „Fachwerkbegehung“ der VHS Marburg-Biedenkopf aus dem Jahr 2000. Dort lasen wir neben einer Beschreibug der Fachwerkskonstruktion u.a., dass es sich bei diesem dreistöckigen stattlichen Traufenhaus um einen Wirtschaftshof der Burg handele. Über der zweiflügeligen Haustür sei zwischen zwei Balkenköpfen folgende Inschrift zu lesen:„Erbaut vor vielen Jahren / Wüßte manches ich zu sagen / Von Freud, Leid, Not u. Trutz / Und wie ich stand in Gottes Schutz.“ Lässt man den Spruch auf sich wirken, so erzählt er, dass sich hier wie überall das „volle Leben“ abgespielt hat.“ Und bei einem Besuch der „Denkmalsbehörde“ im Jahr 2013 in Marburg konnten wir einer Akte entnehmen, dass das Fachwerkhaus lt. §2 des Hess. Denkmalschutzgesetzes ein „Kulturdenkmal“ darstellt und (lt. Akte) schon 1984 zur Eintragung in das Denkmalbuch des Landes Hessen vorgesehen war. Zur Begründung lasen wir: „- Von geschichtlicher Bedeutung als ehemaliger Burgmannensitz in typischer Stadtrandlage unterhalb des ehemaligen Amtshofes mit gut erhaltenem herrschaftlichen Wohnhaus des 16.Jh. mit typischen Konstruktionsmerkmalen der ehemaligen Grafschaft Ziegenhain; „- von künstlerischer Bedeutung wegen der für die Zeit repräsentativen Baugestaltung in klar geordnetem Fachwerkgefüge; „- von städtebaulicher Bedeutung wegen des weithin sichtbaren, die Stadtmauer überragenden Baukörpers des Wohnhauses.“ (Abschrift einer Kopie) Oben wurde schon erwähnt, dass das Haus in einem „umfriedeten“ Areal steht und Teil des „Renthofbezirkes“ war. (S. Abb. 19.) Wollen wir aber mehr über den Hintergrund dieser Anlage erfahren, so müssen wir weiter ausholen und in die Geschichte dieses Ortes eintauchen.1 Rauschenberg war ein Bestandteil der Grafschaft Ziegenhain. Der jeweilige Graf war der „Herr“, an den die Abgaben – oft in Naturalien – zu leisten waren.2 Dazu war eine Verwaltung nötig, und diese Verwaltung befand sich im Renthofbezirk in Rauschenberg. Zum Areal gehörten früher auch noch drei Fruchtböden (gegenüber der Kirche), die sogenannten „Bäue“ (s. auch Beschreibung des „Koch’schen Hauses) 3, , zu denen Bromm schreibt: „Endlich gab es in Rauschenberg gegenüber der Kirche jedoch etwas unterwärts von ihr, drei große, mehrstöckige, sehr fest in Eichenholz gefügte Fruchtböden, die dem Staate gehörten. Viele hiesige Einwohner, denen die Lage der Schulen vor der Stadt unangenehm war, wünschten die Erwerbung dieser Bäue, um Material und Platz zu Schulhäusern in der oberen Stadt zu gewinnen. Der Plan schlug jedoch fehl und die Bäue wurden 1873 vom Staate auf Abbruch verkauft.“(S. Bromm, S. 65.)

 

1 Bei unserer Darstellung stützen wir uns auf die Chroniken von Bromm, Prüser sowie Seibel und Trost.
2 Zum „Amt“ gehörten auch die Dörfer Schmaleichen, Wambach, Ernsthausen, Hatzbach, Erksdorf, Zettrichshausen, Wohra, Langendorf, Wolferode, Speckswinkel, Schwarzenborn und Niedlingen. Deren Bewohner mussten ihre Abgaben jeglicher Art nach Rauschenberg zur Renterei bringen.

 

Renthofbezirk

3 „Bäue“ war in früheren Zeiten ein Ausdruck für Gebäude unterschiedlichster Art. (Vgl. Schmitthenner, S. 55.)
4 Anhand einer Karte des Landmessers Scheffer (s. „Zur Historischen Entwicklung“) von 1740 mit einigen Hinzufügungen. Die Bäue hat Scheffer in seiner Karte nicht nur im Grundriss, sondern sogar als Gebäude gezeichnet.

 

„Herrschaftlicher Amtshof“, „Ökonomiehof“ – wie passt das mit den „Rechten“ einer Stadt zusammen? Als nach dem verheerenden Brand der Siedlung 1266 Graf Gottfried von Ziegenhain Rauschenberg die Stadtrechte verlieh, da gab es wichtige Veränderungen: Ab sofort sollten die durch Brand Geschädigten neue, von Lasten befreite Grundstücke zugewiesen bekommen, dafür aber die alten dem Grafen überlassen! Den Bürgern der Stadt wurde der „Zehnte“ erlassen, die vorher mit Zinsen belasteten Äcker und Wiesen wurden zinsfrei. Weder Zoll noch sonstiges „Ungeld“ sollten vom Grafen erhoben werden, sondern die Bürger der Stadt sollten selbst darüber entscheiden, ob sie solche Gebühren zum Nutzen ihrer Stadt einführen wollten. (Vgl. Prüser, S. 2.) Da gab es viele neue und wichtige Rechte. Aber die Bürger blieben immer noch „Untertanen“. Und für die umliegenden Gebiete der Grafschaft Ziegenhain galten noch immer die alten Regelungen. Das Amt und damit der Rentmeister hatten die „höheren“ Rechte, da die Burg früher da war als die Stadt und ihr Oberhaupt, der Bürgermeister. Ihm oblag zwar die Verwaltung der Stadt, doch es war der Rentmeister, der das letzte Wort hatte. Er übte die „höhere Gerichtsbarkeit“ aus, prüfte auch den städtischen Haushalt und vereidigte die Neubürger. Das änderte sich auch nicht, als 1450 Amt und Stadt Rauschenberg „hessisch“ wurden, da die Linie der Ziegenhainer Grafen ausgestorben war. Die jeweiligen „Herren“ mussten ihre Gebiete organisieren und verwalten, ihre Einkünfte sichern. Und dazu dienten in Rauschenberg die „herrschaftlichen“ Beamten, die Rentmeister und die Amtsschultheißen. Der oben (s. Abb. 18) erwähnte Rentmeister Balthasar von Weitershausen war nicht der erste oder der letzte Rentmeister in Rauschenberg. Deswegen hier ein kurzer Exkurs zu Rauschenberger Rentmeistern und Amtsschultheißen. Erwähnenswert ist, dass sich auch damals schon die Ämter und Positionen irgendwie „vererbten“. Aus unterschiedlichen (Internet-)Quellen haben wir für Balthasar von Weitershausen erfahren, dass sein Großvater Johann und sein Vater Christian schon Burgmannen in Rauschenberg waren und dass sein Sohn Cunrad (Conrad) ihm im Amt des Rentmeisters nachfolgte. Über ein Jahrhundert hat die Familie von Weitershausen die Geschichte Rauschenbergs mitbestimmt.5,6 Balthasar von Weitershausen, der sich auch um den Bau des Rauschenberger Rathauses verdient gemacht hat, verdanken wir ein „Salbuch“, in dem alle beweglichen und unbeweglichen Güter, einschließlich der Namen der Bürger, aufgelistet sind. Den Inhalt dieses auf Befehl des Landgrafen Ludwig von Hessen-Marburg 1570 verfassten Dokumentes7, beschreibt der Balthasar von Weitershausen so: Das „Salbuch des Amtes Rauschenberg an allem und jedem, Hoch-, Ober- undt Herrlichkeiten, auch Gefällen, Renthen, Zinsen und anderen Einkommen an Geldt, Frucht, Federviehe undt anderm, sampt Verwaltungk aller und jeder Particularorther undt Anstoßer, wo undt an wehn sie gelegen, an wehn sie grentzen undt wie sie heißen oder Namen haben“. (S. Prüser, S.74.) Hier gäbe es viele spannende Details zu erwähnen. Wir wollen uns auf eins beschränken. In dem Salbuch sind die Namen aller Bürger aufgelistet. Die Stadt hatte damals 122 Bürger und damit 122 Haushalte. Dazu kamen noch andere: die Beamten, die Prediger, nachgeordnete Bedienstete usw. Prüser, der jeden Haushalt mit fünf bis sechs Personen veranschlagt, kommt insgesamt für 1570 auf eine Einwohnerzahl von ca. 1000 Personen. Diese stimmt mit späteren (1782) genauen Zahlen (161 Bürger, 1098 Seelen) usw. gut überein. (Vgl. Prüser, S. 77.) Aber neben denen „von Weitershausen“ gab es auch andere „Beamte“, die z.T. ausführlich bei Prüser vorgestellt werden. Zwei von ihnen wollen wir erwähnen, da sie den Rauschenbergern bekannt sein dürften. So der Rentmeister Carl Dornheck, der 1666 bei der „Großen Landesvisitation“ von Bürgern der Stadt wegen des unbotmäßigen Verhaltens seiner drei Söhne angeklagt und deshalb nach Marburg zitiert wurde. (Ob und wie er bestraft wurde, ist uns nicht bekannt.) Den Rauschenbergern könnte der Name „Dornheck“ durch die große Grabskulp tur der 1675 gestorbenen Martha Elisabeth Dornheck in der Rauschenberger Kirche bekannt sein. Ein Amtsschultheiß, der (1759 ernannte) Johann Heinrich Riemenschneider, ist in Rauschenberg wohl besser bekannt, da er Anlass zu der Legende8 „Riemenschneiders Loch“ wurde. Er war als „brutal“ verschrieen. Aber eigene Recherchen9 im Marburger Staatsarchiv ergaben ein anderes Bild. Er war wohl ein sehr gestrenger und gesetzestreuer Herr, was vielleicht so manchem Bürger gar nicht gepasst hat. Soweit unser Exkurs zu den Rauschenberger „Beamten“. Doch wie ging es mit unserem Haus in der Kraftgasse weiter? Die ehemalige Landgrafenschaft zu Cassel wurde Anfang des 19. Jh. zum Kurfürstentum. Aus dem Renthof wurde das Rentamt. Justiz und Verwaltung waren fortan getrennt. Als 1866 Rauschenberg „preußisch“ wurde, war aus dem Renthof längst die „Oberförsterei“ geworden, später, nach einem Neubau, sogar die „Alte Oberförsterei“, wie man sie auch heute oft nennt. 1932 wurde das Anwesen an privat verkauft, weitervererbt und ist heute ein Mietshaus. Wir Rauschenberger sollten und können uns freuen, ein über 400 Jahre altes Kulturdenkmal in unseren Mauern zu haben. Und wir hoffen, dass das auch noch lange Zeit so bleiben wird.

 

5 Die Tochter Anna des Balthasar von Weitershausen heiratete den Rauschenberger Bürgermeister Konrad (Curth) Lauck und wurde Mutter von 14 Kindern.

6 Auch heute noch sind uns Nachkommen dieser alten und verzweigten Adelsfamilie bekannt, so die Schauspielerin Gila von Weiterhausen, die nach ihrem vollem Namen „Gisela Freiin von Weitershausen“ heißt.
7 Eine ausführliche Darstellung dieses Salbuches findet sich bei Prüser, S. 73 ff.

 

Rentmeister

8 A.-W. Seibel hat diese Legenden gesammelt. (Seibel (1979), S. 29 ff.) Seibel informiert uns auch über die wahren Umstände von Riemenschneiders Tod: „Am 2. August 1770 wurde begraben Herr Johann Riemenschneider, hochfürstlicher Amtsschultheiß und Rentmeister allhier, starb sanft und Seelig den 31. Juli des Morgens 8 Uhr, alt 52 Jahre, 7 Monate, 3 Wochen, 7 Tage.“ (a.a.O., S. 30)

9 Ursula Riedig, ein Mitglied der Geschichtswerkstatt, hat sich 1990 in einem anderen Kontext anhand der Akten im Staatsarchiv Marburg ausführlich mit Riemenschneider beschäftigt und diesen Eindruck gewonnen.